Wer braucht schon ewige Strahlemänner? Sich immer nur gut und richtig verhalten – das kann und will doch wohl keiner. Im Kino jedenfalls sind jene Figuren meistens die langweiligsten, die makellos sind, stets blendend aussehen und auch immer alles richtig machen. Deswegen müssen schließlich selbst propere Sauberfrauen wie Meg Ryan oder Sandra Bullock immer ein wenig hysterisch sein, um wenigstens einen kleinen Fehler zu haben. Das soll nun nicht heißen, dass wir immer nur fiese Bösewichter auf der Leinwand sehen wollen, denn das wäre vermutlich auch schnell wieder langweilig. Aber umso spannender ist das Gratwandern in der Grauzone zwischen gut und böse, das in dieser Woche gleich eine ganze Reihe von Filmhelden tun.

Das Treiben von Ben alias Jim Sturgess in „21“ kann man jedenfalls durchaus zwiespältig sehen, obwohl seine Handlungen weder tödliche Folgen haben noch streng genommen illegal sind. Aber immerhin schickt sein Professor ihn und ein paar Mitstudenten wochenends nach Las Vegas um durch Kartenzählen am Black Jack-Tisch die Casinos zu schröpfen. Aus dem schüchternen Nerd Ben wird im Glitzern des Sündenpfuhls schnell ein neuer Mensch, doch auch im finalen Showdown besteht natürlich keinerlei Zweifel, auf wessen Seite man in dieser Geschichte steht.

In „Der rote Baron“ tut man sich diesbezüglich womöglich schwerer, denn Matthias Schweighöfer in der Titelrolle ist ein eher ungewöhnlicher Kino-Protagonist. Natürlich sieht das Goldlöckchen des deutschen Films mal wieder strahlend aus und in seinem schicken Flieger-Outfit sogar wie einer Modezeitschrift entsprungen. Doch er spielt eben den Kriegspiloten Manfred von Richthofen, der für den Tod zahlloser Gegner verantwortlich war und dazu noch für die Kriegsanzettler und –verlier aus Deutschland kämpfte. Ein guter Film ist das öde Weltkriegsepos samt alberner Lovestory deswegen zwar noch lange nicht, aber dass man sich in Deutschland mit so viel Pathos an einen solchen Helden wagt, ist zumindest nicht uninteressant.

Auch in „Tödliche Entscheidung – Before the Devil Knows You’re Dead“ ist der moralische Standpunkt als Zuschauer nicht unbedingt leicht zu finden. Wirklich sympathisch ist hier nämlich keiner der Protagonisten und was das Leben in der Grauzone angeht, verdüstert es sich für die großartigen Hauptdarsteller Philip Seymour Hoffman und Ethan Hawke schlagartig. Einen Raubüberfall ausgerechnet auf das Juweliergeschäft der eigenen Eltern zu planen und dann auch noch eine geladene Waffe dabei zu haben, war vielleicht doch keine so gute Idee. Aber auch sonst geraten die Brüder von einem Schlamassel ins nächste – und Regielegende Sidney Lumet inszeniert das so spannend, dass man nicht anders kann als mitfiebern.

Auch in „Sharkwater“ kommen Protagonisten zum Einsatz, die man durchaus als umstritten bezeichnen kann. Dem Hai als solchen eilt schließlich nicht gerade der beste Ruf voraus, woran sicher nicht nur, aber eben doch auch das Kino Schuld trägt. Dokumentarfilmer Rob Stewart aber hat nun eine Liebeserklärung an die Meeresraubtiere gedreht, die so gefährlich eben doch nicht sind und überdies gegen ihre Ausrottung kämpfen. Wie nah er den Haien dabei kommt, ist bemerkenswert und kommt im derzeitigen Boom der Tier-Dokus gerade passend.

Alle anderen Kinohelden dieser Woche sind weit weniger zwielichtig oder fragwürdig gezeichnet – und tatsächlich eine ganze Ecke weniger interessant. Katja Riemann, Armin Rohde und Nachwuchshoffnung Max Riemelt tollen durch die Dramödie „Up! Up! To the Sky“, in der ein junger Mann glaubt, ein Außerirdischer zu sein, während sich der Amerikaner Todd in „Outsourced“ beim Aufbau eines Callcenters in Indien ähnlich fremd am Platz fühlt.

Auch in „Mr. Shi und der Gesang der Zikaden“ geht es ums Fremdsein, als ein chinesischer Vater zu seiner Tochter in die USA reist. Lauter hübsche Filme, denn auch das Leben in einer ungewohnten Umgebung ist schließlich eine filmreife Grauzone. Noch viel spannender ist es aber eben, wenn gute Jungs mal böse Sachen tun.

Text: Patrick Heidmann