….den bestraft in diesem Fall hoffentlich nicht das Leben. Es wäre nämlich höchst ungerecht, wenn The Features mit ihrem brillanten Debüt ‘Exhibit A’ untergehen würden, nur weil alle denken, besser als Franz Ferdinand könne man den New Wave der Achtziger nicht in unsere Zeit übertragen. Dabei liegt zu Ton gewordene Antithese für diese Behauptung bereits seit anderthalb Jahren in der Schublade. Und wenn Sie jetzt, beim Lesen dieser Zeilen oder schon vor einer ganzen Weile, entschieden haben sollten, dass die Welt nun wirklich keine weiteren Retro-Gitarrenpopper mehr braucht, wäre das zwar verständlich, aber wirklich schade. Ihnen würde das euphorischste, enthusiastischste Stück modernen Pops seit einiger Zeit entgehen.

So langsam gewöhnt er sich daran. Auch wenn Interviews zu geben für Rollum Haas immer noch etwas Neues ist und sie gerade erst dabei sind, „herauszufinden, wer in der Band diesen Job am besten erledigen kann“. Zunächst einmal ist die Wahl dabei auf den 24-jährigen Schlagzeuger und den Gitarristen, Sänger und Songwriter der Band Matt Pelham,29, gefallen. Während wir an der Berliner Spree sitzen und die letzten Strahlen eines schönen Spätsommertages genießen, frage ich mich, was an diesen unscheinbaren Jungs die überbordende Intensität in ihrer Musik erklärt…

Sie kommen vom Land: Sparta, Tennessee, der nächste liquor-store eine halbe Tagesreise entfernt, ist eines dieser Dörfer im tiefsten republikanischen Süden der USA, in denen sich „kaum einer die Mühe macht, unter die Oberfläche der offiziellen Staatsdoktrin zu blicken“. „Deep down in the heart of country-music“ ist es zudem schwer, wenn man musikalisch anders tickt. Immerhin läuft Duran Duran im Radio, die im Interview von Roxy Music erzählen über die man wiederum bei Devo landet. Das klingt aufregend anders. Und ist Legitimation genug für Pelham, Bassist Roger Dabbs und den etwas eigentümlich aussehenden Keyboarder Parrish Yaw, ihr zwischenzeitlich aufgenommenes Studium zu schmeißen, um sich ganz der Musik zu widmen. Diesen Weg will der alte Schlagzeuger nicht mit ihnen gehen und so kommt Rollum ins Spiel. Auch wenn es sich bis hier vielleicht so anhört, sind die Features aber beileibe keine Rebellen: „Wir feiern keine Parties, wir hatten keine schwere Kindheit, wir sind einfach nur mit Leib und Seele Musiker“, erklärt Haas. Und so führen die vier auch ein durchaus bürgerliches Leben. Alle haben feste Jobs, während der Woche wird gearbeitet, am Wochenende die Provinz beackert.

Als die Band dann zehn Jahre nach ihrer Gründung endlich unter Vertrag genommen wird, hat Pelham bereits zwei Kinder. Und genau da liegt der Hund begraben. Denn das sehnsüchtig nach vorne preschende, juvenil-ungestüme Element von Hymnen wie „The Way It’s Meant To Be“ oder „The Idea Of Growing Old“ verdanken wir in erster Linie den Freuden der Vaterschaft, dem täglichen Wunder, welches das Heranwachsen seiner Kinder für Pelham bedeutet. Sie sind die Haupt-Inspirationsquelle, ihnen hat er einen Großteil seiner Songs gewidmet. ‘Exhibit A’ ist ein typisch amerikanisches Album einer britisch beeinflussten Band geworden. Die Quellen, derer sich The Features bedienen, sind so mannigfaltig, dass man ihnen mit der schnöden Aufzählung irgendwelcher Bandnamen Unrecht tun würde. Diese Musik steht ganz und gar für sich selbst. Und wer bei der ersten Single ‘There’s A Million Ways To Sing The Blues’ nicht spontan alles liegen lassen, sich verlieben, oder vor Glück anfangen möchte zu heulen, dem ist nun wirklich nicht mehr zu helfen. Die Urheber des Ganzen aber sind gedanklich schon wieder ganz woanders: „Das Album zeigt nicht, wo wir als Band gerade stehen, da wir es bereits vor mehr als einem Jahr aufgenommen haben. Der ganze Business-Kram hat die Veröffentlichung so lange hinausgezögert, dass wir die Songs jetzt schon kaum mehr hören können.“ Vielleicht kriegen sie ja bis zum nächsten Album noch ein paar Kinder. Wir jedenfalls sind mit ‘Exhibit A’ erst einmal bestens versorgt.

Text: Torsten Groß