Okay, das klingt jetzt zynisch, doch George Dabbelju Bush hat auch Gutes bewirkt. Unfreiwillig, aber ist ja wurscht. So sind etwa global Millionen gegen den Krieg im Irak auf die Straße geströmt, verfolgten mengenweise Kinogänger staunend Michael Moores „Fahrenheit 9/11“, haben sich zahllose Initiativen gebildet, um die Ärmel gegen den neo-konserativen Rechtsruck hochzukrempeln. Außerdem gilt es zu notieren: Seit dem Vietnam-Krieg sind nicht mehr so viele Musiker auf die Barrikaden und Bühnen gegangen, um gegen eine verfehlte Politik anzuspielen. Der „Boss“ Bruce Springsteen, Steve Earle, Tom Fogerty, Dave Matthews, R.E.M., Pearl Jam, Dixie Chicks, Eminem und viele andere riefen zur Wahl von Cowboy-Gegner und Ketchup-Sentor Kerry auf – mit Erfolg. In der Gruppe der jungen Erwachsenen wählten 54 Prozent den Demokraten Kerry – immerhin. Das sollte man auch mal sehen, bei allem Frust über die Älteren, denen Schwulen-Ehe und Abtreibung ein Dorn im Auge sind und die deshalb ihr Kreuz bei W. machten.

Tom Morello (früher Rage Against The Machine, heute Audioslave) und Serj Tankian (System Of A Down) wollten da nicht tatenlos zusehen, die beiden gestandenen Rocker gründeten Axis Of Justice. Bei der Taufe hatte wieder der, im Namen Gottes wütende, Präsi seine gefalteten Händchen im Spiel. Ihren Namen bezog die Non-Profit-Organisation vom Bush-Wort „Axis Of Evil“, einem politischen Kampfbegriff geprägt von orthodoxer Religiosität. Die beiden Gutmenschen dagegen wollen Bewusstsein für soziales Unrecht schaffen und Geld für Bedürftige sammeln, davon gibt es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten über 40 Millionen – Tendenz steigend. Weiterhin wenden sie sich gegen Rassismus und Ungerechtigkeit, für Frieden und die Erhaltung der Umwelt – damit können sie der Sympathie des Alten Europa sicher sein. Axis Of Justice sehen sich in der Tradition linker Folkbarden wie Leadbelly, Pete Seeger und Woody Guthrie, die vor 50 Jahren gemeinsam auf der Bühne standen, um für Bürger-, Menschen- und Arbeiterrechte zu kämpfen. Damals machten Politiker und Bonzen noch kurzen Prozess und ließen auf Arbeiter und Gewerkschaftsfunktionäre schießen. Im Zeitalter der Globalisierung ist sowas wohl nicht mehr nötig, da wird die Fabrik kurzerhand nach China verlegt…

In diesen Tagen erscheinen CD und DVD „Axis Of Justice Concert Series Vol. 1“, die eine erstaunliche stilistische Vielfalt unter einen Hut bringen – von Folk und Rap bis zu Schrägem und Rock. „Rebellische Musik kommt in allen Formen und Größen“, schreiben Morello und Tankian in ihrem Medien-Info denn auch. Die Konzert-Serie begann ursprünglich, um streikende Einzelhandelsarbeiter in Los Angeles zu unterstützen und wuchs inzwischen zu einer breiten Graßwurzelbewegung heran. Neben den beiden Initiatoren traten Promis wie Flea (Red Hot Chili Peppers), James Maynard Keenan (Tool, A Perfect Circle), Wayne Kramer (MC5), Pete Yorn und andere auf. Ferner enthält das Werk einen Beitrag von Chris Cornell (früher Soundgarden, heute Audioslave) und Keenan, zusammen sangen sie auf dem letzten Lollapalooza Nick Lowes „(What´s So Funny About) Peace, Love and Understanding“ – äußerst passend für die Bush-Zeit. Sämtliche Einkünfte von CD und DVD gehen natürlich an die Axis Of Justice Foundation, die davon diverse gute Zwecke unterstützt.

Künstlerisch ist die Sache stellenweise gewagt – wenn etwa Tankian das Piano aufs Heftigste traktiert oder der Nightwatchman (Tom Morellos alter ego) klingt, als hielte er sich tatsächlich für Woody Guthrie. Daneben es gibt einen Haufen cooler Songs, so u.a. das Cover von U2s Melancho-Hymne „Where The Streets Have No Name“ und Dylans Dauerbrenner „Chimes Of Freedom“. Wichtiger ist in diesem Fall jedoch, dass Leute ihre Stimme erheben, sich zusammenschließen und Politik sowie Wirtschaft genau auf die Finger schauen. Nochmal Morello/Tankian: „Die Musik, die wir hören, und die Musik, die wir machen, helfen, unsere Kultur und unser Leben zu formen. Es war eine Ehre mit Künstlern auf der Bühne zu stehen, die – wie wir – versuchen, sich eine bessere Welt vorzustellen.“

Henning Richter