Im Vorfeld des Interviews wurde uns eine kleine Anekdote zugetragen, die ungefähr so geht: Es soll wohl in Discotheken modernerer, gitarrenlastiger Prägung in jüngster Zeit häufiger nach Einsatz von Gang-Of-Four-Songs die Frage belauscht worden sein, wie denn die junge, wilde Band heißt, die da gespielt wird. Das nennt man wohl zeitlos. Der Sänger dieser jungen, wilden Band – Jon King, geboren 1955 – schmunzelt, als wir ihm davon erzählen.

Eine mögliche Erklärung, warum der Zahn der Zeit die frühen Werke seiner Band nicht wirklich zu beißen bekommen konnte, hat King aber tatsächlich auf Lager: “Wir haben unsere ersten Platten ohne jegliche Zugeständnisse an aktuelle Sounds und Trends aufgenommen. Da gibt es keine Effekte zu hören, außer dem bisschen Echo auf dem Gesang. Extrem trocken das Ganze – und vielleicht gerade deswegen keiner Zeit zuzuordnen.” Auch in Bezug auf die Texte lässt sich diese Behauptung aufrecht erhalten: Zwar immer vom Selbstverständnis her eine politische Band, ergingen sich Gang Of Four jedoch nie in all zu plakativer Anprangerung der sie umgebenden Missstände: “Ich wollte nie über Thatcher singen, oder über Tagespolitik. Mir ging es immer eher um die Politik des Privaten, Persönlichen – die Gefängnisse, die wir uns selbst in unserem Alltagsleben einrichten.” Und so gibt es in den Texten der Gang Of Four-Songs wie ‘Ether’ zwar durchaus Bezugnahmen auf aktuelle Geschehnisse, doch ist Jon King davon überzeugt, dass selbst solch konkrete Textzeilen auch ohne viel Mühe von denkenden Menschen abstrahiert und auf die Jetzt-Zeit angewandt werden können.

Interessant ist bei der Gelegenheit, dass Gang Of Four eine jener Bands sind, denen immer attestiert wurde, “ihrer Zeit voraus” gewesen zu sein. Lustigerweise tauchte im Umfeld der aktuellen GO4-Reunion dann die “folgerichtige” Formulierung auf, das Quartett sei inzwischen “von der Zeit eingeholt worden”. Was auf den ersten Blick nicht eben schmeichelhaft klingt, aber durchaus Sinn ergibt: Kaum eine Band wurde in letzter Zeit so oft als Referenzgröße für Newcomer bemüht wie die Vier aus Leeds. Franz Ferdinand, The Futureheads, Bloc Party – allüberall erinnert es mit kantigen Gitarren und treibenden Drums an die erstaunlich unpeinliche Verquickung von Funk und Punk, die Gang Of Four mit wegweisenden Songs wie ‘To Hell With Poverty’ oder ‘Natural’s Not In It’ so überzeugend lieferten. Vielleicht wäre es also passender zu sagen, dass die musikalische Zeit (mal wieder) reif sei für Gang Of Four.

Zwar ist es keineswegs die erste GO4-Wiedervereinigung dieser oder jener Art, aber dies ist eine besondere: “Das mit den sogenannten Reunions ist eine komische Sache,” grübelt Jon King. “wir waren in den letzten 20 Jahren in den unterschiedlichsten Konstellationen zugange. Aber diese einzigartige Chemie, diese Kraft besitzt tatsächlich nur das Original-Quartett, mit dem wir jetzt wieder spielen.” Und das besteht neben Jon King aus dem Gitarristen Andy Gill, der sich in der Zeit nach (und während) Gang Of Four seine musikalischen Meriten vor allem als Produzent unter anderem der ersten Red Hot Chili Peppers-LP verdiente und dem Drummer Hugo Burnham, den es genau wie den vierten im Bunde, den Bassisten David Allen im Anschluss an seine Musikerzeit einer lukrativen Karriere wegen in die USA verschlug.

Die vier haben sich nun auf Vermittlung von Andy Gills Manager (!) wieder zusammengerauft: “Er sagte, wie sollten uns doch wenigstens mal in einem Raum zusammensetzen und unterhalten. Und tatsächlich fühlte sich das – trotz all der Zeit und allem was passiert war – an, als säße man mit einem Haufen Buddies zusammen.” Dabei muss es um einiges entspannter zugegangen sein, als während der ersten aktiven Phase der Band, die King rückblickend als “eine Art Gefängnis” beschreibt – “eine zwar aufregende, aber auch schmerzvolle Zeit.” Denn heute, so der Sänger “haben wir gelernt, mit diesem Monster zu leben, das wir geschaffen haben; ja, die Extreme sogar zu genießen”.

Was sie anscheinend nie so recht genießen konnten war der Drum-Sound ihrer frühen Platten. Der, gibt King murmelnd und einigermaßen ausweichend zu verstehen, sei der Hauptgrund gewesen, warum sie statt neuer Songs lieber auf bewährte Stücke der ersten drei Alben zurückgegriffen und diese neu eingespielt haben. Hauptregel für die Entstehung des ‘Comeback’-Albums ‘Return The Gift’ sei dabei gewesen, “die Struktur der Songs beizubehalten. Auch die Texte wurden nicht verändert”. Mit Nostalgie jedoch, so King, habe das “nichts zu tun. Nostalgie ist Scheiße”.

Nostalgie dürfte auch für einen Haufen anderer an dem Projekt Beteiligter kaum eine Motivation gewesen sein: Schließlich waren wohl die meisten Mitglieder der Bands, die auf der zweiten Hälfte des ‘Return The Gift’-Doppelalbums die alten Gang Of Four-Songs remixten, gerade mal geboren worden, als King, Gill & Co. die Originale schufen. Neben den Rakes tummeln sich auf Disc Zwei auch Hot Hot Heat, die Yeah Yeah Yeahs und sogar die Retro-Synthie-Popper von Ladytron. Deren Remix von ‘Ether’ ist dann auch gleich Jon Kings Favorit unter den zwölf Überarbeitungen. Ja – nicht nur die Bands der Gegenwart haben ihre Lektion bei Gang Of Four gelernt; auch die Altvorderen schreiten wachen Auges und offenen Ohres durch die musikalische Landschaft: “Ich finde Franz Ferdinand klasse; sie sind eine großartige Pop-Band“, schwärmt Jon King. Auch für die Futureheads, die Hives und den Black Rebel Motorcycle Club kann der seriös wirkende Herr im Anzug sich erwärmen. Merkwürdig findet er nur, dass Bloc Party aus der Reihe der GO4-Fans tanzen: “Die behaupten tatsächlich, uns nie gehört zu haben!” Und das, obwohl King gerade dort eindeutige Referenzen auszumachen vermeint. “Aber egal, ich finde die trotzdem gut.” Weniger gut war, dass Gang Of Four eine für Anfang Oktober geplante Tour durch Deutschland auf Grund einer Knieverletzung Kings absagen mussten. “Das Knie ist zwar noch nicht wieder ganz in Ordnung, aber wir wollen trotzdem unbedingt noch nach Deutschland kommen. Vor allem Berlin – das ist unsere Lieblings-Party-Stadt auf der ganzen Welt!” Na, nu haben wir all’ die Jahre gewartet, da kommt’s auf ein paar Monate der Rekonvaleszenz auch nicht mehr an. Bis dahin erfreuen wir uns an den “bigger drums” der neuen Aufnahmen, graben auf Flohmärkten nach alten Original-Platten –  und versuchen, uns zuhause nicht all zu sehr wie Touristen aufzuführen.

Interview: Torsten Groß & Torsten Hempelt / Text: Torsten Hempelt