Wer oder was sind die Queens Of The Stone Age? Eine Band? Ein Kollektiv mit wechselnden Protagonisten, in dem nur die Mannschaft der Star ist? Oder vielleicht doch nur Mastermind Josh Homme plus diverse hired guns? Und: Spielt das überhaupt eine Rolle? So lange das, was auch immer die Queens sind, solche Alben veröffentlicht wie jetzt ‘Lullabies To Paralyze’, lautet die Antwort auf diese Frage: Nein, spielt es nicht. Nicht die Mannschaft, die Musik ist hier der Star! Namen sind Schall und Rauch, und was heute ist, kann morgen schon wieder ganz anders aussehen. Legen sie die Sicherheitsgurte an für einen kleinen Exkurs durch die jüngere Geschichte einer außergewöhnlichen Band.

In ihrer aktuellen Inkarnation bestehen Q.O.T.S.A. aus Joey Castillo (Ex-Danzig, Schlagzeug), Troy Van Leeuwen, der so ziemlich alles spielt, meist aber Gitarre, und natürlich dem Master of Ceremony: Mister Joshua Homme. Eigentlich gehört auch noch Multiinstrumentalist Alain Johannes von Eleven dazu. Ein ausgezeichneter Musiker, der wie ein gesichtsloser Schatten in den letzten Jahren zahllose Alben wie das Solo-Debüt von Chris Cornell oder auch das letzte von Mark Lanegan veredelte, der aber weder Zeit noch Lust hat, sich zu lange an ein Projekt zu binden und deshalb nun vermutlich längst wieder etwas ganz anderes macht.

Das es ausgerechnet diese Jungs sind, ist übrigens mehr oder weniger ein Zufall, denn: “Wir waren halt die drei Typen, die am Ende der letzten Tour übrig geblieben sind und Lust hatten, was zu machen”, wie Van Leeuwen erzählt. Der war früher bei A Perfect Circle und kennt sich also aus mit häufigen Besetzungswechseln in All-Star-Projekten. Allerdings auch mit guter Musik.

Auf besagter Tour und vor allem danach hatte es ja bekanntlich gewaltig gescheppert. Vor allem zwischen Homme und seinem Dauerkollaborateur Nick Oliveri  – die beiden Ex-Kyuss’ler hatten die Queens einst gemeinsam gegründet – aber auch Teilzeit-Sänger Mark Lanegan ist angeblich im Streit gegangen. Das dachten wir zumindest bis jetzt. Joey Castillo aber weiß es besser: “Mit Mark Lanegan … das hat die Presse hochgekocht. Er brauchte einfach Zeit, um sein hervorragendes Solo-Album ‘Bubblegum’ einzuspielen und damit auf Tour zu gehen. Das ist völlig normal, wenn du so kreative Leute wie ihn dabei hast. Die Queens sind schließlich kein sklavischer Band-Verbund, und wenn jemand etwas anderes zu tun hat, dann tut er das und kommt danach wieder. Nur in der Presse wird dann gleich immer wer weiß was daraus gemacht.”

Lanegan ist nun auch wieder bei einigen Songs mit von der Partie. Bleibt Oliveri, der auf der aktuellen Platte von besagtem Alain Johannes ersetzt wird. Fragt man Castillo, ist der Ex-Bassist natürlich “nach wie vor ein sehr guter Freund von uns allen”. Auch wenn Joey zugibt, dass es ohne den allgemein als durchgeknallten Weirdo bekannten Nick “definitiv etwas entspannter läuft als vorher”. Gegangen sei Oliveri aber “freiwillig”. Wie auch immer es nun gelaufen sein mag, Josh Homme hatte nach Beendigung der Tour zu ‘Songs For The Deaf’, dem bislang erfolgreichsten und besten Queens-Album, eine Menge Songs, die bearbeitet und aufgenommen werden wollten. Castillo und Van Leeuwen hatten nichts besseres zu tun, also folgten sie Homme in die Wüste. Denn das ist ja der Mythos der Queens: Dass sie ihre Alben während drogengeschwängerter Monate wild halluzinierend in der Ödnis der Wüste schreiben. “Tatsächlich ist es natürlich nicht diese endlose Drogenparty, die manche Leute sich bei uns vorstellen”, weiß Castillo. “Wir arbeiten meistens nachts, und zwischendurch kommen eine Menge Leute vorbei; und natürlich feiern wir auch hin und wieder mit denen. Aber es gab genau so häufig konzentrierte und sehr arbeitsintensive Phasen.”

Und in diesen Phasen arbeitet die vierköpfige Basis-Belegschaft entgegen dem, was allgemein vermutet wird, tatsächlich relativ gleichberechtigt an den neuen Songs: “Zwischen Josh und uns anderen herrschte eine Art sportliche Konkurrenz, die den Songs sehr zu Gute kam”, weiß Van Leeuwen. “Die meisten Ideen kamen zwar von ihm – er ist der Sänger und ich denke grundsätzlich, dass der Sänger immer die grobe Richtung vorgeben sollte – aber ansonsten hatten wir einen guten kreativen Flow. Wir haben versucht, eine freiheitliche Atmosphäre zu kreieren, in deren Rahmen jeder sich frei entfalten konnte.” Und die offensichtlich so freiheitlich war, dass sich, nachdem ursprünglich geplant war, das Album komplett zu viert aufzunehmen, nun doch wieder jede Menge Gäste auf dem fertigen Werk tummeln. “Wir wollten diesmal eigentlich gar keine Gäste dabei haben. Nur hingen zufällig all diese Leute wie Shirley Manson (Garbage) und Brody Dalle (Distillers) im Studio herum. Oder bei ‘Lullaby’, dem ersten Song auf der Platte, wurde uns klar, dass die Nummer eigentlich nur Mark Lanegan singen kann. Und so ging das dann immer weiter: Chriss Goss kam vorbei, um uns ein bisschen zu helfen, oder wir brauchten ein bestimmtes Instrument für diesen oder jenen Song und passenderweise war irgendjemand da, der es spielen konnte. Der einzige, den wir wirklich gefragt haben, war Billy Gibbons. Wir sind alle große ZZ-Top-Fans, und diese Gelegenheit wollten wir uns nicht entgehen lassen. Billy ist ein großartiger Gitarrist und wahrer Blues-Mann.”

Wer jetzt langsam bei all den Namen ein bisschen den Überblick verliert und befürchtet, dass ‘Lullabies…’ ebenso verworren klingt – keine Angst. Gibbons und Lanegan sind die einzigen, die dem Album wirklich ihren Stempel aufgedrückt haben. Der Chor mit Armstrong und Manson ist zum Beispiel kaum zu hören. Das von Lanegan gesungene, leicht gespenstische Wiegenlied ‘Lullaby’ zu Beginn aber, trifft genau den Geist und die Atmosphäre des Albums – der ideale Auftakt. Es ist eine Richtungsempfehlung und, nun ja, nicht unbedingt die Art von Wiegenlied, das man seinen Kindern vorspielen würde. Für eine Band, die auf ihrer Website zum fröhlichen Meucheln einiger Schafe und Hexen einlädt und sich selbst im Info zum neuen Werk als eine Bande mordlustiger, den Bremer Stadtmusikanten nachempfundener Tiere stilisiert, mag so was aber als Einschlafhilfe durchaus funktionieren. Anschließend begeben sich die Queens auf eine musikalische Tour de Force, eine Reise durch die Nacht, in der garantiert niemand Schlaf findet. “Wir haben, wie gesagt, meistens nachts gearbeitet”, erklärt Castillo, “und ich glaube, dass hat der Platte ihre Farbe gegeben. Dieser Übergang vom Sonnenuntergang in die schwarze Tiefe der Nacht.”

‘Lullabies To Paralyze’ ist ein tausendköpfiges Monster, dem man unglaublich mit einigen wenigen Durchläufen gerecht werden kann. Im Vergleich zu ‘Songs For The Dead’ ist das Werk deutlich dunkler und psychedelischer, nicht so direkt und in die Fresse (was sicherlich mit dem im Vergleich zu Dave Grohl nicht so hard-rockenden Schlagzeugstil Castillos zusammenhängt). Trotzdem wird – vor allem im ersten Teil – natürlich auch wieder solide gerockt. So wie auch alle anderen vertrauten Zutaten – wie Hommes Trademark-Gitarrensound und die psychedelisch-poppigen Gesangsharmonien – wieder vorhanden sind. Nur auf die in der Vergangenheit meist von Oliveri ausgegangenen Weirdo-Sounds der Band à la ‘Feel Good Hit Of The Summer’ müssen die Fans naturgemäß verzichten. Insgesamt muss man aber auch sagen, dass weniger als 14 Songs hier durchaus mehr gewesen wäre. Den besonders in der zweiten Hälfte verliert das Album immer wieder an Schwung. So kann ‘Lullabies To Paralize’ seinem Vorgänger ‘Songs For The Deaf’ zwar nicht wirklich das Wasser reichen, ist aber durchaus ein würdiger Nachfolger.

Den man, will man den Schöpfern einen Gefallen tun, auf keinen Fall vorschnell beurteilen sollte: “Ich hoffe wirklich, dass niemand den Versuch unternimmt, diese Platte nach dem ersten Hören zu bewerten”, wünscht sich Castillo. “Es sind so viele Songs, so viele unterschiedliche Dinge enthalten, das braucht Zeit. Wir sind sehr stolz auf diese Songs und alles worum wir bitten ist, dass man ihnen die nötige Hingabe und Aufmerksamkeit schenkt.” Ist gebongt!

Text: Torsten Groß