Deutscher Pop – mit Folgen

Über deutschsprachigen HipHop spricht man bestenfalls noch, wenn sich ein prolliger Berliner eine Maske aufs Gesicht setzt, oder vier Stuttgarter langsam auf die 40 zugehen. Die Kollegen aus den heimischen Pop- und Rock-Gefilden dagegen sind in aller Munde – und Ohren.

Mit Mia.s “Was Es Ist” hatten die Diskussionen vor gut anderthalb Jahren begonnen. Ein toller Popsong, nur kamen im Text für einige irritierend oft die Farben Schwarz, Rot und Gold auf. Als in diesem Sommer zahllose Künstler eine Radio-Quote für deutsche Musik forderten, überschlugen sich die Meinungen – dafür und dagegen. Und dazu dudelte überall “Wir Sind Wir” von Paul Van Dyk und Peter Heppner.

Hier gleich von einem gesellschaftskulturellen Trend zu sprechen, hält mancher für überspitzt. Immerhin gab es immer schon junge Bands, die ihre eigenen Texte nicht reflektieren und sich stattdessen an Publicity
erfreuen genauso wie es immer schon junge Bands gab, die einen eigenen und neuen Weg mit und zu ihrer eigenen Kultur fanden. Die Radio-Quote ist auch alle paar Jahre mal wieder Thema, und dass Herr Heppner gerne
mal Blödsinn singt, ist ebenfalls bekannt.

Aber ich schweife ab: die deutsche Kultur in der Musik und das Problem, dass wir mit ihr haben oder eben auch nicht, soll aber hier auch gar nicht das Thema sein – auch wenn es sich an anderer Stelle sicher lohnen
könnte, sich mal ein paar Gedanken dazu zu machen…

Viel profaner flatterten mir allein in der letzten Woche mit “Neue Helden 2” (Universal), “Junge Helden” (Sony), “Perfekte Welle – Musik Von Hier” (Universal) und “Neudeutsch” (EMI) gleich vier Sampler, die sich neuen deutschen Rock- und Pop-Titeln widmen. Auch diese Idee ist nicht taufrisch: Die schöne Reihe “Neue Heimat” wirft schon seit längerem in regelmäßigen Abständen einen Blick auf etablierte und neue deutsche Elektro-Pop-Künstler. Doch eine so vehemente Flut von Zusammenstellungen gab es noch nie.

Rammstein oder Yvonne Catterfeld sucht man auf den CDs vergeblich. Die ersten, weil man sich ja nicht verdächtig machen will; die zweite, weil man natürlich irgendwie indie sein möchte (auch wenn eine Band wie
Silbermond nur wenige Gitarren von der GZSZ-Sängerin trennen). Dennoch geht es bei diesen Samplern längst nicht mehr nur darum, einen Überblick zu verschaffen oder gar unbekannte Bands zu fördern. Dazu herrscht schlicht zuviel altbekanntes Einerlei auf den CDs.

Die bereits erwähnten Mia. etwa sind auf allen vier Compilations mit Songs des letzten Albums zu finden, auf zweien ist es “Ökostrom”. Auch Wir Sind Helden, Sportfreunde Stiller, Spillsbury, Juli, Rosenstolz oder Klee sind mehrfach und teilweise mit den gleichen Songs vertreten,
2raumwohnung singen “Spiel Mit” gleich doppelt, Silbermond geben mehrfach ihre abgenudelte “Symphonie” zum besten und auch Die Sterne, Tomte, Virginia Jetzt!, Thimo Sander oder Mediengruppe Telekommander kennt man zu Genüge, wenn man 2004 seine Ohren ein bisschen offen hatte.

Nur wer die letzten anderthalb Jahre am anderen Ende der Welt verbracht hat, dürfte noch echte Neuentdeckungen machen – und dann reicht definitiv einer der vier Sampler, ganz gleich welcher. Allen anderen wird schnell klar, dass Deutschpop-Sampler nur ein neuer Weg der Plattenfirmen ist, ihre ohnehin schon erfolgreichen Songs ein weiteres Mal zu vergolden. Zu “Bravo – Die deutschen Hits” ist es also nur noch ein kleiner Schritt. Wobei auffällt, dass auf der aktuellen “Bravo Hits” ohnehin schon Juli und Rosenstolz zu finden sind. Rammstein und Fräulein Catterfeld übrigens auch.

Text: Patrick Heidmann