„Wann ist die Show morgen Abend? Um Neun, sagst Du? Das passt, um Neun habe ich nix zu tun – ich werde da sein“, grinst David Johansen. Der Mann, der ein wenig aussieht wie eine Mischung aus Iggy Pop und Mick Jagger, spricht so gelassen von dem bevorstehenden Auftritt, als sei es ein gemütliches Jammen mit ein paar alten Freunden im Blues-Club um die Ecke. Und
irgendwie ist es das auch, wenn auch mit historischen Dimensionen: Das „morgen Abend“ vom Anfangssatz bezieht sich auf den 28. März 2006, einen freundlichen Frühlingsdienstag. Und bei der Show, von der die Rede
ist, handelt es sich um nichts geringeres als einen Auftritt der legendären New York Dolls im nicht minder legendären New Yorker CBGB – dessen zweites „B“ stand übrigens tatsächlich mal für „Blues“. Soviel zum Blues-Club…

Bevor aber die wiedervereinigten bzw. überlebenden Dolls die heilige Bühne des abgeranzten CBGBs betreten, bevor diejenigen Glücklichen, die Einlass zum Manhattaner Punktempel erlangt hatten, vor dieser feiern – und nicht zuletzt bevor eine Dame im Publikum namens Debbie Harry das ganze Spektakel mit ihrer Anwesenheit und einem Lächeln bedenken wird – bevor also all dies geschehen kann, mussten erst einige unüberwindbar scheinende Hindernisse aus dem Weg geräumt werden…

Schließlich waren beinahe dreißig teils gute, oft aber schwere Jahre vergangen – zwischen den Anfängen der New York Dolls und diesem Abend. In den frühen Siebzigern waren Sänger David Johansen, Sylvain Sylvain und Johnny Thunders (beide Gitarre), sowie Arthur Kane (Bass) und Billy Murcia (Schlagzeug) ein paar Kids, irgendwo zwischen Tagträumer, Tunichtgut und Talent – all das warfen sie in den großen Topf, aus dem die New York Dolls entstanden. Doch schon wenig später waren die bereits wieder am Ende – 1972 hatte es Murcia als ersten erwischt: Während einer Party auf ihrer ersten England-Tour starb der Drummer auf tragische Weise und wurde durch Jerry Nolan ersetzt. Der wiederum teilte mit Johnny Thunders eine gefährliche Leidenschaft: Heroin. Die beiden verließen im Streit die Band, woraufhin Johansen und Sylvain mit wechselnden Musikern noch eine Weile weiter tourten, bis sie 1977 komplett das Handtuch schmissen.

Diese fünf Dolls, die mit ihrer gewagten Garderobe, ihren schlampigen Riffs und nicht zuletzt ihrer Attitüde samt Johansens clever-provokanten Texten eine nachhaltig wirkende Melange aus Punk und Glam schufen, sollten nie wieder gemeinsam auf einer Bühne stehen. Thunders und Nolan starben in den frühen Neunzigern den klassischen Rock’n’Roll-Junkie-Tod, bevor eine Annäherung stattfand.

Doch jemand namens Morrissey machte im Jahre 2004 das Unglaubliche möglich – die drei Überlebenden, Johansen, Sylvain und Kane, spielten als New York Dolls das erste Konzert seit 29 Jahren. David Johansen erinnert sich: „Er stellte 2004 das Meltdown-Festival in

London zusammen, und fragte uns, ob wir spielen würden. Wir sagten Ja, das Konzert war schnell ausverkauft und wir hatten Spaß! Deswegen spielten wir ein zweites, und bekamen im Anschluss daran viele Angebote für Auftritte bei diesen Schlammparties… wie heißen sie noch? Festivals. Das machte auch Spaß, genau wie die Konzerte in Spanien und an all diesen anderen verrückten Orten – also beschlossen wir einfach, weiterzumachen.“

Auch wenn kurz danach Kane an Leukämie starb – das Feuer in Johansen und Sylvain war wieder entfacht. Zumal auch diesmal die Bedingungen und Umstände richtig waren: „Wir bekamen über die Jahre immer wieder Angebote, uns wieder zusammenzutun. Aber die kamen immer von Leuten, die ich „stummelfingerige Vulgarianer“ nenne – von Dieben, die sich auf unsere Kosten bereichern wollten. Ich habe eine gute Antenne für schlechte Vibes, und wusste immer, dass ich mich auf so etwas nicht einlassen wollte. Als Morrissey anrief und fragte, und er die Unterstützung dieser britischen Kunst-Stiftung hatte, schien es zum ersten Mal wie eine Idee, die richtig umgesetzt durchaus funktionieren könnte. Ich meine, wir wollten, dass alles richtig arrangiert ist – und nicht, dass wir in einem Truck durch die Gegend kurven müssen, den wir am Ende auch noch selbst fahren und als Übernachtungsmöglichkeit nutzen sollen…“

Das ist inzwischen nicht mehr zu befürchten: Gemeinsam mit Sam Yaffa (Bass), Brian Delaney (Drums), Steve Conte (Gitarre) und dem Keyboarder Brian Koonin haben Johansen und Sylvain das Puppenschiff wieder flottgemacht, sich warmgespielt – und tatsächlich nicht nur weiter, sondern 2006 auch tatsächlich ein neues Album gemacht: ihr drittes, offizielles Studiowerk – eine großartige ROCK-Platte namens „One Day It Will Please Us To Remember Even This“. Verpasst nicht das, was möglicherweise die letzte Chance für diese tolle Band ist!