Nachdem Rammstein ihre Fans zuletzt drei lange Jahre auf einen Nachfolger zum 2001er Album “Mutter” warten ließen, schalten sie nun den Turbo ein: Nur ein Jahr nach “Reise, Reise” liegt mit “Rosenrot” in diesen Tagen bereits ein weiteres Album des Berliner Sextetts vor. Doch was ist “Rosenrot”? Vollwertiges Rammstein-Album oder eilig nachgeschobene Resteverwertung zum schnellen Abkassieren?
 
Darüber und über eine Dekade Rammstein sprachen wir mit Vielredner, Hobbykoch und Gitarrist Paul Landers, 40, der sich auch nach zehn Jahren “musikalisch bei Rammstein verwirklichen kann“, und von dem es daher “mit Sicherheit nie ein Solo-Album geben wird.” Ebenfalls kommt nach wie vor kein Interview mit der martialisch auftretenden Band ohne Link zur aktuellen Nationalismus-Debatte im Pop aus. Und hier erfuhren wir Erstaunliches: Landers, der zum Interview in einer geräumigen Suite des Berliner Hyatt Hotel Hof hielt und sich dort wegen der räumlich an eine Praxis erinnernden Begebenheiten “fast wie ein Arzt oder Psychiater” fühlte, ist laut Eigenauskunft ein “linker Patriot” und bei seiner Band solle man “ruhig davon ausgehen, dass wir immer das Richtige meinen”.
 
Paul, mit “ROSENROT” liegt nun nur ein knappes Jahr nach “Reise, Reise” bereits der Nachfolger vor – für Rammstein-Verhältnisse ist das sensationell schnell. Wie kommt das?
 
Wenn wir ein Album machen, nehmen wir immer mehr Lieder auf als wir brauchen. Das ist wie beim Kochen. Jeder kennt doch die Situation: Die Eltern kommen zu Besuch, man will etwas ganz besonders Gutes kochen, aber aus irgendeinem Grund funktioniert’s nicht – obwohl man sich streng an das Rezept gehalten hat. Um in so einem Fall nicht mit leeren Händen dazustehen, greift man dann eben auf ein Lied von der Ersatzbank zurück, von dem man weiß, dass es funktioniert hat und den Rest verwirft man. Bei den “Reise, Reise”-Sessions war es aber nun so, dass “dummerweise” alle Lieder gut geworden sind und wir auf einmal vor der Frage standen, was wir nun mit dem ganzen tollen Material machen sollen. Die Lösung, ein weiteres Album aufzunehmen, erwies sich als die beste, weil wir mit “Rosenrot” nun endlich unseren aktuellen Plattenvertrag, der über fünf Alben ging, erfüllt haben. Außerdem reizte uns der Gedanke, auch künstlerisch mal ein schnelles Album aufzunehmen. Dazu muss man wissen, dass wir ein sehr schwerfälliger Verein sind. Wie ein großer Tanker, der durch die Weltmeere tuckert. Es kann ewig dauern, bevor da mal eine Kursänderung stattfindet.
 
Auf dem Cover der aktuellen Platte steckt der Tanker sogar fest…
 
Genau. Jedenfalls muss man sich die beiden Platten im Prinzip als Doppelalbum denken. Zuerst wollten wir die Scheibe sogar “Reise, Reise 2” nennen. Das haben wir aber nun verworfen, da “Rosenrot” als eigenständiges Rammstein Album zu sehen ist. Trotzdem gehören beide Platten zusammen, sie erscheinen eben nur zeitversetzt. Einige der Songs waren zum damaligen Zeitpunkt auch noch gar nicht fertig geschrieben, da fehlten teilweise noch die Texte. Dann wollten wir auch endlich mal ausprobieren, wie es ist, in Berlin aufzunehmen – das hatten wir noch nie gemacht. Es hat allerdings nicht so gut funktioniert. Es geht einfach nicht, wenn man gerade vom Steuerberater kommt und dann ins Studio geht und “Zerstören” singt.
 
Du sprachst von eurem erfüllten Vertrag und übrig gebliebenen. Ist “Rosenrot” am Ende gar kein vollwertiges Rammstein-Album, sondern nur eine lukrative Form der Resteverwertung?
 
Auf keinen Fall. Das ist ein komplettes Rammstein-Album, das unseren Ansprüchen voll genügt – wo Rammstein drauf steht, ist auch Rammstein drin. Der einzige Unterschied zu unseren vorherigen Platten ist der, dass die Lieder keine musikalische Weiterentwicklung dokumentieren, da sie thematisch “Reise, Reise” zugehörig sind.
 
Ein Doppelalbum hätte ja eh nicht funktioniert, da ihr ja die eiserne Regel habt nicht mehr als elf Songs auf ein Album zu nehmen.
 
Ja, in der Kürze liegt die Würze, seltener Besuch mehrt die Freundschaft usw. Da sind wir wieder beim Essen: Wenn du sechs Tage hintereinander dein Lieblingsgericht isst, kannst du das irgendwann nicht mehr sehen. Deshalb versuchen wir immer alles kurz zu halten. Auch die Konzerte sollen nicht zu lang sein. Die Leute langweilen, das können andere machen. Wir wollen unterhalten.
 
Noch mal kurz zurück zum Bild mit dem festgefahrenen Tanker auf dem Cover. Wie vermeidet ihr zu große Routine, wie haltet ihr das Projekt Rammstein frisch?
 
Da wir sechs Leute sind, hatten wir eigentlich immer mehr Aufregung als uns lieb sein kann. Die einzige feste Größe ist unser Produzent, aber ansonsten hat es in den letzten zehn Jahren schon ganz schön in den Nähten geknistert. Da wäre uns manchmal ein bisschen mehr Routine durchaus recht gewesen. Glücklicherweise haben wir uns aber bislang immer wieder berappelt.
 
Wie hat sich euer Verhältnis zueinander denn über die Jahre gewandelt. Ist das eine reine Arbeitsbeziehung oder gibt es nach wie vor private Kontakte untereinander?
 
Wir haben als reine Freundschaftsband angefangen und die meisten Freundschaften innerhalb der Band sind eigentlich noch genauso wie vorher. Klar, ein bisschen hat sich da schon getan. Wenn du jemanden zehn Jahre lang beinahe jeden Tag siehst, bekommst du schon ein anders Bild von ihm. Insgesamt aber hat sich nicht so viel geändert und in letzter Zeit läuft es sogar wieder besser zwischen uns als noch vor einigen Jahren. (Klopft auf Holz)
 
Das ist ja auch verdammt wichtig, dass die Chemie stimmt, oder?
 
Auf jeden Fall. Erst jetzt wissen wir so richtig zu schätzen, was wir mit der Band haben. Man denkt sich irgendeinen Mist aus und die Leute hören sich das an, bezahlen sogar Geld dafür und ermöglichen uns, um die ganze Welt zu reisen. Das war uns früher gar nicht so richtig bewusst, wie einzigartig und toll das ist. Der Unterschied zu Gerhard Schröder zum Beispiel ist: Wir können immer weitermachen und er muss, wenn ihn keiner mehr haben will, den Frontmann-Job abgeben und im übertragenden Sinne auf einmal wieder Ton-Mann machen.
 
Aber ihr könnt ja auch gewissermaßen abgewählt werden.
 
Nee, eben nicht.
 
Na ja, wenn das Publikum die Platten nicht mehr kauft und die Konzerte nicht mehr besucht, kommt man vielleicht irgendwann wieder auf ein Level, wo man nicht mehr von der Musik leben kann.
 
Das stimmt natürlich. Aber so was kommt allmählich und nicht mit einem Schlag. Darauf könnte man sich rechtzeitig einstellen.
 
Wichtig, damit so was nicht passiert ist ja, dass eine Entwicklung stattfindet. Würdest du sagen, dass ihr euch über die Jahre weiterentwickelt habt und vielleicht sogar Risiken eingeht?
 
Wir haben verschiedene Charaktere in der Band. Einige von uns scheuen sich vor jeder Art von Veränderung. Sie wollen stets die alten Strukturen bewahren und fahren auch alte Autos. Andere wiederum haben immer das neueste Auto und streben nach Weiterentwicklung. Dadurch ist es uns bis jetzt gelungen, eine gute Mischung aus Bewährtem und Neuem zu machen. Wenn man so will, sind wir wie eine Mischung aus AC/DC, wo ein Lied wie das andere klingt, und Bands wie U2 oder Depeche Mode, die in jeder Phase ihrer Karriere Wagnisse eingegangen sind. Insgesamt haben wir uns sehr verändert, aber eben nicht auf einen Schlag, sondern Stück für Stück.
 
Durch die Rammstein-typischen Gitarren-Riffs und das charakteristische Organ von Till Lindemann seid ihr natürlich aber schon auf eine bestimmte Richtung festgelegt. Man nimmt dadurch vielleicht als Außenstehender Veränderungen nicht ganz so massiv war, wie euch das selber vorkommt…
 
Es ist ganz einfach: Von Bands, die einen nicht interessieren, klingt jeder Song gleich. Wenn ich meiner Oma das “Black Album” von Metallica vorspiele und danach “Reload”, dann ist das für sie zweimal unerträglicher Lärm. Sie wird kaum in der Lage sein, nachzuvollziehen, was für eine gigantische Entwicklung die Band zwischen diesen Alben gemacht hat. Wer sich für die Musik interessiert, nimmt die Unterschiede und die Entwicklung war, die bei uns stattgefunden haben.
 
Stichwort Routine: Wie ist das auf Tour? Passieren da nach all den Jahren noch aufregende besondere Dinge oder ist das immer ein ähnlicher Ablauf?
 
Vom Ablauf her gleicht sich das schon sehr, aber man kann die Lebensqualität mehr schätzen als am Anfang. Ich weiß jetzt, wo in Barcelona ein gutes Cafe ist, wo es in Mailand gute Spaghetti gibt oder wo ich in Paris ein gutes Sandwich kriege – das fetzt.
 
Ihr habt ja auch Erfolg in eher Rock’n’Roll-untypischen Ländern wie Russland oder Mexico. Du bist als Russland-Fan bekannt und ihr seid dort auch viel unterwegs. Man hört von dort tourenden Bands immer wieder von der Notwendigkeit, ständig irgendwelche Leute schmieren zu müssen. Habt ihr diese Erfahrung auch gemacht?
 
Wir haben in Russland Mäzene, die stets ihre schützende Hand über uns halten. So müssen wir zum Beispiel am Flughafen nie durch die Zoll-Kontrolle. Von daher habe ich da eine ziemlich verzerrte und vermutlich realitätsferne Sichtweise.
 
Verstehe. Das Live-Konzept ist ja ebenfalls eine unerschütterlich Größe im Rammstein-Universum, es ist über die Jahre relativ stabil geblieben. Wie lange kann man so was machen?
 
Wir wollen immer mehr brennen, lauter, heller strahlender sein; sind aber langsam an einem Punkt, an dem wir eigentlich fast keinen mehr draufsetzen können – da müssten wir schon anfangen, ganze Häuser auf der Bühne abzubrennen. Nichtsdestotrotz bin ich nach wie vor zufrieden mit der Show, ich kann das immer noch unterschreiben. Vor ein paar Jahren hatten wir mal eine gewisse Feuermüdigkeit und haben versucht, Wasser in die Show zu integrieren. Aber Wasser und Rock-Musik mit lauten Gitarren passen einfach nicht zusammen, es gibt schon einen Grund, warum das keiner macht.
 
Ozzy Osbourne macht das.
 
Ach ja, der kippt seine paar Eimer ins Publikum, oder was?!
 
Nee, der hat so ein ausfahrbares Druckstrahl-System, mit dem er dann die ersten 30 Reihen von oben bis unten einnässt.
 
Wasserkanonen. Hatten wir auch schon, das geht – kann man machen. Aber ich meinte jetzt Wasser auf der Bühne und nicht das Publikum nass spritzen. Jedenfalls hat sich das mit dem Pyro-Kram soweit verselbstständigt – wir können gar nicht mehr anders.
 
Wäre das denn vielleicht ein Traum von euch, einmal nur wegen der Musik wahrgenommen zu werden und auf den ganzen Kram verzichten zu können?
 
Das ist ein schwieriges Thema. Wie groß ist der Anteil der Show an unserem Erfolg? Ich bilde mir ein, dass wir auch ohne diese Bühnen-Show relativ erfolgreich wären, da ja die Musik ihre Qualität besitzt. Aber die Frage stellt sich eigentlich nicht mehr so. Einerseits lenkt natürlich jeder Effekt von der Musik ab und macht die Sache zu so einer Art Zirkus. Andererseits ist das nun einmal bei uns so. Wir werden nie im Holzfällerhemd auf der Bühne stehen, stundenlange Soli spielen und uns gegenseitig hochschaukeln, das passt nicht. Da wir mit Sequenzern spielen, sind wir musikalisch auf der Bühne an ziemlich starre Vorgaben gebunden. Wir haben schon versucht, das zu durchbrechen, indem wir improvisierte Parts eingebaut haben, aber nach drei Mal haben wir dann doch wieder immer dasselbe gespielt. Das liegt vielleicht an unseren deutschen Wurzeln. Wir lieben es zu wiederholen, zu repetieren und mit stumpfem Gesicht immer wieder dasselbe zu machen.
 
Das Monotone macht ja auch zu einem Gutteil euren Stil aus.
 
Ja, es gibt zwar einige von uns, die von manchen Songs die Schnauze voll haben und dann nehmen wir auch einmal eine Nummer aus dem Programm. Die meisten in der Band aber lieben es, immer dasselbe zu machen. Das stumpfe Wiederholen des immer selben. Wie im Theater, also auch wenn’s vielleicht bitter klingt: Ich sehe uns ein bisschen wie ein Musiktheater. Wenn man den Hamlet spielt, kann man auch nur in ganz geringem Maße von der Vorgabe der Rolle abweichen und so ist das bei uns auch, wir sind nicht so hemdsärmelig. Das hat uns aber keiner auferlegt, sondern das ist ein freiwilliges Korsett. Vielleicht auch eine Schiene, auf der wir sicher dahinrollen. Schön gesagt hab ich das! Ich bin begeistert. (Lacht)
 
Statt des Holzfällerhemdes habt ihr ja durchaus andere Outfits probiert, wie zum Beispiel NVA-Uniformen für Frauen, mit denen ihr vor einiger Zeit bei einer Motor-Party aufgetreten seid und damit wohl endgültig jenen den Wind aus den Segeln genommen habt, die euch für eine humorfreie Band halten.
Wie humorvoll oder nicht man wahrgenommen wird, das kann man sowieso nicht beeinflussen. Wir versuchen immer ein bisschen Abwechslung reinzubringen, zuletzt ist es aber schon fast ein bisschen zu lustig geworden. Jetzt soll erstmal wieder Schluss mit Lustig sein!
 
Selbstironie ade?
 
Nein. Aus Versehen sind wir sehr oft selbstironisch und mit Absicht ist das auch schon passiert. Gerade die Deutschen sind sehr froh, wenn so eine martialische Pose wie die unsere zusammenbricht und das Ganze eine ironische Brechung erfährt, weil sie damit aus geschichtlichen Gründen nicht so gut umgehen können. Generell ist in Deutschland übrigens auch der Umgang mit Erfolg ein anderer als in anderen Ländern, das wird anders bewertet.
 
Ich will diese Sache jetzt nicht so sehr streifen, weil das glaube ich umfassend abgehandelt ist. Aber ihr nehmt auch auf dem aktuellen Album wieder billigend in Kauf, dass man euch missversteht wenn ihr zum Beispiel einen Song wie “Zerstören”, in dem es um den Wunsch geht, fremdes Eigentum zu zerstören, mit arabischen Harmonien einleitet. Das könnte man auch als Aufruf zu rassistischen Übergriffen deuten…
 
Interessant, habe ich noch nie so gesehen. Da würde ich allerdings unterstellen, dass du irgendeine Frequenz hast, die so darauf reagiert. Wir halten ja mit solchen Sachen gewissermaßen den Leuten einen Spiegel vor. Entstanden ist der Text während des Irak-Krieges. Uns haben die Parallelen zwischen einer marodierenden Horde Jugendlicher interessiert, die nach einem Fußballspiel durch die Straßen zieht und alles kaputt schlägt, und Staaten, die in andere Staaten einfallen und dort alles kaputt schlagen. Unser Grundgedanke war der, dass das überhaupt keinen Unterschied macht. Wir haben es als Frechheit empfunden, dass die Amerikaner einfach irgendein Land bombardieren und damit auch noch durchkommen. In dem Moment ist George Bush für mich nichts anders als irgendein asozialer Hooligan. Grundsätzlich kannst du bei uns immer vom Richtigen ausgehen und brauchst eigentlich nie zu denken, dass wir solche Sachen falsch meinen (lacht).
 
Ich glaube aber, dass viele das bei euch gerne tun: vom Falschen ausgehen. Deshalb ist es ja auch in gewisser Weise mutig, dass ihr euch solche Sachen überhaupt noch traut und nicht aus Angst missverstanden zu werden übersensibilisiert darauf verzichtet.
 
Wir waren eine ganze Weile ziemlich übersensibilisiert, haben uns das aber abgewöhnt. Wir fühlen uns schließlich keiner Schuld bewusst.
 
Es gibt noch weitere Songs, die zu Missinterpretationen Anlass geben. So ist die Richtung bei “Mann Gegen Mann” für mich ebenfalls nicht ganz klar.
 
Das ist jetzt aber interessant, was würdest du denn sagen?
 
Nachdem du gesagt hast, man soll das Richtige vermuten, würde ich es wohlwollend für eine Auseinandersetzung mit homosexuellen Befindlichkeiten aus heterosexueller Sicht halten.
 
Aber?
 
Aber ich war mir nicht ganz sicher und wollte die Urheber fragen. Ich glaube, es liegt an Till Stimme und der Art und Weise, wie er so was singt. Dadurch können Fehldeutungen zustande kommen.
 
Genau! Und damit spielen wir auch ganz bewusst. Zum Beispiel wenn du jetzt einen Nena-Text nimmst: (Verstellt die Stimme wie Till Lindemann und singt) “Alles, was ich an dir mag, ist grad so wie ich es sag’. Ich bin total verwirrt, ich werd verrückt, wenn’s heut’ passiert.” Du siehst, nur durch die Interpretation kannst du einen Text ins Gegenteil verkehren. Damit spielen wir und das macht auch einen Teil unseres Erfolgsrezeptes aus, dass die Leute das durch die Interpretation als Angriff werten. Wenn man die Texte gedruckt liest und sie des durch den Vortrag bedingten Bedrohlichen beraubt sind, stellt man fest, dass gerade “Mann Gegen Mann” eine ganz süße Lyrik über Schwule ist. In unserem Zusammenhang wirkt das fast wie das Gegenteil. Das finden wir aber gut. Da kann jeder gucken, wie locker er ist, das ist ein kleiner Test!
 
Seit einiger Zeit ist eine neue Diskussion über so genannten positiven Nationalismus im deutschen Pop entbrannt. Bands wie Mia und andere haben die Auffassung verteidigt, dass man ein grundsätzlich positives Gefühl zu Deutschland haben dürfe und auch eine Form von Nationalstolz. Während etwa Blumfeld oder auch Tocotronic ganz eindeutig Gegenposition bezogen haben. Nun gibt es den “I Can’t Relax In Deutschland”-Sampler, mit dem Kettcar, Die Sterne und andere klar machen wollen, dass ihnen “jeder positive Deutschlandbezug” fehlt. Ihr seid ja wahrscheinlich in der Wahrnehmung der meisten Leute deutscher als irgendeine der genannten Bands. Wo also stehen die einstigen Leni Riefenstahl-Filmauschnitte-Verwender Rammstein in dieser Frage?
 
Ich finde es wirklich sehr lustig, dass es Menschen gibt, die sagen: “I Can’t Relax In Deutschland”. Wenn man sich nur im Urlaub entspannen kann und nicht in seinem eigenen Land, dann sollte man vielleicht mal überprüfen, wo man ein Problem hat. Diese panische Angst vorm Deutschsein ist mir ohnehin völlig unerklärlich, aber dadurch, dass wir viel reisen, hat sich mein Verhältnis zu Deutschland noch mehr entspannt als es ohnehin schon der Fall war. Weil Menschen in anderen Ländern diese Fragen einfach nicht so engstirnig betrachten, so was gibt es nur hier.
 
Menschen in anderen Ländern haben ja auch eine andere Geschichte als wir. Auffällig scheint, dass die Stimmen pro positiven Nationalismus vor allem aus Ostdeutschland kommen, die Bands auf dem “Can’t Relax”-Sampler meist aus dem Westen sind. Glaubst du als Musiker mit Ost-Stammbaum, dass bei Ostlern eine positive Einstellung zu Deutschland weiter verbreitet ist?
 
Na klar, die Ostler sind unbekümmerter. Die nehmen das nicht alles so tragisch.
 
Aber persönlich haben doch die Menschen aus dem Osten viel schmerzhaftere Erfahrungen mit Deutschland gemacht als die jetzt lebenden Generationen im Westen.
 
Das Problem mit Deutschland hat ja nichts mit Ost oder West zu tun, es liegt am Umgang mit der Vergangenheit.
 
Natürlich, nur wurde die ja auch in der DDR recht doppelmoralig behandelt, indem das bereits vor der Wende existierende Problem des Neo-Nazismus tot geschwiegen wurde.
 
Ich kann nur sagen, was mich betrifft: Ich can schon relax in Deutschland, ich muss dafür nicht wegfahren. Noch mal: So verklemmt, wie das hier gehandhabt wird, ist das sonst nirgendwo auf der Welt anzutreffen. Leuten, die diese Probleme haben, kann ich nur empfehlen viel zu reisen und dann werden sie schon feststellen, dass das auch im Ausland nicht als schlimm angesehen wird, wenn man als Deutscher zu Deutschland steht. Mit tun solche Leute ohnehin leid, ich kann sie nicht verstehen. Okay, vielleicht sollte ich das nicht so jovial sagen. Aber ich glaube, diese Leute können ohnehin nicht aufhalten, dass sich das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Land normalisiert und ich finde es auch wichtig, dass da eine gesunde Dynamik, ein gewisses Wir-Gefühl entsteht. Auch um die Probleme hier in den Griff zu kriegen. Tim Renner hat mir übrigens vor einigen Jahren mal gesagt – und das kann ich auch so unterschreiben – dass der Patriotismus ursprünglich einmal der Linken gehörte. Unser Kampf ist nun, ihn ihr zurückzugeben – wir kämpfen für linken Patriotismus!
 
Text: Torsten Groß