Die Musikwelt ist verblüfft. DJ Shadows neues Album ‘The Outsider’ zeigt ein anderes, unerwartetes Gesicht des Mannes, der als Vinyl-Fetischist, Sample-Großmeister, Turntable-Akrobat und die Verkörperung cinematischen Instrumental-HipHops bekannt ist.

Denn Shadow, bürgerlich Josh Davis, verarbeitet auf seinem dritten Longplayer in zehn Jahren zunächst einmal eine gehörige Portion einer hierzulande bis dato eher Insidern bekannte Bay Area Hardcore-Rap-Spielart namens Hyphy (ähnlich dem, was man schon als Crunk kennt), bevor er zu dem kommt, was der gemeine Shadow-Fan wohl eher von ihm erwartet hat.

“We need Freaks!”
…heißt es in ‘3 Freaks’, dem abgedrehten Hyphy-Track mit den beiden MCs Keak Da Sneak und Turf Talk, der den Auftakt bei der Neubestimmung der musikalischen Ziele bildete. Ein Song, dem für das Album weitere ähnliche folgen sollten, wurde er doch von der Szene begeistert aufgenommen und verschaffte er dem 33-jährigen Davis zum ersten Mal in seiner Karriere Radio-Airplay. Dass sich aber daneben auch ein bizarrer Overdrive-Highspeed-Rumpler wie das krude ‘Artifact’ (ein Überbleibsel von Shadows Arbeit mit Zack de la Rocha, dessen nie erschienenes Soloalbum Davis produzieren sollte), folky Ambient-artige Eskapaden oder auch fluffy Pop-Songs, sowie andere komplett in eine andere Richtung abgehende Nummern auf ein und demselben Album befinden, zeigt, dass Shadow auf eine möglichst realitätsnahe und recht schonungslose Abbildung seiner musikalischen Identität bedacht ist. Und die könnte facettenreicher kaum sein. Dass die Vielseitigkeit eines Musik-Besessenen, die für so manchen vielleicht schon an musikalische Schizophrenie grenzt, hohe Anforderungen an die Hörerschaft stellt, kann man sich denken. Manch anderer Künstler hätte da, um der besseren (Massen-)Verträglichkeit Willen, vielleicht eher mehrere Genre-Alben gemacht. Genau das musste sich Davis immer wieder anhören. Kamen andere Leute im Studio vorbei und hörten sich einige seiner Ideen an, so gab es Ratschläge, wie er aus dem weirden Style-Overkill jeweils ein homogenes Einzelwerk gießen könnte. “Das kann ich einfach nicht, so funktioniere ich nicht”, sagt Shadow daraufhin angesprochen. Unglaublicherweise funktioniert der Genresprengsatz auf all den verschiedenen angesteuerten Ebenen, was Josh Davis, wenn er denn überhaupt ein Außenseiter ist, auf jeden Fall zu einem nahezu genialen seiner Art werden lässt.

‘Endtroducing…’ über alles?
Das Debüt-Album hebelte vor zehn Jahren die HipHop-Welt aus den Fugen. Aus 100% Sample-Rohmasse gefertigt, war “Endtroducing…” in seiner Realisierung ein bis dahin nicht gehörtes Werk, ein mächtiges, atmosphärisches Abbild von Davis´ Vinyl-Sammelleidenschaft, auf eine seltsame Weise Song-orientiert, darüber hinaus düster, melancholisch, filmreif. Elektronische Großstadtmusik. Das Resultat des Erfolges aber war, dass in den Jahren danach der Kalifornier immer in erster Linie mit diesem Album in Zusammenhang gebracht wurde. Mit dem Chef des Mo’Wax Labels (wo auch das Debüt erschien) James Lavelle produzierte Davis 1998 das ebenfalls bahnbrechende UNKLE-Album ‘Psyence Fiction’, dem er entscheidend seinen Stempel aufdrückte. ‘The Private Press’, Shadows sehr gelungenes, zweites Solo-Album, bekam nicht nur positive Kritiken. Die Grenzen des von ihm begründeten Genres waren schon zu erkennen, der Schatten des Debüts noch lange nicht abgeschüttelt.

Der Wendepunkt
Zwei entscheidende Ereignisse prägten die letzten drei Jahre in Davis’ Leben. Da war zum einen die mehr als komplexe Schwangerschaft seiner Frau, die 2003 Zwillinge erwartete. Da sich die Babys aber “monoamniotisch” entwickelten, d.h. zusammen in einer Fruchtblase heranwuchsen, waren die Überlebenschancen für Mutter und Kinder gering. Mittlerweile sind Josh und seine Frau stolze Eltern zweier gesunder Töchter.
Als Davis in London mit den Aufnahmen zum Album beschäftigt war und nach einem langen Studiotag mit dem Taxi ins Hotel zurück fuhr, nickte sein Taxifahrer ein und verursachte eine Unfall, der beide fast das Leben kostete.
Kein Wunder, dass Davis nach diesen beiden Geschehnissen nicht mehr derselbe war und über sein Leben, speziell sein musikalisches intensiv nachdachte. Das Resultat von dieser Entwicklung ist auf ‘The Outsider’ zu hören.

15 Minuten mit Josh Davis
Ich treffe Shadow in Berlin vor seiner Show mit Massive Attack. Während auf dem nicht weit entfernten MTV-Gelände kreischende wohl meist weibliche Fans nach Tokio Hotel verlangen, steht der DJ vor einem ausrangierten Fracht-Container und lässt sich geduldig fotografieren. Freundlich, ruhig und unglaublich sympathisch ist er, dieser Josh Davis.

Josh, du hast gesagt, dass dich die beiden einschneidenden Erfahrungen, einerseits die der schwierigen Schwangerschaft deiner Frau und andererseits die des Verkehrsunfalls, dich stark verändert haben. Hätte das Album ohne die beiden Ereignisse anders geklungen?
Wäre dieser Unfall anders ausgegangen, dann wäre ich vielleicht jetzt nicht mehr in der Lage, Musik zu machen. Nach dem Unfall dachte ich darüber nach, dass da all diese Musik war, die ich noch machen wollte. All diese Sachen, die ich musikalisch sagen wollte, bei denen ich aber besorgt darüber war, ob sich meine Fans von mir entfremden würden. Mir wurde klar, dass ich dieses Gefühl schon seit einer Reihe von Jahren hatte. Aber plötzlich wusste ich, dass ich nicht mehr länger warten konnte. Ich denke, was mir diese Ereignisse gezeigt haben, ist, dass ich das, was ich zu sagen habe, JETZT sagen muss. Man kann nie wissen, was morgen sein wird und so war der nächste Song “3 Freaks”. Von meinen Schultern war plötzlich diese große Last genommen. Ich wusste, dass ich mein eigenes Tempo bestimmen muss, auch wenn eine Menge meiner Fans dabei nicht mitkommen. Und das ist eine andere Sache, die ich bemerkt habe: Da gibt es DJ Shadow-Fans und dann gibt es “Endtroducing…”-Fans. Manche Fans mögen eben nichts von dem, was ich außerhalb dieses einen Albums gemacht habe, und sie wollen, dass ich dieses Album immer und immer wieder mache. Und das kann ich auf keinen Fall tun.

Welche Bedeutung hatte ‘3 Freaks’ dann für den Entstehungsprozess des ganzen Albums?
Eigentlich war der Song für mich ja nur ein weiterer Track. Ich habe ja über die Jahre eine Menge Songs mit Rappern gemacht, aber eben nicht für meine eigenen Alben. Ich fühlte, dass der Song gut war, aber ich wusste nicht, dass er derart abheben würde. Wenn ich sage, dass der Song “abhob”, dann meine ich nicht landes- oder europaweit, oder irgendwo sonst, sondern da, wo er zünden sollte, in der Hyphy-Szene. Das war es, was so fantastisch war. Er war für diese Szene gemacht und genau da kam er sehr gut an. Ich bekam ich das erste Mal Radio-Airplay. Das Radio anzuschalten und diesen Song zu hören, das gab mir denselben Thrill, den ein 16-Jähriger in einer Rock-Band bekommen würde. Man kann wohl sagen, dass der Erfolg von “3 Freaks” entscheidenden Anteil daran hatte, dass mehr von dieser Art Musik auf dem Album ist.

Deine Soloalben zeigten ja ohnehin bisher nur eine Facette deiner musikalischen Identität, die ja jetzt mit ‘The Outsider’ wesentlich genauer abgebildet ist.
Meine Karriere hat 1990 mit der Arbeit mit Bay Area-Rappern angefangen. Die erste Person, mit der ich im Studio war, war ein Rapper namens Paris. Wie gesagt, ‘3 Freaks’ zu machen, war für mich gar nicht so abwegig. Ich entschied einfach, einen Track ohne Samples zu machen. Wenn Leute nur ‘Endtroducing…’ und ‘The Private Press’ kennen, dann könnten sie geschockt sein, was ein paar Sachen auf dem Album angeht. Wer aber auch die Sachen kennt, die ich sonst noch gemacht habe, und ich mache eine Menge außerhalb meiner Alben, der wird sehen, dass das gar nicht so ungewöhnlich ist. Die meisten Leute kennen nichts von mir außer den beiden Alben. Sie wissen nichts von den Touren, die ich gemacht habe und den Mix-CDs und all den anderen Projekten, Filmsongs, Tonnen von Arbeit zwischen 1996 und 2002.

Jetzt, nach der Entwicklung, die stattgefunden hat, was denkst du denn da über ‘The Private Press’?
Es ist ein großartiges, leider aber unterbewertetes Album. Meiner Ansicht nach ist es weit besser als ‘Endtroducing…’, vielleicht nicht als ein zusammenhängendes Album. Ich verstehe, dass ein bedeutender Punkt beim Debüt war, dass es als durchgehendes Hörerlebnis funktionierte. Du legst das Album ein und hörst es komplett durch. Das hat eine Menge für sich. Trotzdem denke ich, dass die Songs bei ‘The Private Press’ einfach wesentlich besser sind, obwohl man die Tracks der beiden Alben eigentlich nicht miteinander vergleichen kann.
Ich liebe dieses Album, obwohl die Arbeit daran echt kein Spaß war. Es war schwere Arbeit. Ich zwang mich, zehn Stunden pro Tag unten in meinem Studio zu arbeiten, ob ich nun wollte oder nicht. Es war teilweise wie ein Animationsfilm, wo ich nach zehn Stunden aus dem Studio kam und nur etwa zehn Sekunden verwertbares Material hatte. Das war hart.

Du hast sicher wegen der Erwartungshaltung auch enormen Druck verspürt?
Von außen nicht wirklich. Der Druck ging eher von mir selbst aus. Ich wollte einen besseren Nachfolger zu einem Album zu machen, von dem ich wusste, dass es eine Menge Leute mochten. Ich denke, dabei nahm ich dann zu viele andere Meinungen in mich auf. Man kann kein Album auf Verpflichtungen aufbauen, man muss ein Album aus dem Herzen heraus machen und sich selbst zufrieden stellen. Selbst, wenn ‘The Outsider’ fünf Exemplare weltweit verkaufen würde, ich würde es immer noch lieben, weil ich weiß, dass dieses Album genau die Art Album ist, wie ich es genau jetzt machen wollte.

Der erste Song des Albums ‘This Time (I´m Gonna Try It My Way)’ spiegelt dann wahrscheinlich auch genau wider, was du mit dem Album sagen willst?
Als es darum ging, die Songs in die Reihenfolge zu bringen, mochte ich das Gefühl, das bei dem Song mitschwingt. Ich dachte, es sei ein guter Kompromiss dazu, dass ich die Hardcore-Rap Sachen zuerst auf dem Album bringe. Ich wollte einen Song am Anfang haben, der die Leute willkommen heißen würde und der auch etwas erklärt.

‘Psyence Fiction’, das UNKLE-Album, das du mit James Lavelle gemacht hast, wurde und wird als herausragendes Album gesehen. Warum hast du nicht weiter mit James gearbeitet?
Es sollte immer ein einmaliges Projekt sein. UNKLE gab es schon vor diesem Album und UNKLE existiert auch nach diesem Album. Ich denke, dass Damon Albarn sich beim Konzept vom Gorillaz zu einem gewissen Grad von UNKLE hat inspirieren lassen, in der Hinsicht, dass nur das erste Album von Dan The Automator produziert wurde. Das ist eine ähnliche Sache. James wollte, dass ich das erste Album mache, das war mein Auftrag.

James habe ich auch daraufhin angesprochen. Er sagte, du wolltest in erster Linie dein Soloalbum machen. Hat es da etwa Missverständnisse oder böses Blut gegeben beim Auseinadergehen?
James ist ein sehr eigener Charakter. Und ich weiß, er hat seine ganz eigene Sichtweise der Dinge. Es war immer einmaliges Projekt, in meinen Augen.

Warum siehst du dich als Außenseiter?
Ich bin aufgewachsen in Davis, Kalifornien, wo niemand Rap hörte. Ich geriet in Kämpfe an der Schule, um mein Recht, Rap zu hören, zu verteidigen. In vielfacher Hinsicht bin ich ein Außenseiter. Das meine ich jetzt nicht pathetisch. Die Art und Weise, wie ich Musik höre, ist ungewöhnlich. Die Art und Weise, wie ich Platten mache, ist ungewöhnlich. Ich mache nicht alle zwei Jahre ein Album, ich schreibe keine Radiohits. Meine Karriere ist sehr einzigartig, ich studiere eine Menge Musik, einerseits aus der Vergangenheit, andererseits auch die aktuelle. In gewisser Weise bin ich wie Woody Allen. Du kannst ihn auch nicht unbedingt einem gewissen Film-Genre zuordnen. Du sagst den Namen und weißt, was du zu erwarten hast. Ich identifiziere mich mit Filmregisseuren, bei denen du weißt, du bekommst etwas Interessantes und Provokatives. Und das ist es, wie ich meine Alben wahrgenommen wissen möchte. Ohne den Versuch, die Musik um jeden Preis stilistisch einzuordnen. Ich mag es, die ganze Musikindustrie etwas zu fordern. Wenn du in einen Plattenladen gehst, dann gibt es diese ganzen Genre-Einteilungen. Ich versuche, Platten zu machen, die sich diesen Regeln widersetzen. Ich denke, dass deshalb ein paar Leute leicht verschreckt sind von meiner Musik. Ein weiterer Grund, warum diese Platte “The Outsider” heißt, ist der, dass ich mit diesem Album ganz meine eigene Identität zum Ausdruck bringen wollte. Und ich wollte nicht in der kleinen Schachtel der Leute sein: DJ Shadow, der Sample-Typ, der, der ‘Endtroducing…’ gemacht hat. Wenn nicht ICH definiere, wer ich bin, dann werden es andere Leute für mich machen. Ich wollte JETZT Stellung beziehen, bevor noch mehr Zeit vergeht.


Text und Interview: Martin Erfurt