Mitten in New Orleans, unter einer Autobahnbrücke steht ein uraltes Hotel. Davor dämmern alte Cadillacs vor sich hin, die wahrscheinlich seit zwanzig Jahren nicht mehr bewegt wurden. Die Wände des Hotels, die abgerissenen Tapeten, das brüchige Mauerwerk und die halb verrotteten Treppen atmen den Geist einer langen, langen Geschichte von Blues, Jazz und Soul. Leider auch nicht viel mehr als das – bis auf die Tatsache, dass eine heimische Band mit dem Namen WORLD LEADER PRETEND hier ihr musikalisches Zuhause hat und ihre ersten Aufnahmen machte. In der Abgeschiedenheit von jeglicher moderner Pop-Szene, fern von den Schmelztiegeln des Trendsettings. Die beste Garantie für ein originelles, bisher ungehörtes Stück Musik.

Popmusik im Großformat, Rock mit einer Prise Soul, mit einem Hauch Memphis, Stax, Detroit, vielleicht sogar London. Opulent überorchestriert wie die besten Hits von Petula Clark, stilvoll und vorbehaltlos dick aufgetragen wie bei Scott Walker und Neil Diamond. Punches stößt Türen auf in eine Welt, in die man sich bettet, wie man sie sich träumen will. „Was wir am meisten am Soul lieben, ist die Art und Weise, wie er eine Welt kommuniziert, die es eigentlich gar nicht gibt,“ erklärt Pianist Parker Hutchinson. „Im Soul lassen die Sänger ein besseres Leben entstehen. Ganz egal, wie mies ihr Leben sein mag, in ihren Songs gibt es Glamour und große Träume, gefüllte Mägen, Sex und vielleicht auch Liebe. Es ist eine wunderbare Welt der Phantasie, die aber auch immer einen Spalt lässt, durch die man die Wahrheit sieht.“

Das Erfinden einer besseren Welt gehörte für WORLD LEADER PRETEND von Anfang an dazu, denn in New Orleans – das heißt: weit weg von einer lebenden Rockszene oder einer atmenden Popszene, und isoliert von jenem Konkurrenzdruck, der so viele große Bands vorangetrieben hat – hatten WORLD LEADER PRETEND wenig aktuelle Inspirationen, auf die sie bauen konnten: „Unsere Konkurrenz bestand aus Waschbrett-Zydeco-Bands und Anzugherren mit Blasinstrumenten,“ erzählt Drummer und ehemaliger Puppenspieler Mintz. „Da gab es keine Szene, geschweige denn einen Wettbewerb, bei dem du die beste Band sein konntest. Andererseits hatten wir alle Freiheiten, uns zu entwickeln und alles das zu machen, was uns irgendwie einfiel.“ Und Sänger Keith Ferguson ergänzt:; „Ich bin mitten auf einer Zuckerrohr-Plantage aufgewachsen. Unser Sound stammt daher, dass wir uns mit viel Phantasie vorgestellt haben, irgendwo müsste es eine Szene geben. Irgendwo gibt es all den Glamour, von dem wir träumen, aber hier im Süden garantiert nicht.“

In besagtem Hotel bastelten WORLD LEADER PRETEND nun also wochenlang mit einer 8-Spur-Maschine an ihren Songs und erarbeiteten 2003 ihr erstes Album Fit For Faded. Und schließlich passierte – nichts! Bis auf dass sie das Studio eines Tages ohne Fenster und verwüstet vorfanden. Ziemlich frustriert legte das Trio erstmal eine Pause ein, Arthur jobbte wieder als Puppenspieler, Keith zog zu seinen Eltern zurück, Parker schlief lange und trank früh. Dann hatten sie eine Idee. In einem Rundbrief gaben sie sich als Chicagoer Promoter aus und fragten nach den Gründen, warum WORLD LEADER PRETEND aus dem New Orleans-Circuit verbannt waren. Das wirkte: Bald hatten sie ein Interview und einen vierseitigen Artikel in einer Zeitung mit einer Million Auflage, in dem WORLD LEADER PRETEND zum „next big thing“ ernannt wurden. Sofort waren ihre Konzerte voll.

Nächster Schritt: WORLD LEADER PRETEND machten in der Bank ihres Vertrauens alles zu Geld, was sie hatten und bestiegen ein Flugzeug nach New York City. Kaum versammelten sie sich in den Marcata Studios in Harlem und ließen ihre Ideen von den Köpfen auf Tape fließen, wurde ihnen auch klar, dass sie da etwas Besonderes am Start hatten. Vor einigen Wochen erschien in den USA bereits ein Vorgeschmack in Form einer EP mit dem Titel Rubble Rousing Misspent Bout, mit Punches geht es für die Band nun auch über die Grenzen der USA hinaus.

Punches ist in seiner Essenz ein Pop-Album, aber die Sound-Ästhetik zeigte sich massiv geprägt von dem, was sie in den letzten Jahren gehört hatten: Soul, Southern und großen Pop. Aus dem Radio und durch die Wände ihres alten Hotels drangen genau diese Klänge, die sie nun transformiert auf ihrem Album wiederfanden. In Tracks wie dem opulenten Opener Bang Theory, zugleich die erste Single aus dem Album, mit seiner ausladenden Pop-Gestik oder dem in der Tat an Scott Walker gemahnenden Dreamdaddy schlägt sich das nieder, in der eingängigen Dramatik, die A Horse Of A Different Color auszeichnet, und selbst im rockig voranstürmenden B.A.D.A.B.O.O.M. findet man die ungestüme Frische einer Band, die sich zudem konkurrenzlos entwickeln konnte.

Das Studio in Harlem dürfte seinen Teil zum originellen Sound beigetragen haben. Eine umgebaute Fabriketage, war es vollgestopft mit analogem Equipment und alten, aber hochwertigen Originalinstrumenten. Nur einen Techniker hatte es nicht. Die Band war also auf sich selbst angewiesen, und platzierte die vorhandenen alten Mikrophone in jeder erdenklichen Position, um den bestmöglichen Sound zu erhalten. Da sie alle keine Tontechniker-Ausbildung hatten, gab es für sie kein „richtig“ oder „falsch“, nur ein ästhetisches Ziel. Es ist wahrscheinlich genau diese Tatsache, die Punch zu dem macht, was es ist: Ein Album, dass sich in guter alter Soultradition ein bißchen aufplustert, aber von einer herzerfrischenden, ambitionierten Ernsthaftigkeit erfüllt ist. Und obwohl WORLD LEADER PRETEND versuchen, sich selbst ein glamouröses Leben und waghalsige Persönlichkeiten vorzumachen, lassen sie genug Spalten, um durchblicken zu lassen, was sie in Wirklichkeit sind: Gut erzogene Halunken mit Herz und Seele und großen Träumen.
Nach der Fertigstellung von Punches ging es dann erstmal on the road. Zu diesem Zweck wurden der Mit-New Orleanser Gitarrist Matt Martin und der Brite Alexander Smith (Bass) in die Band geholt.
In der kommenden Saison werden WORLD LEADER PRETEND auch auf deutschen Bühnen zu sehen sein:

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