Leuchtreklame, Hightech-Schnickschnack und Pornocomics an jeder Ecke. Fast alle Klischees bezüglich Tokio sind übertrieben. Stattdessen bringt der Aufenthalt in Japans Hauptstadt die Erkenntnis, dass John Lennon mehr Kreditkarten hatte als George Harrison Beatles-Songs geschrieben hat, und selbst Mick Jagger seine Kinder erziehen muss.

Was ich jetzt mit dem Stadtführer von Liverpool anfangen soll, den mir die fast unterwürfig freundliche, phantasieenglisch sprechende Frau mit meiner Eintrittskarte in die Hand drückt, weiß ich wirklich nicht. Nach rund 24 Stunden in Tokio kämpfe ich doch hier noch heftig mit der Orientierung. In einer Stadt, die keine Straßennamen und Hausnummern kennt, gestaltet sich das bereits schwierig genug. Was helfen mir da Restaurantcoupons, die ich nur in einer Stadt einlösen kann, die rund 9.500 Kilometer entfernt ist?

Wenigstens weiß ich jetzt, wo die Penny Lane liegt. Vielleicht auch kein schlechter Einstieg für einen Besuch im John – Lennon – Museum. Obwohl, John – Lennon – Museum, das stelle ich schnell fest, ein Euphemismus sondergleichen ist. Vielmehr nährt das auf zwei Etagen in der riesigen, ihren protzigen Namen mit Fug und Recht tragenden Saitama Super Arena im Tokioter Norden den Verdacht, dass Yoko wirklich die Beatles zerstört hat. Von wegen John Lennon. Yoko hier, Yoko da. Beim Gang vorbei am “Imagine”-Flügel, Kinderzeichnungen, der Uniform vom Seargent-Pepper-Cover und Johns erster Gitarre kommt es einem in der von Frau Ono abgesegneten Ausstellung bald vor, als wären die restlichen Beatles nur Bremsklötze gewesen, die den großen Meister an der Entfaltung seines künstlerischen, bereits aus seinen Grundschulzeugnissen abzulesenden Potenzials behindert hätten. Überhaupt scheint Lennon vor der Errettung durch Yoko gar nicht existiert zu haben. Cynthia Powell, Johns erste Frau, wurde da gleich mal ganz aus dem Bild geyokot.

Am besten fährt der Besucher, wenn er die Implikationen des Museums komplett ignoriert und sich stattdessen mit eigenen Überlegungen beschäftigt. Beispielsweise mit der beim Anblick von Lennons Kreditkartensammlung sich neuerlich aufdrängenden, von Elvis Costello im Song “The Other Side Of Summer” aufgeworfenen Frage “Was it a millionaire who said ‘imagine no possessions’?” Soviel zum Thema “Working Class Hero”.

Auch Yoko dürfte sich keine Sorgen mehr um ihren Haushalt machen müssen. Im Museumsshop erfahre ich vom Kleingedruckten auf “Love & Peace”-Schlüsselanhängern, “The War Is Over”-Kaffeetassen (Gerüchten zufolgen gab es sogar mal Zahnbürstenhalter mit identischem Slogan) und “New York City”-Shirts, dass “John Lennon” ein eingetragenes Markenzeichen von Frau Yoko Ono Lennon ist. Doch soll man es ihr verübeln? Wer bei den Mietpreisen in dieser Stadt überleben will, braucht schließlich eine Menge Schotter.

Während ich mir noch den Kopf zerbreche, ob Yokos Patent in letzter Konsequenz heißt, dass ich den Namen Lennon nicht mal tippen darf, ohne dafür Tantiemen abzudrücken, steht plötzlich Mick Jagger vor mir. Gerade noch lief ich an unzähligen Automaten (welche mit gebrauchten Unterhöschen konnte ich übrigens auch bei intensiver Suche nicht auftreiben), blühenden Kirschbäumen, Großleinwänden, auf denen Videoclips japanischer Teenybands abgedudelt werden, die in westlichen Breitengraden ein Fall für die BPjS wären und schließlich Regalen mit blinkendem, schreiendem, rotierendem Spielzeug vorbei, da ist er plötzlich da. Kein Witz! Mick Jagger! Im Spielzeugladen! Der echte! Leibhaftig! Genervt, in Jeans, rotem Jackett und klobigen Turnschuhen. In Begleitung von mehreren kleinen Kindern, einem Bodyguard und einer mir aus der Klatschpresse nicht bekannten dunkelhaarigen Frau, die ihm regelmäßig um den Hals fällt. Über ein Brett mit Power-Rangers-Figuren hinweg starre ich ungläubig. Leicht gestresst versucht der nicht zu befriedigende Rockgott derweil, einem gelockten Jungen zu erklären, dass das jetzt aber wirklich das letzte Spielzeug ist, dass er heute bekommt. “This is the last thing for today. You hear me? Hey, look at me?” So buchstabiere ich surreal. Eingekeilt zwischen kreischendem, buntem Plastikspielzeug und beschallt von exorbitant lauten Werbefilmen gucke ich Mick Jagger beim Erziehen seiner Kinder zu. Dass er ein paar Tage später laut Spiegel “die zahmste Show in der Geschichte” der Stones in Shanghai geben wird, wundert mich nach dieser Einlage als Erziehungsbeauftragtem nicht mehr.

Er guckt ein bisschen angestrengt, als ich vor lauter Ungläubigkeit, nach einem Besuch im Lennon Museum jetzt ausgerechnet Mick Jagger zu treffen, zehn Jahre Hardcore- und Punkrock-Sozialisation vergesse und ihn nach einem Foto frage. “Ähh, excuse me, Sir. Would you mind taking a picture with me?” Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie sich die Nackenmuskeln des Bodyguards spannen, doch anscheinend sehe ich nicht bedrohlich genug aus, als dass er sich genötigt sähe, einzuschreiten. Jagger hingegen guckt nur kurz. Dann strafft er sich und ich erlebe, was einen wahren Profi ausmacht. In ca. 0,5 Sekunden fertigt er mich einfach ab. Ein Grinsen aufsetzen, “Sorry, I don’t do pictures today. But nice meeting you. Bye bye” sagen, Hand schütteln (fest drücken und schnell wieder loslassen), Grinsen wieder abnehmen und hinter dem Regal mit den Kampfroboterbausätzen verschwinden. Wow. Chapeau.

Leicht benommen und ernsthaft überlegend, ob Clapton, Brian Wilson oder Elvis wohl auch in der Stadt sind, stolpere ich aus dem angeblich größten Spielzeugladen der Welt. Mit einem dicken Grinsen im Gesicht. Denn auch wenn Herr Jagger heute keine Lust hatte auf Fotos mit mir – um mir das zu sagen, musste er zu mir aufschauen. Nicht umgekehrt.

Text: Moritz Honert

PS: Um die Frage aus der letzten Kolumne aus Kambodscha noch mal aufzugreifen. Tanzen gehen bleibt auch in Tokio ein wahrliches Retroerlebnis. Für die Preise, die man in Clubs, wie dem hinter Panzertüren verborgenem The Hive verlangt, könnte man in Berlin zwar sich und noch drei Freunde einen Abend lang in den Orbit schießen, doch musikalisch besteht auch in Metropolis die Gefahr, dass der DJ plötzlich Marusha auflegt.