Interview vom 21.09.2004

Tim Renner polarisiert: Die einen sehen den 39-jährigen Musik-Aficionado als kraftvollen Visionär, während andere in seiner Person gar den Leibhaftigen ausgemacht haben wollen. So ermahnt mich ein Bekannter, während der Recherche für diese Geschichte, ich solle doch “nie vergessen, dass der Teufel dieses Buch geschrieben hat”, als ich erwähne, dass ich Renners Werk, “Kinder, Der Tod Ist Gar Nicht So Schlimm” durchaus interessant finde. Universal-Mitarbeiter klagen indes über eine deutlich veränderte, kältere Atmosphäre in der Berliner Konzernzentrale, seit der Ex-Chef Anfang des Jahres seinen Hut nahm. Ein Gespräch mit Tim Renner über seine berufliche Neuorientierung, das Buch und die Frage wie man es schafft, 20 Jahre mit derselben Frau zusammenzubleiben, bietet die Möglichkeit, sich, jenseits aller Klischees, sein eigenes Bild zu machen.

Du hast eine Weltreise gemacht, ein Buch geschrieben – das ist ja eigentlich eher der Klassiker nach dem Ende der beruflichen Laufbahn, oder?
(Grinst) Ich bin ja auch durchaus für die Pflege guter Traditionen. Auch wenn es in meinem Fall eher um eine berufliche Neuorientierung ging. Die Reise hat mir sehr geholfen, die letzten 17 Jahre zu reflektieren und neue Ideen zu entwickeln. Das Buch war dann der logische, nächste Schritt.

Ist es nicht etwas anmaßend, das Buch nach dem Vorbild der Bibel in ein Neues und ein Altes Testament zu gliedern?
Zunächst einmal führe ich damit gewissermaßen eine Familientradition fort, mein Vater war Bibelbuch-Verleger. Und dann habe ich ja damals als Motor-Chef schon mit Gott unterzeichnet, ich fand das war einfach eine schöne Überhöhung dieser mir abstrakt erscheinenden Position als Chef. Und ein Gott muss natürlich irgendwann auch einmal eine Bibel schreiben. Außerdem passt es, weil Musik das emotionalste und verbindendste Kulturgut unserer Zeit ist. Und nichts ist bei den Menschen wohl emotional so besetzt wie die Bibel.

Du zeichnest in Teilen das Bild einer pervertierten, selbstverliebten und unflexiblen Branche. Ist es wirklich so schlimm?
Nun, das, was ich beschreibe, hat auf jeden Fall so stattgefunden. Man kann aber niemandem einen Vorwurf machen, da jeder aus seiner Position heraus nachvollziehbar handelt. Es ist logisch, dass ein branchenfremder Controller immer den vermeintlich sichersten Weg zur Kapitaloptimierung vorschlägt. Man kann aber eine Musikfirma nicht führen wie einen Waschmittelkonzern, man muss verstehen, worum es in der Musik geht.

Wie groß war die Versuchung, ein Abrechnungsbuch zu schreiben, in dem persönliche Enttäuschungen verarbeitet werden?
Diese Versuchung gab es nicht, da man – wie ich ja schon sagte – wirklich keinem einen persönlichen Vorwurf machen kann. Was mich betrifft. habe ich stets sehr hoch gepokert, mich weit aus dem Fenster gelehnt, und meine Forderungen eng mit meiner Person verknüpft. Es war klar, dass das irgendwann auch einmal schief gehen kann. Und wenn es dann soweit ist, muss man eben auch die Konsequenzen ziehen und gehen.

Plauderst du in dem Buch eigentlich Betriebsgeheimnisse aus?
Das habe ich mich auch gefragt. Witzigerweise ist in meinem Vertrag aber gar kein Passus bezüglich der Wahrung von Betriebsgeheimnissen enthalten.

Ich will auf die Sache mit dem Kopierschutz hinaus…
Ist das ein Betriebsgeheimnis?
Kann schon sein… Fakt ist aber, dass wir einfach keinen Kopierschutz mehr verwendet haben, nachdem wir am Anfang solche Probleme damit hatten – das kann ja auch jeder, der die CDs analysiert, herausfinden. Die Sache mit dem Kopierschutz ist sowieso Quatsch, weil klar ist, dass es, wenn du den auf die CD gepressten Datensatz zum Kopierschutz mitlieferst, auch immer jemanden gibt, der diesen entschlüsseln kann. Es trifft letztlich also nur die Leute, die ihre Musik legal erwerben und dann Probleme haben, sie auf ihren Laufwerken auch abzuspielen. Man darf den Konsumenten für den Kauf einer CD aber nicht bestrafen, so funktioniert das nicht.

Würdest du sagen, dass dich das System auch korrumpiert hat, gab es einen ‚Joschka Fischer-Effekt’?
Nun, ich bin zumindest nicht so dick geworden wie er (grinst). Nein, natürlich wird man auf eine gewisse Art auch immer korrumpiert, wenn man in so einem System arbeitet. Ich bin ja auch teilweise mitschuldig an den Zuständen, die ich nun bemängele. Wir haben mit Popstars und ähnlichen Geschichten eine ganze Menge zur Verflachung der Inhalte beigetragen. Nur muss man in einer solchen Position seine Verantwortung auch derart wahrnehmen, dass man rein wirtschaftlich begründete Entscheidungen trifft. Und immerhin haben wir es mit den No Angels geschafft, eine Karriere aufzubauen – während von (dem DSDS-Gewinner) Alexander jetzt schon kaum noch einer spricht.
Persönlich fällt mir zum Thema Korrumpierung der Moment ein, in dem ich mich beim Anblick meiner Senatorkarte fragte, wie lange ich diese jetzt wohl noch behalten dürfte. Ich kann jedoch auch ohne diese Dinge gut leben und habe jetzt natürlich auch viel mehr Freiheiten. Am Schwierigsten war es, mit einem Mal keine Struktur mehr zu haben, das habe ich vollkommen unterschätzt. Ich bin mir bestimmt nicht zu fein, selbst eine Briefmarke anzufeuchten und aufzukleben. Nur hatte ich nicht mehr auf der Rechnung, wieviel Zeit für diese Dinge draufgeht.

Kann man den Satz: “Haltung, Inhalt, Verantwortung und der Mut, gegen den Strom zu schwimmen” als dein Lebensmotto bezeichnen?
Es braucht auf jeden Fall Haltung und Verantwortung, um Veränderungen durchsetzen zu können. Und auch mal gegen den Strom zu schwimmen ist wichtig, da man anderenfalls irgendwann den Wasserfall erreicht und weggespült wird.

Zynisch gefragt: warum sollte eine Plattenfirma sich überhaupt mit verantwortungsvollem Handeln, schwierigen Künstlern und der Suche nach Inhalten abmühen, wenn Formate wie DSDS doch so erfolgreich sind?
Weil sich wirtschaftliche Erwägungen und Repertoire-Pflege die Waage halten müssen. Das ist wie bei einem Kind, das sich den ganzen Tag nur mit Süßigkeiten vollstopft und dann nicht versteht, warum ihm schlecht wird. In diesem Fall tragen die Eltern die Verantwortung, dass die Ernährung nicht zu einseitig wird. Sie müssen dem Kind beispielsweise Schwarzbrot geben, und es wird merken, dass es genau das war, was ihm gefehlt hat. Übertragen auf die Musikindustrie heißt das: Jetzt ist wieder die Zeit für Schwarzbrot gekommen. Und das ist doch eine gute Nachricht, oder?

Schließen Kunst und Kommerz nicht einander aus, und ist das nicht das eigentliche Glaubwürdigkeits-Problem großer Konzerne?
Nur für den Urheber. Ich meine, wir reden über Pop, oder? Und Pop braucht Öffentlichkeit, sonst verliert er seine Berechtigung.

Der Ausverkauf beginnt mit dem Tag, an dem man mit seiner Gitarre das Haus verlässt?
Natürlich. Und Künstler wollen ja auch verkaufen. Sie müssen es sogar, wenn sie von ihrer Kunst leben wollen. Das entscheidende Element ist das Bindeglied zwischen Künstler und Business, der Manager, der beide Seiten versteht.

Als Geschäftsmodell der Zukunft empfiehlst du nun selbst verwaltete Strukturen, wie sie zum Beispiel Die Ärzte oder Die Toten Hosen etabliert haben. Plattenfirmen in der jetzigen Form beschreibst du als eigentlich überflüssig, wenn der Künstler gut gemanagt ist und alle Bereiche der Produktion und Verwertung selbst organisiert. Das mag ja im Fall der genannten Acts, die bereits fest etabliert sind, funktionieren. Was aber geschieht mit den kleinen Bands, wenn keiner mehr hilft, sie “in den Markt zu drücken”?
Gerade für kleine Bands ist die Digitalisierung und das Internet doch ein Segen, weil es die Produktionsabläufe demokratisiert – von der Aufnahme bis zum Endprodukt ist alles relativ leicht finanzierbar. Und jede Band hat irgendjemanden in ihrem Umfeld, der sich als Manager betätigen und den Kontakt zu Agenturen und Vertrieben herstellen kann. Qualität wird sich so auf Dauer immer durchsetzen.

Ist die Formel der Zukunft also die alte Punk-Philosophie ‚do it yourself’ mit marktwirtschaftlichen Mitteln?
Beim Punk ging es ja, abgesehen von selbst vertriebenen Kassetten, nie darum zu verkaufen. Das ist aber essentiell. Ich stimme dir jedoch zu, wenn du damit meinst, dass der Künstler selbst wieder mehr Verantwortung übernehmen sollte.

Was kann Motor in Zukunft leisten, wie wird motor.de sich von ähnlichen Formaten absetzen?
Bei motor.de ging es für uns hauptsächlich darum, präsent zu bleiben. Mit der etablierten Marke Motor und einer Website, die ja schon in der Vergangenheit die zweiterfolgreichste Rock-Seite Deutschlands war, kann man natürlich eine Menge leisten und anbieten.

Es scheint, als hätte die Seite zurzeit noch eine kleines Imageproblem, da die Marke Motor von vielen als Bestandteil von Universal angesehen wird…
Das wundert mich, da die Gästebucheinträge früherer Zeiten zeigen, dass man uns schon damals als eigenständig betrachtet hat.

Du bist seit 18 Jahren mit deiner Frau Petra Husemann-Renner liiert. Ihr habt gemeinsame Kinder, arbeitet in derselben Branche. Wie funktioniert das?
Hättest du mir vor 20 Jahren gesagt, dass ich einmal 18 Jahre mit derselben Frau zusammen sein würde, hätte ich Dich für komplett verrückt erklärt. Das hätte ich aber auch getan, wenn du mir gesagt hättest, dass ich 17 Jahre in einer Firma arbeiten würde. Wenn man in einer Sache drin steckt, kriegt man gar nicht so sehr mit, wie die Zeit vergeht. Und mit unserer Beziehung ist es so, dass sie sich immer weiter entwickelt, man immer neue Facetten am Partner entdecken kann und merkt, warum dieser Mensch so wichtig für einen ist.

Ihr habt zwei Kinder, richtig?
Ja, zwei Töchter, eine elf, die andere zwei Jahre alt. Jungs kann ich wohl nicht.

Text: Torsten Groß