Endlich, nach mehr als zwei Jahren Warten, nach unzähligen Nachmittagen mit dem herrlichen Zero-7-Debüt “Simple Things” und der bangen Frage: “Können die das noch mal?” – endlich also ist es da; das neue Album, der zweite Streich, die Antwort: “When It Falls”.

Und ja, sie können’s noch mal, besser gar als beim ersten Mal, weil das neue Album ausgefeilter, weiter und dichter klingt. Oder nicht? Soll jeder selber hören. Wir wollen an dieser Stelle weitere Fragen beantworten.

Frage Nr. 1: Was zum Teufel haben Zero 7 seit der Veröffentlichung ihres Debüts „Simple Things“ gemacht? Immerhin sind fast drei Jahre vergangen.

Die Antwort ist recht simpel: Zero 7, also die beiden Nord-Londoner Sam Hadaker und Henry Binns, haben in ihrem neuen Studio ein neues Album aufgenommen und selbiges „When It Falls“ genannt. Es klingt noch organischer und unelektronischer als der Erstling, fesselt mit weiten Harmonien und weichen Klängen. Die orchestrale Eleganz von „Simple Things“ wurde verfeinert. Alles ist schöner.

„Das neue Album klingt analoger als des erste. Es gibt zwar wieder Samples in den Songs, aber diesmal haben wir sie nur genutzt, um dem Ganzen einen etwas erdigen Geschmack zu verpassen“ sagt Sam. Da fragt man sich, wo die Samples herkommen. Da antwortet Henry: „Das ist alles, was wir auf Tour gemacht haben“ und meint die Suche nach sample-tauglicher Musik. „Wir sind in einer Stadt angekommen und wanderten eine halbe Stunde umher, bis wir einen Laden fanden, in dem es antikes Studio-Equipment und stapelweise Platten gab.“

Die Amerikatournee beeinflusste das Album nicht nur bezüglich der Samples. Zum einen sogen Zero 7 den Vibe der Westküste auf. „Wir waren dabei nicht auf bestimmte Künstler fixiert“, sagt Sam, „aber diese Stimmung dort hat definitiv Spuren hinterlassen.“ Und dann trafen sie sich mit Janet Jackson, die ihnen erzählte, wie begeistert sie von „Simple Things“ sei, dass sie sich vorstellen könne, zukünftig mit Zero 7 zusammen zuarbeiten, und dass das legendäre Produzententeam Jam & Lewis (Janet, Alexander O’Neil, Change) dabei gerne helfen würde. „Wir waren überwältigt“, sagt Henry, „ die Produktionen haben uns viel bedeutet als wir Kinder waren Jam & Lewis – das war der Sound unserer Jugend.“

Auf Tour spielten Zero 7 zudem einige der neuen, in einem Früh-Stadium sich befindenen Songs. Dabei lief nicht immer alles nach Plan. „Wir standen vor 7.000 Leuten auf einer sich drehenden Bühne, als plötzlich das Rhodes-Piano Feuer fing. Henry schrie und eine unserer Sängerinnen fiel beinahe von der Bühne. Die neuen Songs kamen natürlich furchtbar miserabel rüber.“ Am Anfang war also Chaos. Und dann – kreative Entspannung. Die Fundamente ihrer Lieder nahmen Sam und Henry mit nach Südspanien in ­ein Haus. Aus den groben Song-Ideen wurden wundervolle Lieder und instrumentale Stücke, getrieben von HipHop-Soul, 70er Jazz-Funk und abgefedert mit dem für Zero 7 typischen Quäntchen Untertreibung.

Frage Nr. 2: Hilft „When It Falls“ in schweren Stunden? Können diese anschmiegsamen Lieder Stütze sein? Heilung durch Harmonien?

Schon wieder eine einfache Frage, denn man muss nur mal den von Zero 7-Mitstreiter Mozez gesungenen Opener „Warm Sound“ hören, um im Brustton tiefster Überzeugung folgendes auszurufen: „Ja, na klar!“ Es klingt nach berauschendem Sonnenschein und brüchigem Psychedelic-Soul, wenn Mozez singt. „Wir wollten ihn in ein anderes Umfeld bringen, denn das Lied ist kein straightes Soul-Stück.“ Auf der ersten Single von „When It Falls“ ist übrigens die fantastische Sängerin Tina Dico zu hören, die erstmals mit Zero 7 arbeitete: „Home“ ist ein dunkles, sparsam instrumentiertes Meisterwerk mit verwinkelten Melodien und einem beschwingten Bass. Tina Dico ist übrigens die einzige Neue im an Musikern reichen Zero 7-Kollektiv. Bereits bekannt vom ersten Album des Duos sind Sia Furler and Sophie Barker, die auch diesmal wieder auftauchen und zum Beispiel das grobkörnig folkige „Sommersault“ mit rauchigem Soul versehen. Hernach hören wir erneut Mozez, dessen Stimme zu schweben scheint durch das herrliche, dezent verstörte „Over Our Heads“. Das darauffolgende „Look Up“ geht flink nach vorn, braucht keinen Gesang sondern lebt vom sexy Beat und fremdartigen Sounds. Und dann: „In Time“ – ein bezaubernder, majesätischer Pop-Song. Auf diesem Album sind Dunkelheit und Stärke, wird der leichte Schönklang konterkariert durch eine reife Melancholie, spürt man das Selbstbewusstsein, das Zero 7 durch den Erfolg ihres Debüts gewonnen haben. Ihr Zweitwerk transportiert die Band nun geradewegs in die Bel Etage der neuen Generation moderner britischer Musik. Vor allem aber klingt es einfach – nun ja – hinreißend.

Wie konnte das passieren? Wo kommt diese Band eigentlich her? Rückblende: Wir sind in den letzten Tagen der 80er Jahre. Sam und Henry bewerben sich beide bei Mickey Mosts RAK-Studios, wo Henrys alter Schulfreund Nigel Godrich arbeitet. Henry bekommt den Job, lässt aber Sam so lange im Studio mit einem Vierspur-Rekorder experimentieren, bis auch ihm ein Job angeboten wird. „Es war eine sehr üble Zeit in der Geschichte der Studios“, erinnert sich Sam. „Bands gaben Unsummen aus, lebten im Studio, schnupften Kokain und nahmen grauenvolle Platten auf. Es war eine zynische Zeit, aber nach und nach haben sich alle verzogen und wir brachten ein bisschen Liebe in dieses Studio.“ Henry, Sam und Nigel verbringen jede freie Minute im RAK. Henry arbeitet in einem Raum mit den Young Disciples, Sam in einem anderen mit den Pet Shop Boys, und Nigel ist mit den Fine Young Cannibals beschäftigt. „Wir haben uns in der Küche getroffen, 16 Tassen Tee gekocht und einander getröstet“, sagt Henry. „Wir hingen in einem kleinen Raum unterhalb der Treppe rum, und schlossen nachts den Atari-Computer an, den wir uns gekauft hatten. Wenn es gerade keine Arbeit gab, nahm Nigel seine Bands auf, und wir programmierten Beats.“ So entsteht nach und nach das Zero-7-Debüt „Simple Things“, das später allerorten hoch gelobt und sogar für den Mercury Music Prize nominiert wird. Weltweit werden 800.000 Exemplare verkauft. Die Single „Destiny“ wird in England ein Hit.

Zero 7 machen sich einen Ruf als „Electronic Soulsters“. Schnell ist aufmerksamen Zeitgenossen klar, dass all jene die Musik von Sam und Henry lieben würden, die den winterlichen Charme von Röyksopp mögen, Stereolabs glückseligen French-Pop schätzen oder sich gar noch mit Freude an Charles Stepney’s Rotary Connection erinnern. Übrigens nimmt dann tatsächlich die Tochter des 1976 verstorbenen Charles Stepney Kontakt auf mit Zero 7. „Sie rief uns an und erzählte, dass sie zu Ehren ihres Vaters eine Show organisieren wolle. Sie fragte uns, ob wir bereit wären, dort aufzutreten. Und sie sagte, dass sie einige Tapes mit unveröffentlichtem Material hätte, die wir anhören könnten.“ Doch auch die wertvollen, unbekannten alten Bänder von Stepney können das Duo nicht davon abhalten, ihr Meisterwerk zu vollenden. Hier ist es nun.

Frage Nr. 3: Stimmt es, dass sich Zero 7 nach einer kleinen Rum-Hütte in Honduras benannt haben?

„Ja, und diese Hütte hat wirklich existiert und war auf eine derart lächerliche Art besonders, wie es der Name suggeriert“, sagen Zero 7. „Sie stand an einem weißen Strand, es gab Rum, und im Kassettenspieler liefen die immer gleichen sieben Lieder. Wir denken oft an diese Hütte. Wir waren nie wieder dort.“

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