Nachdem es um Phillip Boa in den letzten Jahren trotz konstanter Veröffentlichungen bedenklich ruhig geworden war, startet der einstige Indie-Held der frühen Neunzigerjahre jetzt zu einem neuen Anlauf. Einen Plattendeal mit Motor im Rücken, ließ sich Boa anlässlich der Präsentation des kommenden, von Gordon Raphael (The Strokes) und Swen Meyer (Tomte, Kettcar) gemischten Albums zum Interview breitschlagen. Ein Gespräch über das noch unbetitelte neue Werk, seinen derzeitigen und alten Labelchef Tim Renner sowie sein Selbstverständnis als Musiker.

Hast du eigentlich immer noch Auftrittsverbot in der Schweiz?
Ja, ja. Ich darf nicht in der deutschsprachigen Schweiz spielen. Ich habe da mal das Publikum beleidigt, und das ging live über das Radio. Das Publikum war scheiße, wir wahrscheinlich auch und ich hab dann betrunken jedes Klischee ausgepackt, das es über die Schweiz gibt. Aber inzwischen müssten sie mir eigentlich vergeben haben. Ist ja zehn Jahre her.

Du sahst vorhin ein wenig pikiert aus, als Tim Renner während der Listening-Session die Vokabel “Pop” gebrauchte, um deine neuen Stücke zu beschreiben. Hast du Probleme mit dem Wort? Ich finde auch, dass das Album stellenweise extrem nach Zuckerguss klingt.
Ich hab kein Problem mit Pop. Diese Kategorien sind doch nur Klischees. Meine Lieder sind, wie sie sind. Ich mag einfach gute Melodien. Manchmal sind sie poppig, manchmal dunkel, manchmal melancholisch. Gordon und Swen haben den Gesang aber diesmal weit in den Vordergrund gerückt, das unterstreicht die Melodien zusätzlich.

Mir ist ein extremer Bruch zwischen Inhalt und Klang der Songs aufgefallen. Wie ironisch ist das eigentlich gemeint?
In meiner Welt gab es immer schon viel Ironie. Die Deutschen haben das nur nie verstanden. Die Bilder, die ich verwende, sind auf eine abgedrehte Art und Weise lustig. Die Texte sind diesmal aber autobiographischer und konkreter geworden. Auf den letzten Alben war ich noch wesentlich abstrakter. Das muss man sich erst mal trauen, konkreter zu werden. Ist nicht so einfach.

Du hast vorab erklärt, während der Produktion wieder mehr auf Vorschläge von anderen gehört zu haben. Wie kommt das denn auf einmal? Jahrelang galtst du doch als Sturkopf vor dem Herren.
Ach… Ich hab in den letzten Jahren der Plattenfirma so viele Dinge untersagt, und bin dann ja auch durch schlechte Verkäufe bestraft worden, da war es heute vielleicht an der Zeit, dass ich mal wieder auf jemanden höre. Auf Carol von Rautenkranz zum Beispiel, der ist so was wie mein Manager, mein Publizist. Aber dann höre ich auch auf die Plattenfirma, auch auf die jungen Leute da. Swen und Gordon wurden auch von Tim ausgesucht.

Peter Erik Hillenbach schrieb in einem Reiseführer über das Ruhrgebiet: “Phillip Boa, Making Noise Since 1985. Na ja, der passt hier hin. (…) Was wir brauchen und gut können, ist sperrige, trotzige Musik mit einer gewissen ‘Wir tun nicht nur so, wir können uns wirklich nicht Verkaufen’-Haltung.” Erkennst du dich da wieder?
Das kommt halt von der anderen Seite, von eurer Seite. Ich kann schlecht über mich selbst in einem solchem Ton reden. Ich würde es aber nicht verneinen. Für mich ist es das Schlimmste, mich prostituierten zu müssen. Es gibt immer Grenzen. So was wie heute. Eigentlich ist das ein bisschen uncool. Ihr kommt hier hingefahren, das ist alles so… Für euch ist es jetzt wahrscheinlich weniger schlimm als für mich. Ich fühle mich aber schon einen Hauch unwohl.

Ist das wirklich so schlimm? Wir hören doch nur ein bisschen Musik und reden dann darüber.
Ich bin ja eine andere Generation als du. Am liebsten würde ich gar keine Promotion machen. Habe ich in den letzten Jahren ja auch nicht allzu viel. Meine letzte Fotosession dauerte eine halbe Stunde. So sahen die Photos dann allerdings auch aus.

Wie empfindest du es, wenn der Figur Phillip Boa mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird als deiner Musik? Auch neuere Konzertkritiken beschäftigen sich wieder stark mit deinem Auftreten: Was sagst er? Wie redet er? Wie funktioniert es mit Pia? Wie verhält er sich ihr gegenüber? Wie zur Band? etc. Hast du Verständnis dafür, dass die Leute das interessiert?
Ja, klar. Irgendwo. Ich verstecke mich ja letztlich hinter der Figur. Hinter der Figur bin ich auch nur ein Mensch. Als Mensch mache ich Fehler, und über diese Fehler reden die Leute, weil sie sich selbst darin sehen können.

Inwieweit ist das dann Theater, was da auf der Bühne oder auf Platte passiert? Farin Urlaub sagte jüngst, er wäre heidenfroh, dass er nicht 24 Stunden am Tag Farin Urlaub sein muss.
Das kann ich mir gut vorstellen.

Und wie viel Ernst Ulrich Figgen (Boas bürgerlicher Name? Anm. d. V.) ist da in Phillip Boa?
Bei mir gibt’s kein Theater. Ich versuche, das zu machen, was ich bin… Obwohl, das stimmt so auch nicht ganz. Die Figur Boa ist mit der Zeit sehr mit der realen Person verschmolzen. Ich sehe das aber überhaupt nicht als Theater. Ich gehe hin und spiele, und das macht super Spaß. Das ist überhaupt das größte Problem, wenn man aufhören will. Live-Konzerte sind eine Sucht.

Kannst du definieren, worin für dich deine Aufgabe als Musiker besteht?
Ich bin Songwriter und sehe zu, dass die Gefühle gut auf Platte dokumentiert werden. Bei “Burn All The Flags” zum Beispiel. Das ist ein Song, der einfach eine gewisse Wut ausdrückt. Ich will jetzt nicht zu konkret werden, aber ich habe mich in dem Moment in einen jungen Menschen hinein versetzt.

Kannst du beurteilen, wie dein Publikum deine Songs benutzt?
Songs haben fraglos eine Bedeutung. Ich könnte nicht ohne sie leben. Lieder begleiten einen durch das Leben. Und ich bin verdammt stolz, dass Leute meine Songs hören und als zeitlos oder wichtig erachten. Wenn es mir gelingt, die Leute nur ein ganz klein wenig glücklicher zu machen, dann hab ich schon eine ganze Menge geschafft. Besser kann man das bei einem Konzert beschreiben. Wenn du einen Gig spielst, und du weißt, die Leute sind abgekämpft, ausgetobt, haben ihre Seele entlastet und gehen glücklich nach Hause, dann habe ich eine Menge erreicht. Das macht auch mich glücklich.

Es ist also nicht falsch, deiner Musik ein eskapistisches Moment zu unterstellen? Das erscheint mir wieder stärker der Fall zu sein als früher.
Absolut.

Spielst du eigentlich immer noch für dieselben Leute wie vor 20 Jahren, oder gibt es da Fluktuation?
Das hoffe ich mal. Bei der letzten Tour… Ich muss einfach mehr arbeiten, ich muss einfach mehr live spielen. Vielleicht noch mehr Platten machen. Denn es ist geil, die alten Leute zu erreichen. Mit alt meine ich jetzt meine Generation zwischen 30 und 45 Jahren. Auf der letzten Tour waren wieder mehr jüngere Leute da. Das finde ich auch wichtig. Ich möchte für alle Generation spielen. Wenn ich das nicht mehr schaffe, dann ist das eigentlich ein Grund zum Aufhören. Das ist aber Gott sei dank noch nicht eingetreten.

Wenn man versucht deine Karriere einzuteilen, in eine Phase, die die späten Achtziger- bis Mitte der Neunzigerjahre umfasst, in der du sehr erfolgreich warst und einer darauf folgenden, in der es ein wenig ruhiger um dich war, wo stehst du jetzt? Schließt sich da mit der erneuten Zusammenarbeit mit Tim ein Kreis? Er war ja schon mal dein Chef, als du damals bei Polydor unter Vertrag standest.
Ja, definitiv. Ich möchte nicht sagen, dass es ein Fehler war, von ihm weg zu gehen, das musste sein. Ich habe ihn damals kritisiert und meiner Meinung nach ist er auch zu spät von Universal weg gegangen. Jetzt ist er independent, und wir können wieder zusammen arbeiten. Die Menschen entfremden sich, aber sie kommen ja auch wieder zusammen. Ich sehe das nicht so dramatisch. Es kann sein, dass ich das nächste Album, wenn es denn eins gibt, nicht mit Tim mache. Ich könnte jetzt sagen, Motor ist die tollste Plattenfirma, aber das ist Bullshit. Der Künstler darf die Industrie ausbeuten, aber die Industrie nicht den Künstler. So ist das. Ich hatte schon zwei riesige Streitigkeiten mit Tim, aber nicht über Musik, sondern über Marketing.

Das letzte Mal ging es dabei um eine Kollaboration zwischen MotorFM und BMW, richtig? Die wollten einen Song von dir auf einem Sampler verwenden und das wolltest du nicht.
Richtig. Was haben BMW mit meiner Musik zu tun? Wenn eine Plattenfirma oder ein Radiosender sich davon unterstützen lässt, ist das nicht mein Problem. Aber für mich persönlich…

Gibt es eine Maxime für die jetzige Phase. In dem Song “21 Years Of Insomnia” singst du die Zeile “I still want to change the world”.
Das ist ja die Frage. Kann man mit Musik die Welt verändern? Ich versuche es ein bisschen, aber ich bin mir der Naivität der Sache bewusst. Ich bin weniger politisch. Ich meine das eher in dem Sinne, dass sich das Individuum nicht vereinnahmen lassen sollte.

Hast du eigentlich irgendeinen tieferen Bezug zur Voodoo-Religion?
Nee, als ich jünger war, da mochte ich Voodoo. Das ist alles. Ich habe was drüber gelesen. Mein alter Schlagzeuger, der war da engagierter. Der denkt ja auch, er wäre mal auf Haiti gewesen. Ich habe ihm das nie ausgeredet, dem Hippie.

Hast du das Gefühl, dass du für das was du machst, angemessen gewürdigt worden bist? Du hast in älteren Interviews wenig Zweifel daran gelassen, dass du von dem, was du tust, sehr überzeugt bist.
Wirklich? Da gibt es aber auch ganz andere Interviews. Ich habe auch immer Selbstzweifel gehabt, ob das, was ich mache, überhaupt noch relevant und wichtig ist. Das ist ganz schön scheiße, kann ich dir sagen.

Du denkst aber nicht, dass du mehr verdient hättest?
Ach was. Ich habe so ein gutes Leben gehabt, so viel erreicht, so viel Glück gehabt. Von der Musik leben zu können und nichts anderes in meinem Leben gemacht zu haben, das ist so toll. Ich habe keinen Grund, mich in irgendeiner Form über irgendwas zu beschweren. Ich mache halt was ich kann. Ich schreibe Songs, und das macht Spaß.

Interview: Moritz Honert

Diskografie:
1985 Philister
1986 Philistrines
1986 Aristocracie
1987 Copperfield
1988 Hair
1989 30 Years Of Blank Expression
1990 Hispañola
1991 Helios
1991 Live! Exile On Valletta Street
1993 Boaphenia
1994 God
1994 Jesus Killing Machine
1996 She
1996 Voodoocult (mit The Voodoocult)
1997 Fine Art On Silver (Best of)
1998 Lord Garbage (Solo)
2000 My Private War
2001 Single Collection 1985 – 2001 (Best Of)
2001 The Red
2003 C90