Von wegen 30 Sekunden. Bis zum Mars schafften es Jared Leto und seine Band erst gar nicht. Denn zumindest hierzulande hob das Space-Shuttle in Form des selbst betitelten Debüts von 30 Seconds To Mars mit seinem anspruchsvoll-progressiven Space-New-Rock nicht ab. Wenn es nur die (zu komplexe) Musik war, die den Start verpatzte und nicht Vorbehalte gegenüber gut aussehenden singenden und musizierenden Hollywoodstars das Fehlschlagen der Mission verursachten, dann könnte jetzt doch noch alles gut werden. Denn auf dem neuen Album ‘A Beautiful Lie’ ist jetzt einiges anders.

Zumindest musikalisch-konzeptionell konnte man das Erstlingswerk aber sehr wohl als abgehoben bezeichnen, schien es doch in anderen Hemisphären zu schweben. Mit episch angelegten Songs voller textlicher Weltraum-Metaphern und schwer beladen mit technischem Schnickschnack versprühte es eine kühle Space-Rock-Ästhetik, die an manche (Prog-)Rock-Band der Siebziger Jahre erinneren konnte. Schöne Grüße von Perry Rhodan! Dass das von Pink Floyd Producer Bob Ezrin inszenierte Werk trotz solcher Reminiszenzen hypermodern klang, änderte nichts daran, dass das Ganze wohl etwas zuviel war für manchen Hörer. Ein musikalisches UFO. Trotz fantastischer Songs.

“Ich wollte ein Album machen, das wie ein Schlag ist Gesicht ist”

“Ich wollte ein Album machen, das wie ein Schlag ist Gesicht ist”, sagt Jared über das neue Album. “‘A Beautiful Lie’ ist wesentlich zugänglicher als das vorige Album, das du erst entdecken musstest. Es ist wesentlich transparenter in emotionaler Hinsicht, wesentlich reduzierter und direkter. Es war wichtig für mich, zu versuchen, so wenig wie möglich zu machen, anstatt soviel wie möglich, worum es bei dem ersten Album mehr ging. Ich schnitt also etwas von dem Fett weg und von dem Ballast, um auf den Punkt zu kommen.” Und weiter: “Es war wichtig, die Richtung zu ändern. Wenn ich das nächste Album mache, dann wird sich das wiederum komplett anders anhören.” Letos seltsam anmutende Absicht, “das erste Album mit dem zweiten zu zerstören”, in gewisser Weise hat er sie in die Tat umgesetzt.

Viel zu schön aber ist ‘A Beautiful Lie’ geworden, um auch, wenn auch nur bildlich gesprochen, irgendwann zerstört zu werden. Klanglich ist die Band aus den Weiten des Alls zur Erde zurück gekehrt. Bodenständiger und geradezu minimalistisch verglichen mit dem Debüt, aber auch melancholischer wird hier zu Werke gegangen, wobei aber auch noch stärker Letos mittlerweile noch ausgereiftere Songwriting-Skills zur Geltung kommen. Eine recht surreale und dennoch intime Stimmung schwebt über einem geheimnisvoll und immernoch schwerelos wirkenden insgesamt zugänglicheren, und zurückhaltender rockenden Werk. ‘Attack’, ‘The Fantasy’ oder auch das überragende ‘Was It A Dream?’ sind nur ein paar der tiefen und intensiven Songs, die ‘A Beautiful Lie’  großartig machen.
Warum aber das gesteigerte Maß an Melancholie in den Songs? Vieles klingt hier nicht gerade aufmunternd oder optimistisch. “Interessant, dass du das sagst. Ja, ich denke, es gibt Momente von Melancholie auf diesem Album”, sagt Jared. “Aber trotzdem erkundete ich eine Menge verschiedener Gefühle. Es ist kein Pop-Album, soviel ist sicher, es ist nicht sonnig und strahlend. Vielleicht wird das nächste ja so”, erklärt er und hat dabei wiederum die komplette Richtungsänderung vor Augen.

“Es war wichtig, die Richtung zu ändern. Wenn ich das nächste Album mache, dann wird sich das wiederum komplett anders anhören.”

Leto hält gerne die Zügel fest in der Hand. Alle Songs schreibt er selbst und auf dem Debüt spielte er zudem noch alle Instrumente außer den Drums (da sitzt sein Bruder Shannon dahinter) selbst ein. 30 Seconds To Mars als ‘One Man Show’? Zumindest heute nicht mehr in vollem Umfang. Denn an der Produktion des neuen Albums waren noch der Gitarrist Tomo Milicevic und Bassist Matt Walcher beteiligt, die ursprünglich lediglich als Tour Backup anheuerten. Eine schwierige Situation für Leto, den (bekennenden) Control-Freak und Perfektionisten, anderen seine musikalische Vision zu erklären und gar ausführende Posten zuzugestehen? “Ja und nein. Ich machte klar, was ich wollte, wir waren alle auf dem gleichen Kurs. Was den Input der Einzelnen angeht, so mache ich mir nicht so viele Gedanken, was wem ‘gehört’. Es geht nur um das Endergebnis.”

Dass eine erfolgreiche Hollywoodkarriere im Musikbusiness mehr ein Fluch denn eine Segen ist, ja schon fast als Garant für ein künstlerisches Scheitern im großen Stil gesehen wird, hat es der Band zu Anfang nicht leicht gemacht. Diejenigen, die 30 Seconds To Mars lediglich als einen weiteren kläglichen Versuch eines Hollywood-Stars (u.A. spielte Leto in der Serie ‘Willkommen Im Leben’, in Filmen wie ‘Panic Room’ und ‘Requiem For A Dream’) sahen, auch musikalisch Fuß zu fassen, haben wohl schon auf Grund der Einstellung, dass singende Schauspieler nicht auch noch gute Musiker sein können (oder dürfen) beim Debüt weggehört. Letos ernst zunehmende musikalische Ambitionen wurden immer wieder einmal mit einem hämischen Lächeln quittiert. Da half auch dessen Bemühen nicht, die Band nicht als Personality-Show aufzuziehen und seine Person immer eher im Hintergrund zu halten. “Ich bin sehr stolz auf meine Arbeit als Schauspieler, aber es ist wichtig, dass die Musik die Musik ist und für sich selbst spricht. Interessant aber, dass manche Leute andere vom Ausleben ihrer Kreativität abhalten wollen, indem sie sie dazu zwingen, eine Wahl treffen”, so Jared.

Text: Martin Erfurt