Wer hätte jemals gedacht, dass Outkasts genuin extraordinärer HipHop-Hit ‘Hey Ya!’ auch im Umkehrschluss, sprich im Country-Gewand, noch mal so viel Spaß machen kann? Doch damit nicht genug, die sieben Berliner Outlaws von Boss Hoss haben auf ‘Internashville Urban Hymns’ noch viel mehr Chartknaller den Cowboyhut aufgesetzt.

Songs, für die andere zu wilderen Zeiten geschmacklich gnadenlos geächtet worden wären (Nellys ‘Hot In Herre’ zum Beispiel), werden hier – durchs Country-Klischee-Rodeo gejagt – auf einmal zu tonalen Volltreffern. Postmoderner Ironieansatz selbstverständlich inbegriffen, denn wer macht hier schon ernsthaft Country? Äußerst unterhaltsame Neuinterpretationen gilt es hier also zu entdecken, vorausgesetzt natürlich, man versteht den Spaß daran, möglichst weit her geholter Musik einem zünftigen Western-Whisky-Zuberbad zu unterziehen.

Naheliegend also, dass ursprünglich die sprichwörtliche Schnapsidee Boss (Alec) und Hoss (Sascha) einst dazu veranlasste, sich mit ungewöhnlichen Country-Coverversionen in den Sattel zu schwingen. “Wir haben uns in einer Bierlaune mal überlegt, dass wir mal Bock hätten, so eine Schräge Country Nummer zu machen”, so Boss, der mit Kumpel Hoss natürlich auch schon vorher mal im Studio an völlig anderen Sounds gewerkelt hat. Gesagt getan, und mit dem Sisters Of Mercy-Gassenhauer ‘This Corrosion’ war auch schnell das erste – vergleichsweise – leichte Opfer gefunden. Richtig lustig wurde es aber dann erst als man sich an extremere Härtefälle machte. Wie Britney Spears. “Wir wollten nicht Sachen nehmen, die eh schon die halbe Welt nachspielt. Aber HipHop mit Western-Gitarre, daran muss man schon mal rumbauen”, erklärt Boss weiter. So kam dann Eminems ‘Without Me’ in die Schusslinie; ein Song, der auf Grund verzwickter Freigaberechte leider nicht auf dem aktuellen Album zu finden ist, aber live immer noch für spontane Freudenschusssalute sorgt.

Schließlich ist aus dem ursprünglichen Buddyprojekt mittlerweile eine vollständige siebenköpfige Band entstanden, komplett mit Mundharmonika- und Mandolinen-Einsatz. “Sascha macht im Studio bei uns die Mucke, und irgendwann haben wir dann schnell auch eine Band zusammengewürfelt. Nach dem Motto: Du brauchst eine Band, also Kumpels ranschaffen, Hut aufsetzten, fertig.” Das Ganze zog dann so schnell seine Kreise, dass schon bald ein paar Plattenfirmen auf der Matte standen. Schon ein bisschen überraschend oder? “Vielleicht sieht es für manche nach dem ganzen Dick Brave-Ding jetzt so aus, als hätte eine Plattenfirma da ein paar Jungs gecastet, die in dieses Konzept passen, weil uns eben vorher niemand so richtig kannte. Aber das ist es nicht. Es ist unsere Idee und unser Projekt, und wir haben denen unser bereits fertiges Produkt verkauft.”

Auch wenn Boss Hoss vom Artwork über das Merchandise bis zum Webdesign alle relevanten Kreativbereiche fest im Griff und mit MTV-Airplay und der diesjährigen Interpretation von Langneses ‘Like Ice in the Sunshine’ einen Werbevertrag in der Hand haben, der noch zusätzlich für die gebührende Aufmerksamkeit sorgen sollte, steht der initialzündende Spaßfaktor weiterhin an oberster Stelle. “Wir dachten uns, wenn wir schon diese Schiene fahren, dann müssen wir auch den völligen Cowboyalarm machen – mit allen Klischees: Hut, Unterhemd, Whiskyflasche und auch mal Yeehaw schreien. Wir nehmen uns ja nicht wirklich ernst oder wollen die Country-Szene revolutionieren. Aber wenn du siehst, wie die Leute bei der Mucke völlig aus dem Häuschen geraten, dann kriegst du schon richtig Lust, so weiterzumachen”, sagt Boss. Ich bitte darum, wer soll sonst all den Gringos und Gringas da draußen zeigen, wie ihre Songs wirklich klingen?

Text: Frank Thießies