In der digitalen Welt verschwimmen Erinnerungen immer mehr. Wenn früher ein Foto noch eine Geschichte der Emotionen erschafft und etwas Besonderes war, so ist es in Zeiten, wo jeder Salat und jede lustige Momentaufnahme, die ich später Leuten zeigen werde und es dann doch nie tue, in Millisekunden fotografiert wird, inflationär. Dennoch: Schauen wir uns ein Foto an, kommen Erinnerungen hoch, noch extremer ist es aber wahrscheinlich bei Songs oder wie Sophia Hembeck in ihrem Buch „Things I Have Noticed“ schreibt: „The great thing about getting older is that songs turn out to be little time capsules, they catapult you right back to your 15th birthday.“

Die walisische Sängerin Greta Isaac kennt das Gefühl der musikalischen Zeitmaschine natürlich ebenfalls mit vielen verschiedenen Songs, doch wenn sie ihre eigenen alten Songs hört, fühlt es sich noch einmal anders an:

“Ich habe das Gefühl, als ob die meisten meiner alten Songs eine ziemlich negative Konnotation für mich haben. Ich war sehr jung und sehr wütend auf die Welt. Wenn ich die Songs jetzt höre, bin ich irgendwie traurig für mein altes selbst, aber im gleichen Moment möchte ich zu ihr gehen und ihr sagen, dass alles wieder gut wird.“

Die Rollen, die wir sind

Vielleicht zeigt das Gefühl einer alten Version einer selbst helfen zu wollen am besten auf wie sehr wir im Laufe der Zeit verschiedene Charaktere darstellen, wie wir uns weiterentwickeln und doch immer wieder neu finden und erfinden. Diese Charaktere eines Menschen und wie sie im Sinne von Erving Goffman und Nikolai Evreinov Teil einer „Theatralisierung des Lebens“ sind, helfen Greta jedoch auch beim Songwritingprozess:

„Wenn ich schreibe, liebe ich es, diese verschiedenen Versionen meiner selbst anzunehmen – fast so, als würde ich mich verkleiden, in dem ich einen Part meiner selbst, denn ich sonst vielleicht eher verstecken möchte, besonders betone.“

Wen interessiert schon die Zukunft?

Sophia Hembeck hat ihre Autobiografie aufgeteilt in die Punkte leaving, searching und finding – also ganz grob gesagt den Prozess des Aufwachsens (der sich, wie man mit der Zeit merkt, jedoch immer und immer wieder wiederholt, – mal freut einen das und mal würde man gern auf was eindreschen). Meistens wünscht man sich, dass das ganze Suchen irgendwo hinführt, hat vielleicht ein bestimmtes Bild für die Zukunft im Kopf, doch Greta pflegt lieber einen passiveren Umgang mit der Zukunft:  

„Die Idee der Zukunft war für mich lange Zeit unfassbar stressig. Das hat dazu geführt, dass ich oft einfach den Stecker aus diesem Gedanken rausgezogen habe und stattdessen einfach von einem Moment zum anderen gestolpert bin ohne irgendwie zu wissen, was ich überhaupt wollte. Ich habe wirklich so gut wie noch nie über die Zukunft in einer produktiven Art und Weise nachgedacht – bin mir aber jetzt auch nicht sicher, ob das gut oder schlecht ist.”

Eine Frage über die  Greta sehr wohl nachdenkt, ist die Frage wie man denn nun bitte eine Frau ist – dementsprechend heißt auch ihre Lead Single der EP „How to be a woman“. Gretas Antwort:

„Das Phänomen “Frausein” ändert sich für mich konstant während ich älter werde. Mein Gesicht verändert sich, mein Körper verändert sich und dementsprechend verändert sich mein Bild, was eine Frau zu sein hat. Bei der Frage versuche ich zum Beispiel immer mehr meinen Fokus wegzubewegen vom Visuellen, denn für die Gesellschaft scheint das oft das Wichtigste zu sein und da ich ein absoluter „people pleaser“ bin, habe ich mich da lange Zeit einfach eingefügt.“  

Vielleicht erklärt Gretas visuelle Erkenntnis zum Frausein auch, weshalb gerade Songs im Kopf wie kleine Zeitmaschinen zünden. Wenn wir ein Bild anschauen, erinnern wir uns an einen Moment, vielleicht auch an eine Phase, wir müssen nachdenken, bis wir die Emotionen der Vergangenheit wieder fühlen. Wenn wir jedoch einen Song hören, sind die Emotionen innerhalb von Sekunden da – und das ist extrem gut, wenn die Songs so selbstbewusst daher kommen wie die von Greta Isaacs neuer EP, denn die Erinnerungen, die dazu erschaffen werden, können nur großartig sein!


Hier könnt ihr Sophia Hembecks Buch “Things I have noticed” bestellen, hier ihren fantastischen wöchentlichen Newsletter “The Muse Letter” abonnieren (tut euch selbst den gefallen und abonniert ihn!) und hier auf Instagram abonnieren.

Ihr könnt Greta Isaac hier auf Instagram folgen und hier geht es zu ihrer neuen EP auf Spotify.