Die Toten Hosen sind im Ausnahmezustand. Parallel zur bevorstehenden Veröffentlichung der neuen Platte „Zurück zum Glück“ sind Campino, Kuddel, Vom, Breiti und Andi auch Protagonisten in ihrer eigenen TV-Show „Friss oder Stirb“, die seit Mitte September wöchentlich auf MTV läuft und für deren Inhalt die Jungs selbst per Digicam zu sorgen haben. Wenn passend dazu auch noch das von MTV im Mai übertragene Konzert der Hosen bei „Rock Am Ring“ auf DVD erscheint, scheint der Promotion-GAU programmiert.

Nicht so bei den Presse-Profis vom Rhein – Die fünf meistern den Interviewmarathon scheinbar mit links, und Sänger Campino findet zwischen TV-Studio, Pressekonferenzen und Interviewterminen sogar noch genug Zeit, um die Windeln seines kürzlich geborenen Sohns Lenny zu wechseln. Der Mann hat Nerven wie Drahtseile. Oder einfach ein verdammt gutes Zeitmanagement…

Campino, eure neue Platte “Zurück Zum Glück” bietet wieder die komplette Bandbreite, von zwischenmenschlichen Beziehungen über Singalongs bis hin zu Gesellschaft und Politik. Welches Thema hat nicht mehr auf das Album gepasst?

Für uns ist so eine Scheibe ja wie eine Momentaufnahme, so wie andere Leute ihr Tagebuch machen. Und da ich mich jetzt komplett leer fühle, fällt mir auch nichts ein, was ich jetzt noch zu sagen hätte. Wenn ich denken würde, der Scheibe fehlt was, dann wäre was schief gelaufen. Alles was mich gerade beschäftigte, ist abgeräumt, und entweder war es zu scheiße und kam nicht drauf, oder es war okay und dann ist es auch auf dem Album enthalten.

Songs wie “Am Ende” oder “Behauptung” klingen nach einem stimmlichen Kraftakt. Hast du versucht, dich selbst herauszufordern und neue Dinge zu wagen?

Nein, einem alten Esel bringst du keine neuen Tricks mehr bei. Ich könnte jetzt auch nochmal zur Gesangsstunde gehen und versuchen, dadurch ‘ne neue Variante zu erfinden. Aber ich weiß, dass meine Stimme sehr limitiert ist und wir dadurch sowieso immer Die Toten Hosen bleiben werden. Ich will eine Qualitätssteigerung eher dadurch erreichen, WAS wir zu sagen haben. Damit versuche ich zu punkten. Ich hoffe, wir haben unser bestes Lied noch nicht gemacht – zumindest von der textlichen Aussage her.

Du bist tatsächlich der Meinung, du hättest das beste Lied noch nicht gemacht?

Ich hoffe. Dafür mag man mich belächeln, aber aus welchem anderen Grund sollte ich sonst am Laufen bleiben? Das ist wie bei einem Leistungssportler. Ich bin jetzt 42, körperlich habe ich meine Grenzen schon lange erreicht. Ich springe nicht mehr so auf der Bühne oder auf Zeltdächern rum wie noch vor ein paar Jahren. Aber ich glaube, die Möglichkeit, geistig oder gedanklich noch einen Höhepunkt zu kriegen, ist durchaus gegeben. Und dadurch gibt es auch noch eine Existenzberechtigung.

Demnach hast du also noch nicht alles gesehen und erlebt?

Auf keinen Fall. Wenn es überhaupt eine Erkenntnis gibt, dann die, dass ständig noch irgendwelche genialen und wilden Sachen passieren. So wie neulich in Athen. Ich bin da zum olympischen Handball-Finale runtergefahren, zu meinem Kumpel Stefan Kretzschmar, und habe die Niederlage der Mannschaft hautnah erlebt – diese ganze Enttäuschung, dieses Bodenlose, diese Leere. Aber nach ein, zwei Stunden hat sich die Stimmung gedreht und es wurde noch ‘ne tierisch wilde Nacht. Da ging’s über Tische und Bänke wie ich es selten erlebt habe.

Es gibt auf jeder Hosen-Platte diesen einen lockeren Live-Song, bei dem alle mitgehen und ihr Hirn ausschalten können. In diesem Fall ist das der “Walkampf”. Ist so ein Stück ein Muss für die Hosen?

Wir würden nicht 15 solche Songs auf einem Album bringen, wir sind keine Joke-Band. Aber eine Platte muss ausgewogen sein. Wenn es in eine arg melancholische oder nachdenkliche Richtung geht, dann habe ich natürlich irgendwann Interesse, das Gegengewicht zu bringen, bevor die Sache umkippt. In Funny van Dannen habe ich einen Partner, mit dem können sich solche Songs eben entwickeln, wenn man gemeinsam rumspinnt. Wenn ich alleine in den Keller gehe und die Sachen mit mir selbst ausmache, werde ich sehr schnell mal grüblerisch.

Offensichtlich, denn mit “Alles Wird Vorübergehen” oder “Herz Brennt” sind auch zwei Herzschmerz-Songs auf dem neuen Album. Seltsam, dass solche Themen ihren Weg auf das Album finden, obwohl dir in den letzten zwei Jahren nur gute Dinge widerfahren sind.

Ich bin nicht der Meinung, dass es gut wäre – nur weil ein neues Album rauskommt – ganz Deutschland nachlesen kann, was gerade mit mir los ist. Das ist ja alles codiert. Die Band weiß ganz genau, was mir passiert ist und die wissen auch ganz genau, welches Lied dann kam und kommen musste. Wenn man die Platte hört, kann man nicht sagen, der hat die letzten drei Jahre ‘ne Superzeit gehabt, weil so war es einfach nicht.

Du bist kürzlich Vater geworden. Das ist natürlich eine super Sache, aber so ein Kind schränkt bekanntlich auch ein. Wie balancierst du das aus – die Familie und die Band?

Ich glaube, kein Kind der Welt verlangt von seinen Eltern, ihren Lebensweg zu ändern. Was es allerdings verlangen kann, ist bedingungslose Liebe, und die kriegt man ja auch zurück. Meine Freundin wusste, worauf sie sich mit mir einlässt und fordert auch nicht mehr von mir ein als gerade geht.

Welche Eigenschaften sollte dein Sohn besser nicht von dir geerbt haben?

Also, ich wünsche ihm, dass er weniger hibbelig ist als ich. Ich möchte kein Kind so wie ich früher eins war. Außerdem wäre es schön, wenn er Liverpool F.C.-Fan wird. Ich bin auch schon dabei, ordentlich Hirnterror zu machen und sage ihm jeden Abend die Mannschaftsaufstellung durch, aber nur wenn die Mutter nicht dabei ist. Und bei “You’ll Never Walk Alone” fängt er immer an zu grinsen…

Ich mache mal eine Behauptung: Die Hosen machen nur eine neue Platte, um danach eine gute Entschuldigung zu haben, warum sie wieder auf Tour gehen.

Dann sage ich: Das ist eine Lüge!, aber die Wahrheit ist: So sieht es aus. Im Ernst: Ich glaube, dass es immer noch eine Menge Leute gibt, für die unsere neuen Stücke relevant sind. Wenn dem nicht so wäre und alle wollten nur noch “Alex” und “Bommerlunder” hören, dann wäre es definitiv Zeit aufzuhören, ganz hart. Aber solange den Leuten auch das neue Zeug noch was bedeutet, haben auch wir Spaß daran, die alten Sachen zu spielen. Ich will aber nicht für das beschissene Gestern anerkannt werden, sondern für das Hier und Jetzt. Das ist in diesem Fall “Zurück Zum Glück”, unsere neue Scheibe, und die ist draußen, weil wir wieder auf Tour gehen wollen.

Text: Florian Hayler