Es war so schön verrückt. Aber auch nicht alles neu, was Architecture In Helsinki vor gut zwei Jahren auf “In Case We Die” ans Licht brachten. Diese Verspieltheit zwischen Twee-Pop und Art-Rock hatten auch schon die Talking Heads ausgelotet. Und dennoch verstand die achtköpfige Band aus Australien niemand so recht. Zumindest tat man so, bestaunte den hyperaktiven Ideenüberschuss und machte sich anschließend Gedanken über den ulkigen Bandnamen. Da trumpften Architecture In Helsinki mit aberwitzigen Erklärungen auf, sie hätten diese Wörter bei Ebay ersteigert, aus Kühlschrankmagneten zusammengesetzt oder in Form von prophetischem Vogeldreck vom Himmel aufgelesen.

Jetzt kommt “Places Like This”, das dritte Album. Muss eine Band da bereits einen Reifeprozess vorweisen können? Sicher zeigen die Songs ein gefestigtes Konzept. Das fällt erst auf beim Mitsingen. Denn die Melodien sind einfach, nur das umfangreiche drum und dran fordert das Ohr. Immerhin, etwas tanzbarer scheint es nun, Stücke wie “Debbie” jagen Soulsaxophone und Disco-Grooves durch die Ironiemaschine. Man lockerte das Motivgewirr zugunsten der Aufführbarkeit. Und lieh sich erstmals ein geschultes Ohr. Produzent Chris Coady (Yeah Yeah Yeahs, Grizzly Bear) hat rationalisiert, woran sich früher 16 Arme verknoteten – in zwölf Tagen war das Album aufgenommen.

Architecture In Helsinki sind ein Beispiel dafür, wie dezentral Pop funktionieren kann. Zuerst stiegen zwei Mitglieder wegen kreativer Differenzen aus, was den Produktionsaspekt erleichtert hätte. Doch dann hielt es Sänger Cameron Bird in Melbourne nicht mehr aus und zog nach New York. Die physische Trennung überwand man digital: Alle kochten zunächst ihr eigenes Homestudio-Süppchen, bis sie die Ideen per E-Mail austauschten. “Wir haben manchmal praktisch über Instant Messenger gejammt”, erläutert Cameron und verteidigt: “Und trotzdem haben wir uns noch nie so als Band gefühlt wie jetzt”. Dabei funkelt in seinen Augen etwas souverän Kindisches, ohne das seine Musik wohl nicht denkbar wäre. “Ich will mir das patentieren lassen – die ‘Helsinki-Technik’, oder ein Buch schreiben: ‘Wie man ein Album interkontinental aufnimmt'” Solche Phantasien begleitet Camerons Stimme mit einem leichten Näseln, das von einem Nebenhöhlenleiden stammt. “Ohne das würde ich wohl wie Freddie Mercury klingen”, heckt er dazu aus, kritisiert im nächsten Satz noch die unerträgliche Romantik seiner Kollegen und macht allgemein den Eindruck, jegliche Aufrichtigkeit zu verweigern. Eskapismus? Klar, doch irgendwann landet auch diese Band immer wieder bei einer Haltung, die das letzte Stück der neuen Platte am besten umschreibt: “The Same Old Innocence”.

Text: Philipp Kohl