Wer in den letzten Jahren mal auf einen dieser „10 Arten, um auf Social Media fame zu werden – Nummer 3 wird dich überraschen“-Artikel geklickt hat, wird zwangsläufig nicht an folgender Weisheit vorbeigekommen sein: sei einfach authentisch. Doch was verbirgt sich hinter dieser fast mystischen Authentizität im digitalen Zeitalter?

Basierend auf Jean Paul Sartre gilt als authentisch, was „aus dem jeweiligen selbstentworfenen und individuellen Selbstbild heraus begründet ist und zu der Individualität des Subjekts passt“. Authentizität hängt also massivst von unseren eigenen Idealen ab, dennoch werten uns andere in ihrem Maßstab der Authentizität in den sozialen Netzwerken – wie geht man mit diesem Paradox als Künstler*in um?

Über langes Nachdenken und kurzes posten

Die niederländische Künstlerin LUWTEN wirkt nicht nur in ihren atmosphärischen Songs extrem authentisch, sondern auch auf ihrem Instagram Account, den sie gerne wie ein Museum versteht. Dass die sozialen Medien heutzutage zu jeder Karriere dazugehören, lässt sich nicht abstreiten, doch wie beeinflussen sie LUWTEN?:  

“Meine Beziehung gegenüber den sozialen Medien und dem Teilen von Gedanken und Gefühlen online ist definitiv eine, die sich sehr viel verändert. Es ist ein komisches Medium, weil man eine lange Zeit darüber nachdenken kann, was man online stellt. Es ist nicht wie zum Beispiel im Supermarkt, wo du eine Millisekunde darüber nachdenken kannst, wie du dich dem Kassierer präsentieren wirst, wenn er dich nach dem Kassenzettel fragt. Dem entgegengesetzt kannst du online so lange wie du willst über deine Präsentation nachdenken. Es können viele Dinge durch deinen Kopf gehen, bevor du etwas postest, – wenn man es möchte, kann es sich fast anfühlen, als würde man jedes Mal sein Lebenswerk posten. Ich selbst bin durch alle Phasen gegangen: Ich habe viel darüber nachgedacht, ich habe gar nicht drüber nachgedacht, Ich bin frustriert gewesen und hatte viel Spaß – weil es kann durchaus viel Spaß sein, wenn Menschen zum Beispiel auf meine Musik reagieren. Besonders in einer Zeit, in der ich nicht in andere Städte gehen kann, um die Menschen, die meine Musik hören, auf meiner Show zu treffen. Am Ende möchte ich, dass meine Musik die Leute erreicht, dementsprechend schön und bedeutsam ist es für mich, wenn ich davon online höre. Im Endeffekt ist es Segen und Fluch zugleich. Ich möchte mich ausdrücken, meine Songs und Videos teilen und die Reaktionen von Menschen mitbekommen, aber ich möchte mich nicht im Gedanken wie ich mich präsentieren soll oder wie ich das jetzt effektiv nutze verlieren.”

Von den unterschiedlichen Rollen des Menschen

Der Soziologe Erving Goffman ist berühmt für seine Theorie, nach der jeder Mensch je nach Situation eine unterschiedliche Rolle spielt – eine Dynamik, die LUWTEN in den sozialen Medien an sich selbst stark erkennt: 

„Wenn ich mit Menschen eins zu eins rede, teile ich mehr von mir als wenn ich in den Sozialen Medien spreche, da ich sobald ich dort etwas teile mit einer großen Gruppe spreche und die Dynamik sich dadurch verändert. In diesem Sinne könnte ich sagen, dass ich online eine schüchternere Person bin, da ich nicht alle Menschen mit denen ich rede kenne. Dadurch wird es immer Teile meiner Selbst geben, die ich verstecken werde, da ich nicht jedem mit allen Teilen meiner Persönlichkeit vertraue.“

Den Gedanken der teilweisenden Offenbarung weitergedacht, fügt LUWTEN hinzu:

“Vielleicht heißt ‘authentisch sein` im Endeffekt einfach nur, dass man der*die beste Schauspieler*in ist, die es gibt. Das mensch es schafft, dass es sich natürlich anfühlt. Oder vielleicht ist es einfach zu akzeptieren, dass wir immer dieses Zwischenspiel benutzen und das Authentizität bedeutet, dass wir uns erlauben, fließender zu sein in dem, was wir sind.“

Authentizität und die Kunst

Bei Walter Benjamin gehört zu der Aura eines Kunstwerks stets die Authentizität, welche laut Benjamin vor allem durch die Echtheit und Einmaligkeit produziert wird. Benjamin interpretiert den Begriff also anders als die heute umgangssprachlich Deutung von Authentizität als etwas Persönliches. LUWTEN sieht die Konnotation mit dem Persönlichen in der Kunst ebenfalls kritisch:

„Ich habe nicht das Gefühl, dass jemand wie St.Vincent, die sich mit jedem Album neu erfindet, weniger authentisch ist als jemand wie Adrianne Lenker von Big Thief, der sehr bodenständig und organischer wirkt. Musikalisch gesprochen ist es so als ob St. Vincent der Synthesizer ist und Adrianne Lenker das organische field recording – aber am Ende kommen beide als authentisch rüber, weil beide so wirken als würden sie ihrem Gefühl folgen.“  

Am Ende bleibt Authentizität etwas fluides, etwas das sich durch den Blickwinkel des Betrachters ändert und doch statisch bleibt. Am 26. Mai 2021 wird LUWTEn mit der niederländischen Philosophin Marjan Slob, die ein Buch über (das Denken über) Identitäten und Einsamkeit geschrieben hat, ein Zoom Interview im Rahmen ihrer Albumveröffentlichung führen (hier könnt ihr euch anmelden) –und schon allein wegen LUWTENs authentischen Gedanken wird es sich lohnen den Beiden zuzuhören!


Ihr könnt LUWTEN hier auf Instagram folgen und hier geht es zu ihrem neuen Album auf Spotify.