Sie machen es einem nicht unbedingt leicht, sie wirklich zu mögen. Ihr gutes Aussehen und das stets perfekte Styling ließen manch einen vielleicht schon Vermutungen über geheime Verbindungen zu Lou Pearlmans Casting-Maschine anstellen. Auch in ihren Videos zeigen sich die Lostprophets gern als opulent feiernde Rock-Stars und zeigen auch musikalisch nicht den geringsten Respekt davor, Klischee-Grenzen zu überschreiten. Leichte Beute also für alle passionierten Szenepolizisten möchte man meinen.

Glaubt man Sänger Ian Watkins, der übrigens nicht nur wirklich sympathisch und allürenfrei ist, sondern auch über jede Menge profundes Insiderwissen über Underground-Musik der letzten Jahrzehnte verfügt, scheren ihn solche Kritiken recht wenig: “Weißt du, wir sagen ja nicht, dass wir Punkrock machen oder so. Unser Ziel war es einfach, gute Pop-Musik zu machen, in denen man unsere Metal- und Ian Watkins erkennen kann. Für mich machen diese Sellout-Vorwürfe also wenig Sinn. Ich meine klar, wir haben früher alle in Hardcore-Bands gespielt und sind mit dem Van übers Land getourt, aber irgendwann ging diese Szene bei uns den Bach runter und wir wollten uns weiterentwickeln.” Auch das nunmehr schon dritte Album der Waliser namens ‘Liberation Transmission` wird an den zwiespältigen Reaktionen wohl nichts ändern. Wieder setzt die Band auf den bewährten Dicke-Hose-Rock mit den extrem eingängigen Mitsing-Refrains nach amerikanischem Vorbild. Nur ist alles noch größer als bei ‘Start Something’, noch fetterer Sound (dank Metallica-Produzent Bob Rock hinter den Reglern), noch mehr Aaahs und Ooohs in den Background-Chören und vor allem kein Song, der nicht Single-Format hätte. “Der Plan war diesmal, ein Album zu machen, auf dem einfach nur Hits sind, keine Füller. So wie die frühen Sachen von Bon Jovi und Aerosmith, weißt du. Ich habe diese Sachen früher rauf und runter gehört, genau wie Duran Duran oder The Police!”, erklärt Ian ohne den geringsten Anflug von Scham oder Ironie. Wer hinter dem Titel übrigens ein politisches Konzeptalbum der Marke ‘American Idiot’ vermutet liegt völlig daneben, die Lostprophets sind nicht überraschend zu Propagandhi mutiert, wie Ian bestätigt: “Nein, wir sind nach wie vor keine politische Band, also wir interessieren uns schon für Politik, aber wenn man Texte darüber schreiben will, muss man wirklich alles wissen. Ich meine, ein fünfjähriges Kind könnte dir sagen, dass die Regierung scheiße ist, aber wenn man Songs darüber schreiben will, muss man sich schon extrem gut auskennen, das könnten wir nicht.” Vielmehr sind die Texte sind eher auf einer persönlichen Ebene zu verstehen. “Es geht hauptsächlich darum, sich selbst zu befreien. Mir gefiel einfach die Idee, radikal klingende Titel zu benutzen, um das auszudrücken.”. Fassen wir also zusammen: ‘Liberation Transmission’ zeichnet das Bild einer Band, die auf der Suche nach dem perfekten Pop-Song auch schon mal Snapcase mit Bon Jovi oder Slayer mit Aerosmith kreuzen würde und die politische Slogans gerne auch nur mal der Ästhetik wegen verwendet. Die Tatsache, dass die das alles auch tatsächlich ernst meinen, macht die Sache nicht einfacher zu bewerten. Ist das jetzt sympathisch, naiv oder einfach größenwahnsinnig? Egal, fest steht, die Band polarisiert, entweder man liebt sie oder man hasst sie, und so wird wohl auch ‘Liberation Transmission’ entweder gnadenlos durchfallen, weil sie es diesmal zu weit getrieben haben, oder aber den Lostpropthets gelingt damit der große Durchbruch auch außerhalb des UK, weil die Welt auf eine Platte voll perfekter Pop-Rock-Songs der Marke ‘Rooftops (A Liberation Broadcast)’ oder ‘A Town Called Hypocrisy’ gewartet hat. Prognosen mag man da kaum wagen.