18 lange Monate haben Coldplay an ‘X & Y’ rumgebastelt. Sie haben in dieser Zeit gemacht, was ‘größte Bands der Welt’ nach dem Durchbruch eben so machen: Filmstars geheiratet, Papparazzi verprügelt, sich politisch engagiert und schließlich und endlich auch wieder Musik gemacht. Das aber war zunächst gar nicht so einfach…

Dass Coldplay natürlich eine Band sind, und nicht etwas Chris Martin plus austauschbare Erfüllungsgehilfen, kann man auch jetzt wieder schön sehen, wie sie da oben auf der Bühne des Kölner Gloria-Theaters stehen. Guy Berrymans Bass schiebt, Will Champion hämmert den Groove und Jonny Buckland spielt seine herrlich versprenkelten Gitarrenmelodien, die für den Trademark-Sound der Briten wohl ebenso wichtig sind wie Martins Vocals und das stets hypnotisch anschwellende Pianoforte. Klar, sie haben eine Scheißangst, das merkt man. Die Anspannung ist förmlich greifbar. Das neue Material, um das es hier geht, ist noch nahezu unerprobt, und die Show ist neben wenigen anderen die Generalprobe für die Stadion-Shows im Sommer. Trotzdem wird klar, dass es diese drei Männer sind, die Chris Martin die Sicherheit vermitteln, ohne die er vermutlich nicht ganz so selbstvergessen mit geschlossenen Augen und ausgebreiteten Armen über die Bühne taumeln würde.

“Die Band wäre niemals dieselbe, wenn einer von uns fehlen würde”, bestätigt Jonny Buckland am nächsten Tag den Eindruck. “keiner von uns ist ersetzbar. Das ist auch der Grund, aus dem wir uns schon früh entschieden haben, die Songwriting-Credits aufzuteilen, obwohl die meisten Ideen von Chris kommen. Man kennt das ja aus anderen Bands – kaum kommt der Erfolg, beginnen die großen Streitereien, wer was geschrieben hat. Das wollten wir uns ersparen, denn wir vier haben etwas Gemeinsames mit dieser Band, das kein Geld der Welt ersetzen kann.” Das ist jetzt eins dieser typischen Coldplay-Zitate. Man liest so was und denkt sich, dass da doch irgendwo ein Haken sein muss; ist vielleicht auch ein bisschen irritiert von soviel Aufrichtigkeit. Genau wegen solcher Reden haben sie ja auch ihren Ruf als Softies und unverbesserliche Gutmenschen weg, die alles sind, nur nicht cool. Aber dann sitzen sie vor einem und SIND einfach so, nun ja: unverkrampft, nett, witzig und offen, also wirklich Freunde und nur die Musik zählt und das Biz spielt keine Rolle und so weiter.

Scheiße, draußen in der Lobby des Hotels findet der verdammt noch mal größte Medienauftrieb des laufenden Popjahres statt. Springer, Spiegel, MTV, Stern – alle sind sie da. Das Management der Band hat sich in Mannschaftsstärke um einen runden Tisch und einen Haufen surrender Laptops versammelt, und der Plattenfirma schlottern die Knie. Weil diese vier Briten ihr drittes Album nicht rechtzeitig fertig bekamen, musste eine Profitwarnung an die Aktionäre der altehrwürdigen ‘EMI’ ausgegeben werden. Und Jonny Buckland, Guy Berryman, Will Champion und Chris Martin sitzen in ihren Interview-Suiten und reden von altmodischen Dingen wie Freundschaft, fairem Welthandel und der Sinnlosigkeit, Musik nach den Erwartungen der Leute zu schreiben. Von Alben als Gesamtkunstwerken und ihrer Abneigung gegen radiokompatible Dreiminüter. Und, das ist das Irre: Man glaubt ihnen jedes Wort. Hier in der Suite sitzen die Guten, die böse Welt ist draußen. Die Guten bauen auf eine simple Kraft – Freundschaft. So einfach kann das Leben manchmal sein.

Oder auch so schwer. Denn dass das (wieder) so ist mit der Freundschaft, haben sie sich hart erkämpfen müssen.
“Je erfolgreicher du wirst, desto mehr musst du dich mit Dingen auseinandersetzen, die nicht direkt mit der Band und der Musik zu tun haben”, erklärt Jonny. “Die meiste Zeit der Arbeit an diesem Album haben wir wohl damit verbracht, wieder zu dem zu werden, was wir waren, als wir angefangen haben. Einfach nur wir vier in einem Raum, und alles, was passiert, ist unter unserer Kontrolle. Die Bedeutung dessen kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Und man kann wohl auch sagen, dass wir durch diesen Prozess unsere Freundschaft sogar noch vertiefen konnten. Wir sind uns heute noch näher und gehen noch ehrlicher miteinander um als jemals zuvor.” Der Weg dahin war indes ein steiniger. Nach dem in dieser Dimension wohl für niemanden voraussehbaren, weltweiten Erfolg mit ‘A Rush Of Blood To The Head’ samt endloser Stadion-Tour, brauchten die erschöpften Helden zunächst Zeit um sich “zu domestizieren”.

“Es ist nicht so leicht, sich nach so einer Tour wieder an das normale Leben zu gewöhnen”, findet Guy. Jonny ergänzt: “Das hat ein paar Wochen gedauert und war auch für die Leute, die uns umgeben, sehr schwer. Jeden Abend um neun ist man aufgeregt, und dann kommt nichts. Man rennt dann aufgescheucht durch die Gegend oder geht in die Kneipe. Es dauert eine Weile, dieses Loch zu füllen und diesen Weg musste jeder von uns alleine gehen.” Parallel haben sie, die sie nach wie vor alle in der englischen Hauptstadt wohnen, jedoch schon damals “in einem Studio in London gearbeitet. Wir versuchten also gleichzeitig runterzukommen UND an neuen Songs zu arbeiten, und ich bin nicht sicher, ob das funktioniert”. Dementsprechend klangen dann auch die Ergebnisse “sehr domestiziert. Alles, was wir in den ersten zwölf Monaten zustande brachten, war uninspiriert, und wir haben auch nicht besonders viel von diesen Sachen behalten.” Coldplay erkannten in dieser Phase, dass es einer gründlichen Remedur ihrer gesamten gemeinsamen Basis bedurfte. Nicht nur ihre Freundschaft, auch das Fortbestehen als Band stand wohl auf dem Prüfstand.

Coldplay brechen die Aufnahmen ab und begeben sich nach Liverpool. Dort lassen sie die Instrumente in der Ecke stehen und machen ganz normale Sachen, die ganz normale Mittzwanziger überall auf der Welt eben so machen: Fußballspielen, Videos gucken, Nächte durchtrinken. Und ganz viel reden. Schließlich fahren sie zusammen nach Mexico, um die neu gewonnene Freundschaft zu zementieren und für fairen Welthandel zu streiten. “Den meisten Bands geht es vor allem darum, wie cool sie sind und wie viele Bräute sie hatten”, begibt sich Guy an eine Erklärung ihres politischen Engagements. “Wir haben uns entschieden, etwas zu unterstützen, das wirklich Sinn macht und Aufmerksamkeit verdient. Mit unserer Position geht eine gewisse Verantwortung einher, auf bestehende Missstände hinzuweisen, wir leben schließlich nicht in einer perfekten Welt.” Entgegen allgemeiner Vermutungen ist es nämlich auch hier die Band als Ganzes, die für eine gerechte Entlohnung von Erzeugern in Drittweltländern streiten und nicht der freilich omnipräsente Chris Martin alleine. “Chris ist derjenige, der die größte Aufmerksamkeit dafür kriegt. Er macht all diese Reisen nach Ghana oder Tahiti, und das wird dann aufgegriffen. Wir stehen aber genauso dahinter wie er.” Probleme haben die Jungs aber nicht mit der ihnen von den Medien beschiedenen Rolle im Hintergrund. “Zunächst einmal sind wir alle sehr glücklich, überhaupt in dieser Band spielen zu dürfen”, befindet Jonny. “Und all der Kram, der in der Presse steht, hat ja mit der Band auch gar nichts zu tun, sondern es geht ausschließlich um Chris und seine Frau. Ich für meinen Teil habe auch gar kein Interesse, ständig von irgendwelchen Paparazzi aufgelauert zu werden.”

Dass die Fixierung auf Chris Martin ein ausschließlich außerhalb der Band stattfindendes Phänomen darstellt und die Freundschaft der vier Musiker von keinerlei Neid getrübt wird, lässt sich auch sehr schön an deren Umgang miteinander ablesen. Interviewpausen nutzen Coldplay vor allem, um sich feixend und kichernd aufzuführen wie ein paar Schuljungs im Landschulheim. Wenngleich die Protagonisten nach den klärenden Tagen von Liverpool eher selten in derart ausgelassener Stimmung waren – stattdessen wurde konzentriert und mit heiligem Ernst an ‘X & Y’ geschraubt – ist es doch jener verschwörerisch-gemeinsamer Geist, der aus dem ‘Unternehmen drittes Album’ doch noch ein erfolgreiches werden ließ. Nachdem der Neuordnung auch Coldplays langjähriger Produzent Ken Nelson zum Opfer gefallen war, igelt sich die Band zwölf lange Monate in verschiedenen Studios ein. Während dieser Phase “ließ sich kein Mitarbeiter der Plattenfirma bei uns blicken – was vielleicht ein Fehler war”. Denn die durch ihren gewaltigen Erfolg freigesetzten Produktionsmittel haben Coldplay wahrlich mehr als ausgeschöpft. “Wir haben so viel Zeit, mit diesem Album verbracht, dass wir jeden kleinsten Part bereits jeder möglichen Veränderung unterzogen haben. Es gibt schlicht und ergreifend nichts mehr, was wir jetzt noch ändern könnten, da wir alles schon zehnmal geändert haben.”

Diesen gewaltigen Einsatz hört man dem vielleicht etwas überproduzierten und sakralen Album denn auch an. Zwar sind Songs wie die erste Single ‘Speed Of Sound’ oder auch ‘What If’ clever und klassische Coldplay-Kompositionen, doch hier und da wäre weniger sicher mehr gewesen. Abschließend bewerten kann man das Werk aber laut Jonny frühestens “nach 50 Durchläufen. Es ist sehr wichtig für uns gewesen, ein Album zu machen, das anders klingt als die beiden ersten. Ein Album, auf dem es eine Menge zu entdecken gibt, wo einem mit jedem Hören etwas auffällt, das vorher noch nicht da war. Deshalb gibt es in diesen Songs so viele Details und verschieden Spuren.” Es ist – soviel kann sicher gesagt werden – das richtige Album zur richtigen Zeit, welches den Fokus der Öffentlichkeit wieder auf die fantastische Musik dieser Band lenken und ihren Status als die neuen U2 endgültig besiegeln wird. Ein vorauszusehender Erfolg, von dem nicht zuletzt auch vier Düsseldorfer profitieren werden. Für den Song ‘Talk’ benutzten Coldplay ein Sample des Kraftwerk-Klassikers ‘Computerliebe’. Die Einwilligung hierfür zu kriegen, war laut Jonny ein Selbstläufer. “Natürlich waren sie einverstanden. Sie werden schließlich einen Haufen Geld daran verdienen (lacht).”

Im Kölner Gloria betten sie den mithilfe Kraftwerks entstandenen Track – wie übrigens alle anderen neuen Songs auch – behutsam zwischen zwei Klassiker ein. Und auch, wenn man viel Phantasie braucht, um das Original wieder zu erkennen, steht doch eines nach rund 90 Minuten fest: Coldplay haben mit ‘X & Y’ trotz schwieriger Rahmenbedingungen den nächsten logischen Schritt in ihrer Entwicklung getan, sich als Band weiterentwickelt und auch nicht allzu sehr verbiegen lassen.

Text: Torsten Groß