Die Band Blumfeld hat den deutschsprachigen Rock revolutioniert. Hat sechs brillante Alben veröffentlicht, 15 Jahre auf höchstem Niveau geschrammelt und geschwelgt. Nun ist das vorbei. Über das Ende einer der besten deutschen Bands, einem Abschiedsgeschenk und ihrer letzten gemeinsamen Tour – ein Gespräch mit Sänger Jochen Distelmeyer.

“Ein Lied mehr, das dich festhält, und nicht dahin lässt, wo du hin willst.”

                                            aus Ghettowelt, 1992

Zur Vorbereitung auf unser letztes Interview bezüglich Blumfeld, fielen mir zwei Dinge in eurer Historie auf. Erstens: Ihr hattet ständig Mitgliederwechsel innerhalb der Band.
Jochen: Ich hätte dies auch gerne anders gehabt! Künstlerisch waren wir ja immer sehr konstant mit dem, was wir gemacht haben. (überlegt) Diese Frage müsstest du eher den anderen stellen… Für mich war es sehr bedauerlich, als Eike (Bohlen, Bassist bei den ersten beiden Alben) meinte, er bräuchte mehr Zeit für sein Studium oder Peter sich ganz seiner Band Kante widmen wollte. Ich konnte trotzdem die Beweggründe verstehen. Immerhin haben Andre und ich es mit den neuen Mitgliedern geschafft, das, was Blumfeld ausmacht, fortzusetzen.

Lagen diese Wechsel vielleicht an deiner Arbeitsweise? Auffallend ist schließlich, dass unter allen Alben: Text und Musik Jochen Distelmeyer, steht. Klingt nicht sehr demokratisch!
Ich bin halt derjenige, der die meisten Songs schreibt und auch eine gewisse Vorstellung hat, wie sich das später anfühlen soll. Ein Album selbst ist aber immer abhängig von dem Input der Band. Auf der anderen Seite gibt es eben auch nur begrenzte Möglichkeiten, wie man das formulieren kann – wer welche Arbeit geleistet hat. (überlegt) Die Frage klingt ein wenig vorwurfsvoll?! Deswegen will ich noch mal sagen, dass ich kein Problem damit gehabt hätte, wenn sich die anderen auch noch mehr mit eingebracht hätten. Aber durch die Geschichte von Blumfeld ist meine Arbeit als Songwriter von der Band einfach akzeptiert wurden – als Selbstverständlichkeit angesehen, dass ich die Songs schreibe.

Viel wurde ja über euch, speziell über Jochen Distelmeyer, in den letzten Jahren berichtet. Riesige Kontroversen ausgetragen, aber auch viele Lorbeeren verteilt. Du hast dich allerdings weitgehend aus allem rausgehalten – fühltest du dich eingeengt?
Ich weiß gar nicht, was da für mich der Anlass war, mich dem nicht mehr zu widmen?! Was meine Interviews anging, war ich eigentlich immer davon überzeugt, dass das, was ich besprochen hatte, auch so geschrieben wurde. (überlegt) Anderseits gab es schon Dinge, die ich im Nachhinein nicht nachvollziehen konnte. Die mussten nicht mal böse gemeint sein, sie waren für mich einfach nur unverständlich in ihren Zusammenhängen. Und bei der Zeit, die mir am Tag so bleibt, habe ich meine Aufgabe nicht darin gesehen, mich damit zu beschäftigen!

“Die neuen Lieder, die du spielst, die haben kaum noch was zu tun mit mir.”

                                    aus: Superstarfighter, 1994

Auffallend war, dass Blumfeld in den letzten Jahren eine Außenseiterrolle neben populären deutschen Newcomern wie Juli oder Silbermond eingenommen hatten. Dies begann für viele aber schon beim sagenhaften, 1992 erscheinen Erstlingswerk “Ich Maschine”. Ein Debüt, das heute noch als Referenz für den Sound viele Bands herhalten darf. Ein Album, das bereits alles hatte, wofür die Band Blumfeld später berühmt wurde.

Gefolgt von “L’Etat Et Moi”: Hier waren Blumfeld endgültig zur wichtigsten und besten deutschen Band mutiert. Ein Monolith mit schroffen, manchmal harmonischen Sounds und Thematiken, die für eine ganze Generation standen: Orientierungslosigkeit, New Economy und nicht zuletzt das unbändige Anrennen gegen die Verhältnisse im Song “Superstarfighter”.

Die ersten beiden Alben gibt es nun in Kombination mit dem schwierigen dritten Werk “Old Nobody” sowie einem Raritäten- und Livealbum in einer Box namens “Ein Lied Mehr”. Wie ist heute dein Verhältnis zu diesen Alben – hörst du da einen anderen Jochen Distelmeyer?
Also ich bin nicht mehr dieselbe Person… halt, das bin ich natürlich schon – es hat sich ja nichts grundlegend für mich geändert. Aber ich bin eben nicht mehr der, der “Ich-Maschine” geschrieben hat, der da Gitarre spielt und singt! Ich habe mich als Künstler einfach weiterentwickelt. (überlegt) Du bist ja auch nicht Derselbe geblieben, der damals mit seinen Schulfreunden rum hing.

Ich frage deswegen, weil ihr sicherlich die Diskussion um Blumfeld in den letzten Jahren mitbekommen habt – dass es da Leute gab, die euch jedwede Entwicklung verweigerten, weil ihre Band plötzlich so poppig klang!
Natürlich haben wir das wahrgenommen. Ob dies ungerecht ist? Ich habe es zumindest nicht nachvollziehen können! Andererseits ist auch verständlich: Leute finden eine Band eben zu einem bestimmten Zeitpunkt geil und sind vielleicht ein bisschen konservativ. Auf eine Art auch engstirnig. (überlegt) Ich fand es aber viel bemerkenswerter, wie sich – nach einem gewissen Aufbrausen – die Leute auf den Konzerten verhielten. Vieles von dem, was wir machten, konnte plötzlich nachvollzogen werden. Einige kamen dann zu mir und meinten, sie hätten “Old Nobody” gehört und zuerst gedacht: Was ist denn das für ein Quatsch? – könnten es aber jetzt verstehen.

Ich glaube dir nicht, dass dich so was nie wütend gemacht hat. Es ist schließlich oftmals auch ein herber Angriff auf dein Schaffen mit Blumfeld gewesen!

(lange Pause) Ehrlich gesagt, habe ich das nie so richtig verfolgt, was da in Internetforen oder ähnlichem abging… Nur als wir “Verbotene Früchte” gemischt haben, kam unser Bassist Vredeber einmal mit einem Laptop im Studio vorbei und zeigte mir, dass es Menschen gab, die sich bereits vor Veröffentlichung, Gedanken gemacht haben, wie die Songs wohl heißen könnten. Das fand ich sehr spannend. Was toll daran war, dass sich dies zwischen einer großen Achtung der Band gegenüber und einer zulässigen Respektlosigkeit bewegte. (überlegt) Das regte mich aber nicht auf, weil das eben in einem sehr ausgewogenen Verhältnis stattfand. Auch wenn es bei vielen kritischen Stimmen gegen uns schon gar nicht mehr um die Band Blumfeld ging.

Siehst du denn einen Bruch in eurer Diskographie mit dem Album “Old Nobody”?
Es kann sein, dass dies für viele Leute so war. Ich sehe da allerdings einen roten Faden und empfinde in “Old Nobody” bis heute keinen Bruch, verglichen mit dem was wir auf “L’Etat Et Moi” oder auch auf unserem Debüt gemacht haben.

Jochen Distelmeyer wirkt während des gesamten Gesprächs sehr souverän. Ähnlich wie die letzten drei Alben der Band Blumfeld selbst. Er will, dass “Testament Der Angst”, “Jenseits Von Jedem” und das 2006 erschienende “Verbotene Früchte” als Trilogie verstanden werden. Analogien gibt es genug: Alle drei Werke sind sehr homogen, melodieverliebt und vor allem beschreiten sie textlich eine neue Ebene. Von Naturlyrik war oft die Rede oder auch von einem Wohlgefühl. Für Distelmeyer wagen seine späten Lyrics den Blick über den Tellerrand, handeln von den Tieren um uns und einem gemeinsamen Picknick im Grünen. Aber auch von der Sonderstellung Blumfelds im Musikbusiness.

“Ich wohn’ im Off und schick aus meinem Stromfeld, mein SOS per Flaschenpost.”

                                            aus: Strobohobo, 2006


Wenn du jetzt – nach der Trennung der Band – zurückblickst auf 15 Jahre Blumfeld, was geht dir durch den Kopf?

(überlegt) Beim Zusammenstellen von “Ein Lied Mehr” saß ich irgendwann da und dachte mir: Hey, das war wirklich abgefahren. Runder kann man eine Geschichte nicht zum Ende bringen. Ich meine, all unser Schaffen hat für mich eine klare Form und deswegen haben die anderen meine Entscheidung auch nachvollziehen können. Die kam auch nicht über Nacht – schon beim Schreiben von “Verbotene Früchte” fühlte sich das für mich komisch an.

Lag dies vielleicht auch an dem Druck, unter dem du automatisch standest, wenn es an die Arbeit für ein neues Blumfeld-Album ging?
Also Druck gab es da nicht. Es ist ja auch so, dass man die Erwartungen als positiv wahrnehmen kann: Dass es da eine Band gibt, die von den Leuten ernst genommen wird und mit der man gewisse Dinge verbindet. Daraus entsteht natürlich eine Haltung zu dem Schaffen von Musikern. Das war für mich immer etwas Besonderes.

Die letzte Blumfeld-Tour sicherlich auch! Gibt es schon konkrete Pläne bezüglich Setlist oder ähnlichem?
So gesehen müssten wir pro Konzert fünf Stunden spielen, damit wir alles unterbringen können. Dies ist natürlich unmöglich angesichts der vielen Termine. Wir haben auch noch nicht mit den Proben angefangen und jeder schaut jetzt erst einmal für sich, auf was er so Bock hat. (überlegt) Vielleicht spielen wir auch Sachen, die wir längere Zeit nicht gespielt haben?! Es wird auf jeden Fall spannend, wenn wir uns für in ein paar Tagen zum Proben treffen. Bei dem Gedanken daran bekomme ich schon eine Ahnung davon, dass auch die Wehmut auf mich zukommt könnte, wenn wir ein letztes Mal gemeinsam touren.

Was danach kommt, steht für Jochen Distelmeyer bislang noch nicht fest. Es soll etwas mit Musik sein – “kein Theater oder ähnliches”. Um die Zeit zu überbrücken, bleiben sechs makellose Alben und eine Reihe von Liedern, welche nicht nur für den Autor dieser Zeilen weit mehr als nur simple Songs sind. Blumfeld ist ein Gesamtkunstwerk, welches 15 Jahre lang musikalisch fast alles zu überstrahlten wusste. Nun ist es vorbei, der Chef wollte es so. Viele werden sich an ihm messen lassen müssen und doch wird Jochen Distelmeyer unerreicht bleiben.

“Ich war dabei eine Art von Verschwinden
die schließlich mich bezwingt zu Ende zu denken
gegen den Schmerz, unter dem ich mich krümme
zum frühesten Bild, von dem ich komme
ein New-Age-Poster, Lebenszeichen
auf meiner Reise ins Innere der Trauer
komm ich zum Ende, vielleicht ein Anfang.”

                          aus: Ich – wie es wirklich war, 1994


Text: Marcus Willfroth

Diskographie:
1992 Ich-Maschine
1994 L’Etat Et Moi
1999 Old Nobody
2001 Testament der Angst
2003 Jenseits von Jedem
2006 Verbotene Früchte

Blumfeld auf Tour:
10.4. Hildesheim – Vier Linden
11.4. Bielefeld – Forum
12.4. Krefeld – Kulturfabrik
13.4. Köln – Bürgerhaus Stollwerck
14.4. Marburg – Kulturladen KFZ
16.4. Frankfurt/Main – Mousonturm
17.4. Heidelberg – Karlstorbahnhof
18.4. Freiburg – Jazzhaus
20.4. Konstanz – Kulturladen
25.4. München – Backstage/Werk
26.4. Regensburg – Alte Mälzerei
28.4. Dresden – Star-Club
29.4. Berlin – Postbahnhof
30.4 Berlin – Postbahnhof
17.5. Bochum – Bahnhof Langendreer
18.5. Schorndorf – Barbara-Kuenkelin-Halle
20.5. Würzburg – AKW
24.5. Hamburg – Fabrik
25.5. Hamburg – Fabrik