Die Frage, die sich einem stellen wird, wenn man die aggressive Wand aus Power-Chords, Drum-Beats und Vokal-Salve hört, mit der das neue Bon Jovi-Album beginnt, lautet: „Wie, und dieser Song heißt wirklich `Have A Nice Day´?“ Denn er klingt unfassbar hart für so einen sanftmütigen Titel.

Dabei ist dieser Effekt natürlich geplant. „Der Titel des Songs war der erste und zugleich der letzte, der mir in den Sinn kam“, erzählt Jon Bon Jovi. „Offensichtlich ist da jede Menge Ironie im Spiel. Schließlich kann man die Zeile so sagen, aber gleichzeitig auch ganz anders meinen.“ Und genau dieser Song beschreibt auch den Ton, der auf dem ganzen Album zu finden ist: 12 Songs, die davon handeln, alle Nöte hinter sich zu lassen und das einzufordern, was man schon längst hätte bekommen sollen. Oder anders ausgedrückt: zwölf Songs, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, das Bon Jovi in ihrer durch und durch erfolgreichen Karriere vorgelebt haben. Dazu ist „Have A Nice Day“ eine trotzige Antwort auf die Enttäuschung, die der Sänger nach den amerikanischen Präsidentschaftswahlen des vergangenen Jahres verspürte. Er hatte sich aktiv für das Lager der Demokraten um John Kerry bemüht. Doch in altbekannter Bon Jovi-Manier wird im Chorus des Tracks alles Negative weggespült, und ein Optimismus wird versprüht, der einen dazu auffordert, zu seinem Wort zu stehen, egal welche Konsequenzen das haben könnte: „I ain’t gonna do what I don’t want to/I’m gonna live my life…When the world gets in my face, I say/Have a nice day!“

Für den Gitarristen Richie Sambora steht der kantige Sound von Stücken wie „Have A Nice Day“, „Last Man Standing“ oder „I Am“ für etwas anderes: die Freude darüber, dass deftiger Rock’n’Roll heute wieder das sein kann, was er früher mal war. „Na klar ist dieses Album ein Schritt nach vorne für Bon Jovi, aber ich hatte schon längere Zeit geplant, ein wirklich umwerfend dichtes und lautes Rock’n’Roll-Album zu machen. Ich wollte die Quintessenz dieser Band einfangen, es sollte alles so wie auf der Bühne sein, denn da sind wir am besten. Dahin sollte das Ding dieses Mal gehen. Ich wollte wirklich auch Aggressionen loswerden, denn ich hatte das Gefühl, dass das jetzt mal angebracht und greifbar nahe war.“

Um das von der Band angestrebte Ziel auch im Studio umsetzen zu können, riefen Bon Jovi den Produzenten John Shanks hinzu, der im Jahr 2005 den Grammy für den „Produzenten des Jahres“ bekommen hat. Jon dazu: „Er hat den Preis vollkommen verdient. Er ist brillant! Wir haben die Songs gemeinsam geschrieben und sie direkt vor Ort mit einem Drumcomputer aufgenommen: er und Richie an zwei Gitarren, ohne Schlagzeug, ohne Bass, nur ich habe noch meine Gesangs-Parts beigesteuert. Das war ein ganz neues Arbeiten, ein unglaubliches Erlebnis – es gab keine Grenzen!“ Schließlich nahmen auch der Keyboarder David Bryan, Schlagzeuger Tico Torres und Bassist Hugh McDonald ihre Parts auf, so dass das Album schon nach wenigen Monaten fertig gestellt war.

Doch dann kam alles doch wieder anders. Das Songschreiben war so leicht von der Hand gegangen, dass sich Jon, genau in dem Moment, als er das Album eigentlich beim Label abliefern wollte, plötzlich nicht mehr so sicher war, ob nicht vielleicht all das ein bisschen zu flott gegangen war. Jon: „Es fühlte sich ein wenig so an, als ob ich betrogen hätte. Vier der Songs wirkten auf den zweiten Blick eher wie gutes Handwerk, aber mehr auch nicht – das wollte ich einfach nicht!“ Also hörte er dieses Mal auf sein Bauchgefühl und nahm vier neue Songs auf: „Novocaine“, „Last Cigarette“, „Story of My Life“ und „Wildflower“. Außerdem veränderte er die Texte von weiteren Songs. „`Bells of Freedom´ fing zum Beispiel mit diesem Sie-und-Er-Motiv an“, gibt Jon zu. „Ich fand das plötzlich grausam. Und ich wusste, dass man aus der Hook noch mehr machen konnte.“

In der umgebauten Variante erinnert der Song (im Titel) ein wenig an Bob Dylans „Chimes of Freedom“ und unterstreicht, dass „die Sonne nach wie vor auf denjenigen scheint, der glaubt.“ So ist es genau der Track geworden, den er sich vorgestellt hatte. „Ich hoffe, dass die Leute diesen Song mögen werden. Dabei ist er nicht als Hit-Single oder Video gedacht. Es soll vielmehr ein Stück sein, dass, wenn man es live vorträgt, einen dazu veranlasst, jede Menge Schweiß zu lassen.“

Scheinbar hat Dylan auch für die Hymne „Last Man Standing“ Pate gestanden – ein bombastisches Stück, dass auf Zeiten verweist, in denen Rock’n’Roll nicht nur unterhalten, sondern auch das Leben der Zuhörer verändern sollte. Jon singt passend: „Here’s the last man standing/Come see, hear, feel the real thing.“

„Als Johnny Cash starb, da nahm ich meine Gitarre in die Hand und hatte diese Idee, dass Bob Dylan der `last man standing´, der letzte Verbleibende, war. Der letzte der wirklichen Götter. Ich hab bei dem Song also an Dylan, Cash, Lennon und Elvis gedacht.“.

So ist „Have A Nice Day“ insgesamt ein klassisches Bon Jovi-Album: eine sofort süchtigmachende Mischung von Songs einer Band, die sich seit über zwei Dekaden keinen Trends unterworfen hat und konstant gewachsen ist. „Uns war immer sehr wichtig, dass wir nur auf uns hören und uns treu bleiben. Wir hatten einfach kein Interesse daran, auf irgendeinen Zug aufzuspringen; insofern war es eigentlich nie eine bewusste Entscheidung, diesen oder jenen Sound zu machen – wir haben schlichtweg die Dinge ausgelassen, die uns falsch vorkamen. Was andere für erfolgversprechend hielten war immer völlig egal.“

Richie Sambora schließt sich dieser Meinung an: „Wenn sich Jon und ich hinsetzen, um an Songs zu arbeiten, dann klingt es einfach so, wie wir nun einmal schreiben. Das kann man auch gar nicht einfach so abstreifen. Alles, was wir für dieses Album also tun mussten, war, unser Innerstes nach Außen zu kehren – und dann mussten wir noch den Lautstärkeregler richtig hochziehen.“

Schließlich beschreibt er noch, wie (und warum) Bon Jovi eigentlich funktionieren: „Schau mal, wir müssen jeden Abend raus auf diese Bühne und diese Songs spielen. Seit zwanzig Jahren. Darum fragen mich die Leute auch oft, ob ich denn nie die Schnauze davon voll habe. Ich sage einfach nur Nein. Und das liegt daran, dass eine Rock’n’Roll-Band von der Spannung lebt, die entsteht, wenn eine Menschenmasse, ein Song, und eine Band zusammentreffen. Solange man diesen Moment noch fühlen kann, diese Verbindung der Elemente wie Luft zum Atmen braucht, ist es das Magischste und Beste, was es gibt…“