Wer schon bei den jüngeren Blues Explosion-Veröffentlichungen dachte, Jon Spencer sei nicht nur ein gnadenlos genialer Song-Rethoriker mit stimmlich changierendem Jagger- oder Presley-Komplex, sondern auch heißblütiger Rock’n’Roll-Nostalgiker, der hat Heavy Trash noch nicht gehört. Ging ja auch bis vor kurzem nicht, schließlich hat das Vorhaben von Jon und Kumpel Matt Verta-Ray (Speedball Baby) im Teamwork endlich einmal raffiniert und so richtig retroradikal auf Rockabilly zu machen, schon einige Zeit auf dem Buckel. Die wunderschöne Musik der beiden, klassisch traditioneller Fifties-Rock’n’Roll, dagegen allerdings schon mehrere Dekaden. Egal, einmal mehr erweist sich der hüftschwingend wilde Ursprung der Pop-Historie als zeitloser Raum, in den Eddie Cochran und Gene Vincent fröhlich durchs Fenster hinein winken. Denn genau wie Vati Halbstark und Mutti Backfisch, bringt einen dieser von Heavy Trash nonchalant zwischen rüpelhafter Ruppigkeit und rührender Sehnsucht intonierte Sound, wahlweise zum Aufbegehren oder Dahinschmelzen.

Kein Wunder, schließlich haben Jon und Matt ihre Hausaufgaben gemacht. Und dazu musste sie noch nicht mal jemand zwingen. Matt: “Wir sind ja bereits seit langem befreundet, und haben so viel gemeinsam, vom persönlichen Hintergrund bis zur Plattensammlung und den Bands, die wir mögen. Wir dachten zuerst, dass wir einfach ein paar Rockabilly-Coversongs spielen. Dann kamen aber sehr schnell unsere eigenen Riffs durch. Dafür mussten wir ja nicht mit uns selbst in die Schule gehen, wir stehen beide auf Rockabilly, Blues, Rythm & Blues – eben diese ganze amerikanische Roots Musik, also lief das schnell wie geschmiert.” Spartanisch in Matts Heimstudio aufgenommen, atmet dieses Album gleichsam den Pioniergeist der Anfangstage, wie auch die ehrliche Erdung, samt ihrer Verruchtheit und dem heutzutage fast verpönten Mut zum Schmutzigen. Unperfektion als kathartischer Imperativ? “Obwohl es digital heute tolle Möglichkeiten gibt, dachten wir uns, das passt nicht so richtig zur Platte und haben es gelassen. Außerdem hat man so nicht diese unendliche Optionslatte, woran du dich auch aufhängen kannst. So hat man nur die gegeben Parameter des Studios und fertig. Diese ganzen Möglichkeiten heutzutage führen nur dazu, dass alles komplett fehlerfrei klingt. Aber gerade diese Fehler machen es doch interessant.” Dabei sind Songs wie ‘Dark Hair’d Rider’, ‘Under The Waves’ oder ‘The Loveless’ -, letzterer übrigens von Kathryn Bigelows sehenswertem, Anfang der Achtziger inszenierten, Rockabilly Streifens inspiriert – vollkommen fehlerfreie Visionen der rockenden Fünfzigern aus postmoderner Perspektive. Dazu gehört selbstverständlich auch Ironie als unerlässliche Ingredienz, alles andere wäre ja schlichtweg ein einfältiges Simulacrum. Dafür sind die beiden allerdings viel zu schlau, wie man am vielschichtigen künstlerischen Ausdruck ihrer beiden Hauptbands bereits erkennen kann. Und doch verfolgen sie mit Heavy Trash, zumindest musikalisch, einen anderen Ansatz. “Blues Explosion und Speedball Baby sind beide mehr auf der Kunstseite einzuordnen, zumindest was surrealistische und absurde Momente angeht. Bei Heavy Trash zielen wir klanglich mehr auf etwas Sinnliches und Emotionales ab, was dem Otto-Normal-Kunststudent dann vielleicht wieder abgeht”, so Matt. Das gleicht dann der beschriebene lyrische Humor vermutlich wieder aus. Sei es die Klischee triefende, comichafte Überzeichnung eines “rebel without a cause” in ‘The Loveless’ oder die Absurdität einer weiblichen Anleitung zum Cunnilingus im doppelbödigen, ja vor Ironie nahezu triefenden ‘Gatorade’; Jon Spencers Songtexte sind hier schon eine Nummer für sich. Was Matt dann bei den Aufnahmen noch mehr fasziniert hat als die sprachliche Qualität seines Partners, ist dessen sonores Organ. “Der Mann hat schon eine verdammt tiefe Stimme. Bei manchen Songs dachten wir, dass es vielleicht nicht fröhlich genug klingt, also haben wir keinen von diesen Micky-Maus-Effekten benutzt, wie sie das früher sonst immer gemacht haben, sondern die Sachen einfach etwas schneller abgespielt – und auf einmal hattest du dann eine normale menschliche Stimmlage”, erklärt Matt lachend. Und noch mal zu den Klischees: “Wir lieben ja schließlich diese Musik, und auch wenn wir uns ein wenig darüber und über uns selbst lustig machen, sehe ich darin keine Gefahr. Wir wollen niemanden auf den Schlips treten, auch wenn gerade die Rockabilly-Fans sehr pingelig sein können. Jon ist eben nicht immer so einfach zu verstehen, man weiß nie so recht, ob er etwas nun ernst meint oder sich darüber lustig macht. Aber solange wir mögen, was wir da machen, werden wir uns auch nicht sagen lassen, wie wir unser Haar zu tragen haben oder was auch immer.” Genau das ist Rock’n’Roll.

Text: Frank Thießies