Heute kommt die wöchentliche Kinokolumne mal direkt aus der französischen Sonne. Warum auch nicht, immerhin haben am 16. Mai mal wieder die Filmfestspiele in Cannes begonnen und Südfrankreich ist für gute zwei Wochen der Nabel der Kino- und Filmwelt. Bei – natürlich – strahlendem Sonnenschein wurde mit „My Blueberry Nights“ eröffnet, dem ersten englischsprachigen Film von Kultregisseur Wong Kar Wai. Ein schöner, vielleicht etwas banaler Film ist bei seinem US-Trip herausgekommen, in dem übrigens die noch ein wenig unbeholfene Norah Jones ihr Schauspieldebüt.
In die deutschen Kinos kommt das Roadmovie erst im November, während „Zodiac“, ein weiterer Wettbewerbsbeitrag, bei uns schon in zwei Wochen zu sehen sein wird. Am meisten Aufregung verursachte an der Croisette aber keiner der bisher gezeigten Filme und auch nicht Eröffnungsgala-Gäste wie Jude Law, Diane Kruger oder Juliette Binoche. Diese Ehre gebührt ausgerechnet US-Komiker Jerry Seinfeld, der ein paar kurze erste Ausschnitte aus seinem neuen Animationsfilm „Bee Movie“ vorstellte und dafür in einem riesigen Bienenkostüm am Drahtseil einmal vom Hoteldach zum Strand und zurück flog, bevor er sich den Fragen der Journalisten stellte.
Viel Lärm um nicht viel also, aber das passt ganz gut zu Cannes, wo sich abends die Filmfans und Partyluder meist in noch heißere Minikleider und edlere Smokings schmeißen als die eingeladenen Stars, um vielleicht irgendeinem Produzenten mit Zigarre im Mund aufzufallen oder wenigstens kostenlosen Champagner auf einer Party abzugreifen. Ansonsten stehen sich, anders als auf der Berlinale täglich hunderte Schaulustige stundenlang die Beine in den Bauch, in der Hoffnung einen Blick auf Clooney, Brangelina oder wenigstens Michael Moore zu erhaschen. Außerdem freuen sich alle über das Rauschen des noch ziemlich kalten Mittelmeeres und ärgern sich über die völlig überteuerten Preise für alles und jeden.

Wesentlich günstiger gibt es französisches Flair in dieser Woche dafür in den deutschen Kinos zu erleben. Die wunderbare Julie Delpy hat zur Abwechslung mal Regie geführt und macht in dem hinreißenden „2 Tage Paris“ das, was sie schon in „Before Sunset“ am besten konnte: durch die Stadt der Liebe laufen und reden. Klingt vielleicht nicht so spannend, ist aber höchst charmant und très amusant!

Das US-Kino bietet in der Woche vor dem dritten „Fluch der Karibik“ vor allem unspektakulär Solides. „Das perfekte Verbrechen“ ist ein ganz anständiger Thriller, der ganz auf seine beiden hervorragenden Hauptdarsteller Anthony Hopkins und Ryan Gosling zugeschnitten ist.

Der College-Tanzfilm „Stomp the Yard“ dagegen wartet mit einer ziemlich albernen und unglaublich vorhersehbaren Handlung auf, hat aber Dank wummernder HipHop-Beats, allerlei halbnackter Kerle und höchst kurioser Step-Crumping-Choreografien immerhin einiges für Augen und Ohren zu bieten.

The History Boys“ schließlich ist eine britische Ko-Produktion, die auf einem gefeierten Theaterstück basiert. Als Film macht die Geschichte von ehrgeizigen Schülern und noch ehrgeizigeren Lehrern leider nicht so wahnsinnig viel her, passt aber immerhin ganz gut zu sämtlichen aktuell geführten Bildungsdiskussionen.

Ganz was anderes, nämlich eher harte, schwer verdauliche Kost bietet „Shooting Dogs“. Nach „Hotel Ruanda“ ein weiterer und auf jeden Fall wichtiger Film über den grausamen Völkermord im afrikanischen Ruanda und das damalige Versagen von Weltöffentlichkeit und UNO. Weil sich solche fürchterlichen Ereignisse auch aktuell immer wieder auf dem schwarzen Kontinent ereignen und noch immer keiner weiß, wie darauf zu reagieren ist, kann das Ansehen nur empfohlen werden.

Gleiches gilt auch für „Der große Ausverkauf“, einen deutschen Dokumentarfilm. Pünktlich zu G8 hat sich Florian Opitz den mitunter erschütternden Folgen von Globalisierung und Privatisierung angenommen. Engagiertes Kino für alle, denen „Spider-Man“ und alles andere zu gehaltfrei ist. Von Cannes ganz zu schweigen. Aber keine Sorge – an dieser Stelle geht es nächste Woche trotzdem sowohl um Captain Sparrow als auch noch mal um die Côte d’Azur.

Text: Patrick Heidmann