Es mag etwas witzlos sein, über das Äußere eines Musikers zu schreiben, den kaum einer kennt, und den – wie sich die deutsche Pressemitteilung bitter beschwert – wohl auch niemals viele kennen werden. Aber beim Dan Snaith Ph. D., der sich als Multiinstrumentalist “Caribou” (so heißen in Amerika Rentiere) nennt, ist es einen Versuch wert.

Angesichts seiner mächtigen Brille und den Locken könnte man ihn für die faustische Version von Napoleon Dynamite halten. Denn sein Lebenslauf dürfte einige verlotterte Musikerkollegen das Fürchten lehren. Doktor der Mathematik wurde er mit 26, die Dissertation schrieb er während einer Tour – und scheint damit ökonomischer zu arbeiten als Queen-Gitarrist Brian May, der erst kürzlich mit 60 in Astronomie promovierte. Wir ahnen: Pop und Naturwissenschaft müssen einander irgendwo berühren. “Beides sind Ideenpuzzles. Auch die Mathematik ist für mich eine kreative Herausforderung” erklärt Snaith, und liefert eine strukturierte Beschreibung seiner Vorgehensweise dazu: “Ich mag sehr große Produktionen mit allen möglichen Spuren. Alles basiert auf dem Klavier, daher denke ich, das spiele ich seit meiner Kindheit. Dann kommen Gitarre, Bass und eine Menge anderer Instrumente. Aus Flöte oder Trompete bekomme ich nur ein paar Töne, aber das bastele ich dann zusammen. Live spielen wir das Ganze dann mit zwei Drumkits, was die Sache sehr voll macht.”

Wenn man den lächerlichen Versuch unternimmt, seinen Stil zu einzuordnen, kann man sich ja auch ein Koordinatensystem denken. Es gibt da nicht einen Punkt, sondern ein paar Pole, irgendwo steht The Who, ganz weit draußen Minimal Techno, zwischendrin mal Krautrock. In einer Musiksoftware würden wir sehr viele Spuren sehen, einige davon sind von Snaiths hypnotisch-seufzender Stimme belegt, darunter müssen sich unzählige Synthies tummeln. Ein Jahr lang hat er das in London seinem Notebook eingefrickelt, nächtelang, fast isoliert von der Außenwelt. Noch weniger Improvisation findet man auf dem neuen Album “Andorra” – Snaith selber bezeichnet sich als “Kontrollfreak”. Man kann hier keine sonderlich extrovertierte Verlautbarung seiner Experimentierlust erwarten. Ergo: den “Queen”-tag vernachlässigen und ein paar Mal leise zum Reinhören klicken.

Text: Philipp Kohl