Cat Power alias Charlyn Marie „Chan“ (sprich: Shawn) Marshall aus Atlanta besitzt dieses bestimmte Talent, Augenblicke unendlich erscheinen zu lassen, die Welt anzuhalten und verliebt Herzen zu brechen. Immer unvorhersehbar und überraschend, mal ist sie esoterisch wie Heather Nova, mal verträumt schrullig wie Norah Jones, meistens aber nur sie selbst. Das fasziniert Kritiker, das fasziniert eine weltweite Hörerschaft.

Geboren wurde die sanfte, erotische, dunkle, geheimnisvolle Sängerin, will man sie mit Worten eingrenzen, am 21. Januar 1972 im beschaulichen Atlanta. Sie ist die Tochter eines Wandermusikers, dessen große Leidenschaft neben Töchterchen Chan das Bluespiano spielen ist. Ihre Mutter lernt sie nie kennen, da sich die Eltern bereits früh scheiden lassen haben.

In jungen Jahren geht es nach New York. Am Anfang denkt sie jedoch noch nicht ans Musik machen. In unterschiedlichen Schulen versucht sie den abgebrochenen High-School Abschluss nach zu holen, bis sie eines Tages auf Steve Shelley, seines Zeichens Sonic Youth Schlagzeuger, über den Weg läuft. Dieser und Two Dollar Gitarrist bieten Marshall an, mit ihr im Studio zusammen zu arbeiten. Das Resultat sind die zwei Silberlinge „Dear Sir“ und „Myra Lee“. Die ersten beiden Alben von Cat Power.

Danach war Schluss mit den genannten Begleitmusikern, Marshall wechselte zu Matador Records und veröffentlicht hier 1996 ihren Drittling „What Would The Community Think“. Zwei Jahre später folgt mit „Moon Pix“ ihr bislang bestes Album. Ein neues musikalisches Zuhause, warm und intim, und das schon nach dem ersten Durchhören. Mitgewirkt haben de befreundeten Künstler Mick Turner und Jim White von den Dirty Three.

Was folgt ist die Angst vor der Zukunft. Ist Marshall in der künstlerischen Lage einen ebenwürdigen Nachfolger von „Moon Pix“ zu schreiben? Kann sie es sich noch mal selbst beweisen? Die Antwort folgt mit dem 2000ner Coveralbum „The Covers Record“. Zu hören gibt es gelungene Neuinterpretationen von Bob Dylan über The Velvet Undergroud bis hin zu den Stones. Überraschend, schön, kurzlebig.

Mit „You Are Free“ gelingt ihr 2003 eine fulminante Rückkehr ins Pop-Geschäft. Fünf Jahre nach dem Kleinod „Moon Pix“ schreibt sie wieder zeitlose Folksongs und berührende Balladen übers Verliebt-Sein, Davon-Schweben und Glücklich-Fühlen. Ob nun Barjazz oder Country-Blues, jeder Song ist wie ein zarter Kerzenschein im sommerlichen Nachthimmel. Faszinierend und berührend.

Ähnliche Worte findet man auch, wenn man den Nachfolger „The Greatest“ das erste mal durch den Player schickt. Hinter dem Hits-Zusammenstellungs-Kostüm versteckt sich ein weiterer wunderschöner Lo-Fi Longplayer der schönen Blondine. Rythm’n’Blues, Streicher und Keyboards bilden ein homogenes Gesamtbild. Für den Klangzauber mitverantwortlich zeichnen sich diesmal Musiker wie Mabon “Teenie” Hodges, Gitarrist und Co-Songschreiber von Al Green, sowie der Schlagzeuger Steve Potts (Booker T.).

Hans Erdmann