Mit schöner Regelmäßigkeit (oder auch nicht) kommt alle Jubeljahre mal das ein oder andere Album reingeflattert, das man bereits nach einmaligen Hören sofort unter ‘K’ wie Klassiker einsortieren möchte. Macht man dann aber doch nicht gleich, schließlich will man das Teil ja inzwischen direkt wieder von vorne hören. So geht es einem dieser Tage mit Smoke Blows ‘Dark Angel’, dem ultimativen und zugleich sensiblen Dark-Wave-Punk-Hardcore-Brecher mit offener Kinnlade-Kehrversen, Gröl-Chören und Emotion en masse. Dazu noch so vollfeist produziert, dass sich einige Kandidaten aus Übersee und Skandinavien mal schnell noch mit einer extra Garnitur warmer Sachen ausstatten sollten.

Sänger Jack Letten und MC Straßenköter steht die aufreibende Arbeit an diesem ihren opus magnum jedenfalls immer noch ins Gesicht geschrieben. Und trotzdem mittlerweile alles im Kasten und somit mehr als gut ist, bekommt man beim gemeinsamen Gespräch bereits eine Ahnung, wieviel Blut, Schweiß und Tränen während des Entstehungsprozesses wohl geflossen sind. Dazu Letten: “Es gibt dieses Metallica-Video, bei dem voll der Psychokrieg abgeht. Nicht, dass wir uns jetzt mit Metallica vergleichen wollen, es waren lange nicht so viele Leute involviert, kein Filmteam dabei, und im Prinzip hat es eigentlich niemanden sonst groß interessiert. Aber was da bei uns so abging, war schon ähnlich. Wir wollten eben eine richtig gute Platte machen. Unser erstes richtig schönes Album, sagen wir es mal so.”

Schön und gut. Aber das ist ja dann schon wieder untertrieben. Denn die Hymen-Densität, mit der die Kieler Band hier – zumindest im Nachhinein spielerisch anmutend – hausieren geht, ist dermaßen überdurchschnittlich, dass man nur noch mit den Ohren schlackern kann. Verrät Letten vielleicht das Erfolgsrezept? “Eine Hymne, die nicht platt ist: Darin liegt das Geheimnis. Wo du so richtig schön reingleiten und gleichzeitig die Augen schließen und die Faust ballen kannst. Das ist das Beste. Das Schwierigste ist dabei, immer einfach und prägnant und dennoch spannend zu bleiben, da verzettelst du dich ganz schnell.” Auch davon können Smoke Blow dann selbst ein Lied singen, denn aus manchem – noch im Proberaum für gut und wertvoll befundenen Song – wurde auf dem mikroskopische Studio-Teststand dann auch schnell zur “Todeshymne”, so wie Letten es formuliert. So kamen also nur die Besten durch, auch wenn Smoke Blow selbst, mit ihrer hiermit vollzogenen Hinwendung zu melodischer Schönheit und großer Gefühlsgeste, bewusst die Weichen für eine dezente Umleitung ihres berühmt berüchtigten ‘Nur die Harten kommen in den Garten’-Images stellen. Obwohl Fremdbild hier vielleicht besser passt, denn Smoke Blows Selbstbild untersteht indes keineswegs dem eindimensionalen dicke Eierrock. “Wo wir uns total falsch verstanden und überhaupt nicht aufgehoben fühlen, ist in dieser Macho-Ecke. Wir sind prollig, wir stehen breitbeinig auf der Bühne und sind auch schon männlich, aber dieses Machotum, wie es im Metal-Core rübergebracht wird, dafür stehen wir nicht. Wir kloppen nach außen hin zwar mal auf die Tonne, aber wenn man uns näher kennenlernt, sieht man auch die anderen Seiten.”

Diese zu erkunden, ist nicht nur im (privaten) Gespräch mit den Kieler Jungs äußerst unterhaltsam und spannend, sondern lässt sich mit dem Auflegen von ‘Dark Angel’ auch zu Hause praktizieren. “Das Album ist für uns schon ein wenig ungewöhnlich, weil es nicht diese fetten Gitarren hat. Aber es ist unverkennbar Smoke Blow. Es zeigt zum Teil auch unsere feminine Seite, würde ich fast sagen. Und ich finde es richtig gut, dass wir die Eier haben, die auch zu zeigen. Wer hätte uns das zugetraut?!” So richtig will jetzt vermutlich keiner ‘ich!’ schreien, denn es wäre doch irgendwie geheuchelt und damit absolut un-Punk. Insofern gebührt somit auch Jack Letten, der zusammen mit seine Jungs künftig als der – beziehungsweise die – Ruf-Retter der deutschen Düster-Punk-Rock Ehre vor dessem globalen Gericht gehandelt werden sollten, dieselbige in Bezug auf das übliche alles zusammenfassende Schlusswort: “Auch wenn wir nach außen hin vielleicht einfach wirken, sind wir gar nicht so einfach. Darin liegt der Punk begraben.”

Text: Frank Thießies