Abende wie diese sind es, die mich meinen Job lieben lassen. Ein schöner Rotwein, ein wenig Pasta, ein spießiges Hotel auf dem Venusberg in Bonn und ein in die Jahre gekommener Manager der von Früher erzählt. Früher hat er noch Thin Lizzy betreut, heute sind es Blur, Gorrillaz und Morcheeba. Seit über 40 Jahren ist er dabei, unverdrossen und voll vergnügt, wie die Lachfalten die wie Sonnenstrahlen um seine Augen jeweils kreisrund angeordnet sind dokumentieren.

Vor einer Stunde hat er noch der Deutschen Telekom vom Podium herab erklärt, dass nicht die Plattenfirmen die Manager überflüssig machen, sondern die Manager die Plattenfirmen. Dann kam das Fingerfood und er bat uns mit ihm zu gehen um etwas Vernünftiges zu essen. Bei Rehrücken und Salat geht es immer noch um das Diskussionsthema von vorhin. Das Gerede von der 360 Grad Plattenfirma die plötzlich auch Tourneen, Merchandise etc organisieren, sei gerade so, als wolle ein Lebensmittelhändler seine Ergebnisse verbessern, indem er den Bauer abschafft. Tut er das steht er aber ohne Milch und Butter allein mit der Kuh im Laden, während seine Kunden getrost direkt zum Bauern gehen werden um sich zu versorgen. Die Falten um die Augen ziehen sich zusammen, ein lautes, schottisches Lachen schwillt an, der livrierte Kellner und seine Gäste zucken auf dem Venusberg zusammen. Ein schönes Bild.

Später entführt er uns in die Zeit von Jesus & Mary Chain, als Plattenfirmen noch Geld verdienten und die Mauer noch stand. Estland war noch Teil der UdSSR aber das Tallin Music Festival gab es bereits. Dorthin wurde Jim und William Reids Band schon damals eingeladen. Eine Sensation, auch für die russische Presse wie der Manager uns vergnügt erzählt. Bei der Pressekonferenz wird Jim gefragt, wie sein Verhältnis zu Plattenfirmen sei. „Ich hasse sie, denn sie zwingen mich Kompromisse zu machen“ lautet die ehrliche Antwort. Die sowjetischen Journalisten horchen auf. Heißt das Jesus and the Mary Chain machen musikalische Kompromisse nur um den kapitalistischen Labels zu dienen, geifern sie. „Nein,“
beruhigt Jim, „die fiesen Kompromisse zu denen sie uns zwingen sind eher mit Leuten wie Euch zu reden.“

Punkt Satz und Sieg für den Kapitalismus.

Im Fahrstuhl fragen sie danach zwei Mädchen, ob sie nicht abends mit ihnen ausgehen wollen. Der Manager versucht weiteren Ärger zu vermeiden und diskutiert mit den vom Staat gestellten Begleitern diese Idee. Erwartungsgemäß schlagen die ihre Hände über den Kopf zusammen. Erst letzte Woche sei da eine Gruppe amerikanischer Geschäftsleute in Tallin gewesen, die auf solch ein Angebot eingegangen seien. Am nächsten Morgen hätte man sie ohne Kleidung und unter Drogen auf einer Landstrasse wieder gefunden. An den Abend hätten sie sich beim besten Willen nicht mehr erinnern können. Großartig, so das Credo der Band, das habe man auch schon immer erleben wollen. Der Manager möge bitte das Date klar machen. Panik auf Seiten der Begleiter.

„Vorsicht“
, wissen die Sicherheitsbeamten zu ergänzen, „die Amis haben eine Droge verabreicht bekommen, die sie hätte zwei Tage nur noch sich
schütteln lassen.“
Als Jim Reid daraufhin wissen wolle wo es die Droge in Tallin gäbe und ob man die ausführen dürfe, gaben die dem KGB wahrscheinlich nahe stehenden Freunde laut Auskunft des Managers auf.

Ich glaube ich sagte schon, dass ich solche Abende liebe, oder?

Euer Tim