Der Weg von Wilmersdorf nach Berlin Mitte ist weit auf dem Fahrrad. Besonders wenn es regnet. Er führt vorbei an der Fanmeile, am Platz vor dem Reichstag wo das „Adidas Stadion“ stand und über die kleine Spree-Brücke am Hauptbahnhof, wo regelmäßig morgens noch Fans feierten. Brasilianer sprangen vom Brückengeländer in den Fluss, Deutsche klatschten dazu im Takt, Engländer jubelten bei jedem Bauchklatscher „Olè“. Nass und ein wenig frierend vorm PC sitzend kann man kaum glauben, dass das dieselbe Jahreszeit, das gleiche Land war.

Ein französisches Fernsehteam suchte damals das andere Deutschland. Sie wollten ein Bild zeichnen jenseits des deutschen Klischees. Das ist laut französischen Umfragen schon lange nicht mehr von Adolf Hitler und seinen Nazischergen geprägt. Deutschland, das ist für den Durchschnittsfranzosen Derrick: verklemmt, spießig, provinziell und Münchner Vorort. Die Serie ist der erfolgreichste, deutsche Fernsehexport – weltweit und noch immer in der Wiederholungsschleife der Stationen. So oft kann das Goethe Institut Hans Nieswand, Kante und Tocotronic gar nicht touren lassen, um den Schaden global wieder wett zu machen.

Letztere singen auch gerade nicht im Kaukasus, oder auf Feuerland, sondern „Kapitulation“ bei Motor FM. Ein schöner Song, ein gute Platte, aber einige Statements die ich nicht so ganz verstehe. Die Franzosen, die uns vom Derrick Image rein waschen wollten, sicher auch nicht. Sie hatten Angst vor „guten Deutschen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie sich selbst nicht mögen“. Frei nach Freud vertraten sie die Überzeugung, dass wer sich selbst nicht akzeptiert, auch keinen anderen respektieren wird. Von diesen Deutschen, egal ob zerknirschter Derrick oder alternativer Selbsthasser mit halbverdauter Frankfurter Schule im Bauch, geht für sie die Gefahr aus.

Gerade in der Linken suchten sie das Gegenbeispiel und waren enttäuscht, dass so kurz vor der WM bei Motor keine Deutschlandfahnen im Büro zu finden waren und selbst Gruppen wie Polarkreis 18 und Super 700 auf Englisch sangen. Über das „I Can’t Relax in Deutschland“ Büchlein mit CD Beilage, das man mir zugeschickt hatte, um mich für eine Podiumsdiskussion zu gewinnen, hab ich schnell einen Stapel Papier gelegt, als sie mich am Schreibtisch interviewen wollten. Eben habe ich mal auf deren Website geschaut. Der letzte Eintrag ist vom 25.09.2006. Man erfährt darin, dass das Buch jetzt verramscht wird.

Euer Tim