Zufrieden mit der neuen Platte, noch ein bisschen verkatert und richtig gut aufgelegt – dEUS über “Keep You Close” als Überraschung, Experimente und ihren Plattenschrank.

Es ist schon ein bisschen her, dass wir uns auf dem Immergut Festival mit den sympathischen Herren aus Antwerpen zum Interview trafen. Doch da sie so viel zum neuen Album erzählten, welches jetzt in wenigen Tagen erscheint, hielten wir es für besser, noch zu warten. Nun können wir euch endlich präsentieren, was dabei herauskommt, wenn eine Rockband einen ziemlichen Kater hat, verdammt heiß darauf ist, live zu spielen und sich mit einem Album genüsslich Zeit lässt, damit am Ende wirklich alles stimmt. Tom, Stéphane und Alan sind so ziemlich das, was man sich unter perfekten Interviewpartnern vorstellen kann. Selten haben wir während eines Interviews so viel gelacht. Das lag zum einen an den Folgen schlecht verdaulicher Hamburger Cocktails und zum anderen an der großen Vorfreude auf “Keep You Close”, wie das sechste Studioalbum des Quintetts betitelt ist.

motor.de: In der Festivalinfo habe ich einen schönen Satz gefunden. Da stand, dass viele Bands die Organisatoren hier beeinflusst hätten, aber dEUS der wahre Vater des Immergut sei.

Tom: Jesus!

Stéphane: Das wäre dann aber ein Vater, der sein Kind noch nie zu Gesicht bekommen hat.

Tom: Das setzt uns jetzt ein bisschen unter Druck, aber ist ein wirklich nettes Kompliment. (lacht)

motor.de: Vor diesem Sommer hat man euch hierzulande länger nicht zu Gesicht bekommen. Wie waren eure Gigs bisher? Erkennt man euch noch?

Stéphane: [zeigt mit dem Finger auf Alan] Schau, der Typ von dEUS (lacht).

Tom: Bisher war eigentlich alles super. Die Tour war ja auch relativ kurz – nur fünf oder sechs Club-Shows und dann standen schon die Festivals vor der Tür. Wir hatten gute Momente genauso wie fürchterliche. Insgesamt ist es noch ganz entspannt, weil dieses ganze „neue Platte“–Ding noch nicht so spürbar ist und wir Songs von fast all unseren Alben spielen.

motor.de: Wie ist das Feedback bisher?

Tom: Wirklich gut. Aber ehrlich gesagt wollen wir die Leute auch nicht damit nerven, jeden zu fragen „Und wie gefällt es dir“. Bei der Presse sind die drei Songs, die wir bisher veröffentlicht haben, wirklich gut angekommen. Drei von Drei Reaktionen waren positiv. Das Album wird neun Titel haben und wir hoffen es sind neun gute. So war jedenfalls der Plan. (lacht)

Stéphane: Nicht drei von neun.

Tom: [imitiert einen Reporter] Ah, jetzt verstehe ich, warum sie genau diese Songs genommen haben. Weil der Rest Müll ist (lacht herzhaft). Aber nicht, dass du jetzt denkst, die neue Platte wäre Schrott, das war ein Witz!

dEUS – “Constant Now”

motor.de: Was denkt ihr denn selbst über das neue Material? Irgendwo las ich den Begriff ‘tanzbarer’…

Tom: Ich weißt nicht. Eigentlich ist es immer tanzbar, weil die beiden [zeigt auf Stephane und Alan] hier Schlagzeug und Bass spielen (lacht).

Stéphane: Ja, wir hatten Anfangs die Idee, eine tanzbarere Platte zu machen…

Tom: Wirklich?

Stéphane: Ja.

Tom: War die letzte nicht tanzbar?

Stéphane: Hast du jemals zu “Eternal Woman” getanzt?

Tom: Nein, aber zu “Architect” und “Slow”…

Stéphane: Du hast mich auch unterbrochen. Ich wollte noch meinen Satz zu Ende bringen. …und das haben wir getan.

Tom: Ich denke es ist ein leidenschaftlicheres, wärmeres Album geworden und sehr dramatisch.

Stéphane: Ausdruckstanz…

Tom: Tanzen und weinen, das ist es, was wir wollen. Am besten zur gleichen Zeit.

dEUS – “The Architect”

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motor.de: Ihr habt scheinbar wirklich jede Menge Spaß gehabt. Wie war es denn im Studio? Erzählt mal ein paar Hintergründe! 

Tom: Alles begann damals 1974 (lacht). Nein, wir haben es bei uns in Antwerpen aufgenommen. Ein wichtiger Bestandteil der neuen Platte war vor allem, dass wir alle Songs zusammen geschrieben haben, was viel Zeit in Anspruch nahm. Das Resultat ist ein Album, das keiner von uns in dieser Form erwartet hätte. Wir wollten auch keine reine Studioplatte machen, sondern den Fokus nebenher schon auf die Live-Umsetzung legen. Wir haben uns also bei allem doppelt rückversichert – erst nahmen wir auf, dann haben wir live gespielt und sobald wir merkten “an dieser Stelle holpert es noch ein bisschen”, sind wir zurück ins Studio und haben weiter daran gearbeitet. Das war ein Prozess, der auf “Vantage Point” etwas zu kurz gekommen ist. Die Songs waren im Studio gut, aber sobald wir sie live gespielt haben, brach die Atmosphäre irgendwie zusammen. Das wollten wir jetzt vermeiden.

motor.de: Spaß ist ein gutes Stichwort – es nähert sich euer 20-jähriges Jubiläum…

Tom: Um Gottes Willen… Ach nein, das ist nächstes Jahr. Wir zählen ab 1992. 20 Jahre, meine Güte.

motor.de: Habt ihr abgesehen vom Release des neuen Albums etwas bestimmtes geplant?

Tom: Wir werden mehr als nur die Platte veröffentlichen. Wir haben sehr viel Material aufgenommen, weil man sich – und das ist unserer Arbeitsweise geschuldet – immer ewig gedulden muss, bis es eine neue dEUS-Scheibe gibt. Also dachten wir uns, wir werden großzügig sein und in der nächsten Zeit einen ganzen Haufen Scheiß rausschmeißen. Also keinen Scheiß, natürlich gute Sachen. Grooviges Zeug, poppiges Zeug, das uns eigentlich ein bisschen peinlich ist, wir aber trotzdem veröffentlichen werden (lacht). Der erste Schritt werden sechs oder sieben Songs sein, die weder Refrains, noch Songstrukturen haben, sondern lediglich fette Grooves sind. Dazu gibt es dann Spoken Word oder Rap oder Hühnergackern. Quasi als Gegenpart zu dem Album, was sehr Song-orientiert ausgelegt ist.

dEUS – “Theme From Turnpike”

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motor.de: Man darf also gespannt sein. Klingt ja nicht gerade danach, als hättet ihr Kreativitätsprobleme… Ihr seid jetzt schon eine halbe Ewigkeit zusammen: wie hält man sowas als Band aus?

Tom: Man wechselt einfach alle fünf Jahre die Musiker aus. (lacht) [schaut auf Stephane] Nein, wir spielen jetzt seit ungefähr sieben Jahren zusammen, das ist schon ein langer Zeitraum. Ringo Starr hat mal gesagt, dass die optimale Halbwertszeit für eine Rockband acht Jahre wären. Ich weiß allerdings nicht, womit er das begründet. Der Lebensspanne der Beatles wahrscheinlich. Ganz einfach, jeder in dEUS liebt, was er tut. Das ist schon ein ganz entscheidender Beitrag. Man wird kaum durchhalten, wenn man Tourleben und die Arbeit im Studio nicht liebt. Und genau das tun wir, das ist der Schlüssel.

motor.de: Wenn ihr euch in der derzeitigen Musiklandschaft umseht, gibt es neue Bands oder Platten, die ihr besonders mögt?

Stéphane: Ich hänge mit neuen Sachen etwas hinterher. Ich höre mir vieles an, aber das kommt immer in Phasen.

Tom: Genau. Manchmal landet man auch einfach wieder bei Neil Young (lacht).

Stéphane: Ich habe mir die neue Beastie Boys gekauft und muss sagen, die ist schon echt in Ordnung. Aber mit allem gebührenden Respekt, sie haben schon viel bessere Platten gemacht. Brian Eno habe ich mir auch besorgt und David Byrne (“My Life In The Bush Of Ghosts”). Ich kannte die Songs schon, hatte aber nie das Album. Das mag ich wirklich sehr.

Tom: Meine letzte Platte war The Roots. Die war fantastisch. Und das Black Francis-Album war eine wirkliche Überraschung. Richard Hawley war auch gut, das letzte. Oh und The xx. Die habe ich ziemlich spät entdeckt, mag ich aber inzwischen sehr.

Alan: Ich kaufe eigentlich ziemlich selten neue Platten. Also ich höre mir viele Sachen von Freunden an usw.. Aber das hängt auch damit zusammen, dass derart viel Neues erscheint und auch sehr viel Schlechtes dabei ist. Das macht es schwierig, am Ball zu bleiben.

Stéphane: Das hat aber auch seine guten Seiten. Man konzentriert sich darauf, die Klassiker zu sammeln. Damit habe ich angefangen, nachdem ich feststellen musste, dass meine Plattensammlung doch nicht so umfangreich war, wie ich dachte.

Tom: Es ist weiß Gott nicht alles schlecht. Es gibt einen ganzen Haufen guter Sachen. Das neue Black Keys zum Beispiel. Der Anfang ist zwar ziemlich poppig, aber so ab dem sechsten Titel ist es echt großartig.

Stéphane: Das wird dann wohl die nächste Platte, die ich mir kaufen werde.

Alan, Tom und Stéphane auf dem Immergut Festival – Foto: Alex Beyer

motor.de: Aus gegebenem Anlass – müssten dEUS ein Festival organisieren, wer würde spielen?

Tom: Tool wären Headliner! Und auf jeden paar ein paar tote Bands! Jimi Hendrix als Opener.

Stéphane: My Bloody Valentine könnten spielen! (überlegt) Ja, das wäre gut. Pixies wären auch stark.

Alan: (überlegt)

Tom: (zu Alan, lacht) Das ist hier keine wissenschaftliche Frage! Sag einfach eine Band!

Stéphane: Fleetwood Mac! Die gehen jetzt übrigens wieder auf Welt-Tournee.

Alan: (nach reichlichem Überlegen) Prince!

Tom: (begeistert) Yeah, hervorragend! Ich hätte gern ein Prince-Zelt. (imitiert Frage-Antwort-Spiel) ‘Wer spielt?’ ‘Prince!’ ‘Wann?’ Die ganze Zeit!’ ‘Wer macht die Aftershow?’ Prince!’ ‘Und danach?’ ‘Prince!’ (alle lachen)

Interview: Alex Beyer und Nele Marie Prinzler