Bis wir uns endlich zum Kaffee treffen, verirrt er sich ein paar Mal im Großstadtmoloch Berlin. Eine Kreuzung sieht aus wie die nächste, bröckelnde Altbaufassaden stehen neben herausgeputzten, sagt er, und machen jede Seitenstraße identisch aussehend. Und dann findet er doch den vereinbarten Treffpunkt, kurz bevor er daran dachte, aufzugeben. Die Wirrungen sind überwunden und er kann sich wieder konzentrieren auf das Jetzt und Hier, auf sich selbst.

Oliver Welter, Sänger und Songschreiber der Klagenfurter Band Naked Lunch erscheint alles andere als aufgeräumt. Ständig in Bewegung und um sich blickend fällt es zunächst schwer, ihn irgendwie einschätzen zu können. Setzt er sich oder will er lieber stehen? Wird er Lust haben, all diese Fragen zu beantworten oder nervt es ihn, über sich und seine Band zu sprechen? Allen Spekulationen zum Trotz kehrt nach einigen Minuten Ruhe ein in diesen Mann; er wird alle Fragen über sich ergehen lassen und sie vor allen Dingen gerne beantworten. Und er hat sich hingesetzt.

Wie wichtig ist – und in eurem Fall ist das ja fast exemplarisch – eine gewisse Leid- oder Schmerzerfahrung in einem Musikerdasein? Verarbeitet man Erfahrungen in einem Song oder will man sie lediglich mitteilen?
Ich betreibe ja eigentlich keine Psychoanalyse. Wenn wir eine Platte machen, dann ist das ja nicht so, als hätten wir 25 Therapeuten verschlissen und danach geht es uns besser. Aber das ist Schwachsinn, die Dinge ändern sich ja nicht. Nur weil du eine Platte gemacht hast, ändert sich dein persönliches Befinden ja auch nicht. Aber als wir “Songs For The Exhausted” gemacht haben, befanden wir uns alle in einer dunklen Zeit, ich als Songtexter kann das nur bestätigen. Und in unserem Kulturkreis besteht ja immer noch die Angst davor, so etwas zu zeigen. Zu der Zeit habe ich viel Country gehört, und dann wurde das für mich so unmissverständlich. Wenn Hank Williams singt “I’m so lonesome”, dann denkt er das und singt das auch, ohne Scheu. Was dann hinterher auch ganz schlecht rezipiert werden kann. Und wir haben uns dann gedacht, wenn wir schon nackt sind und dann kommt jemand und verarscht uns immer noch, dann müssen wir das im Text auch genauso rüberbringen, und damit hatte das dann auch diese Berechtigung für uns. Damit werden wir natürlich angreifbar, aber das bekommt dann wiederum Qualität.

Welchen Punkt in eurer Bandgeschichte würdet ihr als euren Wendepunkt bezeichnen?
Das kann ich klar definieren. Das war in der Zeit, als wir uns nach unserem 99er Album “Love Junkies” von der Plattenfirma getrennt hatten, bzw. sie sich zwei Wochen nach Erscheinen des Albums von uns trennten. Das war schon übel, dass wir uns nach so langer Zeit im Geschäft erstens so verarschen lassen mussten und dass uns zweitens nach einer versuchten Neuorientierung solche Steine in den Weg gelegt wurden und wir keinerlei Unterstützung fanden. Also haben wir das Haus gefegt und uns entschieden, erst mal allein weiterzumachen. Es hat uns schon sehr viel Kraft gekostet, weil wir nach außen als total verbrannte und tote Band galten. Es fühlte sich so an, als würde ein Domino-Stein nach dem anderen umfallen, erst war die Plattenfirma weg, dann die Agentur, zu guter Letzt das Management. Es ging alles so wahnsinnig schnell. Trotzdem haben wir dann festgestellt, dass wir weitermachen müssen, weil es nun mal das Einzige ist, was wir können und mögen.

In der Info zur EP hast du geschrieben, dass ihr jetzt frei von Zynismus seid. Wie meinst du das?
Uns ist auch sehr viel Gutes widerfahren in dem Jahr nach der Veröffentlichung unserer letzten Platte. Das darf man nicht vergessen und es ist kaum zu glauben, wie gut es tut, wenn man wieder respektiert wird. Also wenn jemand zu uns gekommen ist und sagte, dass er die Platte nicht so mag, aber es unglaublich gut findet, dass wir weitergemacht haben. Andersherum gab es natürlich genug Menschen, die an uns und unsere Musik geglaubt haben. Das hat uns sehr gestärkt und eigentlich ist es jetzt egal, was wir als nächstes machen; ein Elektronik-Frickel Album oder eine Jazz-Platte, wir haben uns so freigespielt, dass wir alles machen könnten. Theoretisch. Jetzt geht es also nicht mehr so sehr um das Erschöpftsein, sondern um den Tag danach. Und der ist frei von allen zynischen Zügen, ehrlich.

Arbeitet ihr schon an neuem Material?
Ja, das zweite Stück auf der EP, “Our Wedding Day’s A Funeral”, ist zwar noch eine Rohskizze, vielleicht wird das Album aber auch so ähnlich werden. Es gibt einige Stücke, die ich geschrieben habe, aber vor April werden wir nicht zusammen kommen, um zu produzieren. Wir lassen das – ähnlich wie beim letzten Mal – offen, wo es hingeht. Ich als Zirkusdirektor muss aber natürlich trotzdem definieren, wo es langgeht. Obwohl die Band einen unheimlich großen Input hat, muss aber jemand das Heft in die Hand nehmen und sagen, dass es da und da hingeht. Das letzte Album wurde erst geknackt, als ich eines Nachts auf den Titel kam, danach lief es dann. So was muss also jetzt auch passieren und dann kann es losgehen.

So autark wie ihr euer letztes Album aufgenommen habt, werdet ihr euch von nichts oder besser, nicht mehr vielem, abschrecken lassen, oder?
Nein, das war genau der richtige Weg und so werden wir es jetzt auch wieder machen. Leider leben wir ja in seltsamen Zeiten, wo es diese Massen an Bankrott gibt. Und das bedeutet, dass man ungeachtet aller Umstände einfach die Dinge in die Hand nehmen sollte. Entweder man macht den Mainstream mit oder man macht die komplette Opposition, es gibt keine Haltung dazwischen. Früher gab es verschiedenste Felder, ein ganzes Spektrum. Das gibt es jetzt nicht mehr, entweder du bist Juli oder du bist nicht Juli. Und da muss man sich eben entscheiden, wenn man überleben will.

Das letzte Wort um diese Band ist lange nicht gesprochen, und wer einen solchen Überlebenswillen hat, der sollte belohnt werden. Mit Aufmerksamkeit und einem Verständnis für die schönen und unheimlichen Tracks auf “Songs For The Exhausted”. Auch ganz ohne Wissen um deren Entstehungsgeschichte.

Text: Rebekka Bongart