Ohne George Evelyn und sein Projekt Nightmares On Wax wäre ein Label wie ‘Warp’ heute undenkbar. Auch die Kollegenriege bestehend aus Acts wie LFO, Aphex Twin oder Squarepusher zollen dem aus Sheffield stammenden Herrn einigen Respekt. Nachdem es um den Briten ruhiher wurde, meldet er sich dieses Jahr mit frischem Elan zurück. “In A Space Outta Sound” soll die schlechten Kritiken der letzten Jahre wegwischen und vergessen machen. Im persönlichen Gespräch erklärt George, warum sein fünftes Album sein bislang bestes ist.

Über drei Jahre gab es von dir kein neues Material zu hören. Waren es nur die schlechten Reaktionen auf dein letztes Album “Mind Elevation”, die für die lange Pause verantwortlich waren?
Ich muss sagen, dass “Mind Elevation” ein gutes Album war. Das Problem ist, viele Leute messen mich heute noch an meinen Neunzigerjahre-Platten “Smokers Delight” bzw. “Carboot Soul”. Mit solchen Altlasten an einem neuen Nightmares On Wax-Album zu tüfteln, macht es nicht einfacher. Besonders wenn du weißt, die Leute wollen diesen chilligen Lounge-Sound und nichts anderes.

Hört man dein neues Werk “In A Space Outta Sound”, hast du auf diese ewig gestrigen Meinungen keinen großen Wert gelegt…
Auf der einen Seite werfen dir die Leute vor, dein Sound klingt altbacken. Dann sagen sie wiederum, du bewegst dich zu weit von deinen Wurzeln weg. Wer soll daraus schlau werden?! (lacht) Deswegen bin ich dieses Mal nur meinem inneren Gefühl gefolgt.

Kannst du diese Herangehensweise ein wenig näher beschreiben?
Nach “Mind Elevation” habe ich eigene Songprojekte ruhen lassen und mich in die Arbeit an einem Sampler für die “Late Night Tales/Another Late Night”-Reihe gestürzt. Dabei konnte ich Songs meiner alten Helden wie Quincy Jones oder Dusty Springflied in einen sehr persönlichen Mix unterbringen. Für mich war das wie ein reinigendes Gewitter, weil ich merkte, was diesen Künstlern gemein ist: Egal was die Kritiker ihnen sagten, sie haben ihr eigenes Ding durchgezogen. Warum sollte ich mich also verbiegen lassen?!

Wohl war, so bietest du mit sanften Downbeats, perfekten Samples und chilligen Vocals allem Rumgemecker die Stirn.
Weil ich weiß, was ich kann. Ich bin viel rumgereist, bevor die Aufnahmen für “In A Space Outta Sound” losgingen. All die neu gewonnen Eindrücke sind in den Songs enthalten und daher auch der Name der Platte: Ich habe die Einflüsse eingesaugt und auf meine Art der Welt zurückgegeben. Klingt sehr esoterisch, ist aber nicht so gemeint.

Sondern wie?
Es hat mehr mit einem Gefühl zu tun, dem Song soviel Zeit zu geben, dass man innerlich mit jeder Sekunde zu frieden ist. Nicht, dass ich früher hastiger gearbeitet hätte, aber ich war mir nie ganz sicher, dass meine Songs hundert Prozent George Evelyn widerspiegeln. Ich bin einfach positiver drauf als zu Zeiten von “Smokers Delight”.

Die letzten beiden Jahre waren überschattet von dem plötzlichen Tod deines Vaters. Daher verwundert es ein wenig, dass du so eine überraschend positive Einstellung hast?!
(nachdenklich) Ich bin froh, dass du das Thema ansprichst. Viele dachten: “Okay, sein Vater ist verstorben, jetzt muss er düster klingen.” Ich kann diesen Gedankengang nicht nachvollziehen!

Warum nicht, schließlich ist es ein herber Verlust für dich gewesen?
Das schon, aber die Trauer um einen Menschen entsteht doch meist nur aus einer gehörigen Portion Egoismus. Klar, ich will von diesem Menschen nicht los lassen, weil er mir viel bedeutet. Auf der anderen Seite, kann mir auch der Tod, meine Liebe und meine Erinnerungen an ihn nicht nehmen.

Ich bin erstaunt. Solch eine Sichtweise ist sehr unüblich!
Der Mensch darf nicht im Gestern schwelgen, Erinnerungen sind Erinnerungen. Mein Vater hätte nie gewollt, dass ich nicht an Morgen, Übermorgen oder Nightmares On Wax denke. Er mochte meinen Sound, und wenn ich mich jetzt auf meine Musik konzentriere, arbeite ich an etwas, womit er viel Freue gehabt hat.

Bist du mit dem Ergebnis deines Albums auch deswegen so zufrieden?
“In A Space Outta Sound” ist mein bislang persönlichstes Album geworden. Nicht nur wegen dem Tod meines Vaters, sondern auch, weil ich mich sehr zurückgezogen habe während der Aufnahmen. Ich habe nicht wie sonst noch als DJ nebenher gearbeitet, sondern nur im Studio an der Platte. Meine ganze Konzentration galt zu dieser Zeit meinen Songs. (überlegt) Eine Arbeitsweise, die den Künstlern auf dem Warp-Label inzwischen sehr eigen ist, weder Aphex Twin, noch Squarepusher bewerkstelligen ihre Alben so nebenbei. Sie widmen all ihre Aufmerksamkeit nur ihrer Musik, wenn sie an neuen Tracks werkeln. Das ist der einzig richtige Weg.

Die Professionalität, mit der Nightmares On Wax-Mastermind George Evelyn an seine Arbeit geht, lässt seinen Sound nie zur Routine werden. Ohne auch nur einen Moment datiert zu wirken, erscheint Lounge hier als zeitloses Moment der Positivität und des Glücks, als das die Musik ursprünglich gedacht war. Ein Ergebnis, mit dem George seinen Labelkollegen definitiv weit voraus ist. Heute, morgen und übermorgen.

Text: Marcus Willfroth

Discography:
1991 A Word Of Science
1995 Smokers Delight
1999 Carboot Soul
2000 DJ-Kicks (Sampler)
2002 Mind Elevation
2003 Late Night Tales/Another Late Night (Sampler)
2006 In A Space Outta Sound