Mit der ehrgeizigen ‘Pop-Edition Süddeutsche Zeitung Diskothek’ verfolgen die Macher des Magazins der ‘Süddeutschen Zeitung’ und der SZ-Abteilung ‘Neue Produkte’ ein ehrgeiziges Anliegen: In insgesamt 50 Büchern, jedes steht für einen Jahrgang von 1955 bis 2004, werden ebenso viele Jahre Pop-Geschichte von renommierten Journalisten und Zeitzeugen durchleuchtet und auf ihre Highlights abgeklopft. 25 Jahre wurden so bereits äußerst informativ erfasst. Den weiteren Verlauf des Mammutprojekts werden wir von motor.de ab dem 1. April mit einem halbjährigen Special begleiten, in dessen Rahmen alle zwei Wochen ein weiterer Jahresband vorgestellt werden wird.

Eine der merkwürdigsten und für ‘gewöhnliche’ Menschen sicherlich am Schwersten nachzuvollziehenden Begleiterscheinung des Popfantums, ist ohne jeden Zweifel das Listenwesen. Sie kennen das: Junge (und bisweilen auch nicht mehr ganz so junge) Menschen ohne erkennbaren Schaden an Geist und Körper, haben von morgens bis abends nichts Besseres zu tun, als sämtliche ihnen (und vermutlich exklusiv ihnen!) relevant erscheinenden pokulturellen Begebenheiten in Listen zu gliedern. Wir führen Jahres-, Monats- und Jahrzehnt-Bestenlisten von allem und jedem, unterteilt in Genres und zahlreiche andere Subkontexte. Wir brauchen das. Es macht unser Leben übersichtlicher. Der Protagonist aus Nick Hornbys Roman ‘High Fidelity’, Bob, seit Erscheinen des Buches oberster Patron der Spezies des gemeinen Musik-Nerds, verfasste gar eine Liste der schmerzhaftesten Liebeskummer-Erlebnisse. Es ist ein Wahnsinn!

Doch auch jener Bob würde wohl mindestens Respekt und Anerkennung übrig haben für das unglaublich ambitionierte Projekt, welches das Magazin der SZ mit der ‘Edition Süddeutsche Zeitung Diskothek’ verfolgt. Zumal diese über die reine Listenführung hinausgeht. Jeder einzelne der 50 Bände umfasst 80 Seiten und beginnt mit einem Essay eines Redakteurs des ‘SZ-Magazins’ oder anderen Musikjournalisten. Im Folgenden erfährt man alles Wissenswerte zu jedem Popjahr und dessen 20 besten Songs, kommentiert von der Redaktion und prominenten Experten wie Greil Marcus, Diedrich Diederichsen, Markus Kavka, Moritz von Uslar oder Sven Regener. Die Bücher sind außerdem reichlich bebildert mit aufwendig produzierten Fotostrecken.

Darüber hinaus werden zeitgenössische Interviews wie z.B. mit den Sex Pistols abgedruckt, welche die Stimmung der jeweiligen Zeit authentisch ins Hier und Jetzt transportieren. Abgerundet wird schließlich ein jeder Band mit einer beigelegten CD, auf der die nach Meinung der Redaktion besten Songs des jeweiligen Jahres noch einmal zusammengefasst werden. Eine runde Sache also. Am Ende wird nicht nur eine Liste der 1.000 vermeintlich besten Songs aller Zeiten stehen, sondern auch 4.000 Seiten zusammengetragenes Fachwissen. Ob die Sammlung, wie von den Machern erwartet, “als die ultimative Popmusik-Anthologie auf Jahre hin Maßstäbe setzen wird”, kann nur die Zeit zeigen. Spaß macht sie auf jeden Fall. Nicht nur uns Listen-Spießern.

Doch das Projekt geht noch über die Gestaltung der Bücher hinaus. Da natürlich keine Liste endgültig oder streng objektiv ist, darf und wird auch hier diskutiert werden. Zu diesem Zweck steht seit kurzem zusätzlich zur Buch-CD-Reihe eine Website parat: Fans und Freunde der ‘Süddeutsche Zeitung Diskothek’ haben auf www.1000songs.de die Möglichkeit, sich auszutauschen über die ausgewählten 1.000 Popsongs aus den Jahren 1955-2004. Registrierte Benutzer können ihren Lieblingssong wählen und Kontakt zu den Herausgebern aufnehmen. Verlosungen des jeweils aktuellen Bandes runden hier das Angebot ab. Wie ernst die Einwände der Onlinecommunity genommen werden, lässt sich aus der Tatsache ablesen, dass es nach Erscheinen des letzten Bandes der ‘Süddeutsche Zeitung Diskothek’ einen 51. Band als Best of 1000songs.de mit den Lieblingsliedern der Community geben wird.

Und wir von motor.de steigen jetzt auch mit ein: Ab dem 1. April 2006 wird ein halbjähriges Special über insgesamt zwölf weitere Jahrgangsbücher informieren. Alle zwei Wochen halten wir euch so auf dem Laufenden in Sachen Pop-Geschichte.

Übrigens: Weil auch dieser Artikel natürlich nicht ohne eine Liste auskommt, hier zum Abschluss noch die derzeit sechs beliebtesten Songs auf der Website 1000songs.de:

01: Joy Division: Love Will Tear Us Apart
02: New Order: Blue Monday
03: Beck: Loser
04: Dusty Springfield: Son Of A Preacher Man
05: Johnny Cash: Ring Of Fire
06: Ramones: I Wanna Be Sedated

Text: Torsten Groß