Das Musikfernsehen ist tot, lang lebe das Musikvideo! Keine neue Erkenntnis, denn nur weil sich das Medium verändert, muss die Kunstform nicht gleich dran glauben. Unzählige Videoportale schießen aus dem digitalen Nährboden, häufig gepaart mit gesteigerter User-Interaktion. Und wenn man über den GEMA-bedingt engen YouTube-Tellerrand schaut, dann lässt sich heutzutage jeder Clip zu jedem Tageszeitpunkt anschauen. Weil auch HD-Kameras, Schnittprogramme und diverse Effekt-Software nicht mehr die Welt kosten, sind sowieso keine horrenden Summen mehr nötig, um Qualität abzuliefern. Doch wie soll man diese Qualität überhaupt noch erkennen?

Budget und Bildgewalt sind nicht alles – bei guten Musikvideos zählt nach wie vor stets die perfekte Symbiose aus dem Gehörten und dem Gezeigten — sei es inhaltlich oder ästhetisch. Manchmal reicht auch eine bahnbrechende Idee, ein absurder Gedanke oder ein kreativer Overkill. Das sind die Musikvideos, die zählen und bei denen wir in unserer schnelllebigen Web-2.0-Welt nicht schon nach 30 Sekunden weiterklicken und bei denen sich unsere Augen weiten, wir vielleicht doch mal auf Vollbild klicken und andächtig verweilen. Vermutlich ist die spannendste Entwicklung dieser medialen Transformation die gestiegene Experimentierfreude in der Clip-Kultur. Mit Ausnahme der wenigen großen Megaseller sind Musikvideos kein entscheidender Verkaufsfaktor mehr, also können Regisseure und Künstler sich wieder austoben und diese fantastische Symbiose schaffen.

motor.de erinnert an dieser Stelle noch einmal an die schönsten, aber auch die schlechtesten Musikvideos des dahinscheidenden Jahres. Letztere als Negativbeispiel dafür, wie all die obengenannten Faktoren gar nicht zusammenpassen wollen. Und da Kunst ja immer im Auge des Betrachters liegt, sind wir auf eure Meinung gespannt.

DIE FLOP 5 MUSIKVIDEOS DES JAHRES

Platz 5: Die Türen – “Rentner Und Studenten

Was haben sich Die Türen da gedacht? Na ganz einfach “Wir sind doch schon irgendwie witzig.” Und wie ist man besonders humorvoll? Richtig, man macht einen auf Michael Moore. Wirkt aber leider so ungestellt wie RTLs “Mitten Im Leben”.

Platz 4: Kanye West & Jay-Z – “Otis

Achtung Wirtschaftskrise, hier kommt die Antwort: Ein Maybach, zwei gelangeweilte superreiche Hip Hopper, mehrere Supermodels und fertig ist “(Un)Pimp My Ride 2011”. Wer ist eigentlich das eine Prozent?

Platz 3: James Blake – “Lindisfarne

“Noch jemand ein Sektchen?” – Die Frage hat der gute James wohl falsch verstanden, als er in “Lindisfarne” Charles-Manson-like junge Leute zu ekligen Dingen treibt. Und merke: Nur weil die Feuilletons einen lieben, heißt das nicht, dass die Videos auch gut sind.

Platz 2: Rammstein – “Mein Land

Ob Rammstein der alte Conny Froboess-Klassiker “Pack Die Badehose Ein” im Kopf herumgeschwirrt ist, als sie das Video zu “Mein Land” machten? Wenn man die Badebuchsen von Till und Konsorten ansieht, sagt man “Jawoll!” Das darf man auch als deplatziertes Statement zur Integrationsdebatte interpretieren.

Platz 1: Metallica & Lou Reed – “The View

Also die Fakten: Die wahrscheinlich größte Metal-Band der Erde macht mit einem Ausnahme-Künstler Musik. Das wird dann von einem oscarnominierten Regisseur verfilmt. Wie kann man das dann so verhunzen? “The View” hätte auch “Ohne Worte” heißen können.

Außerhalb der Wertung: 

Beatsteaks – “House On Fire”

Jaja, auch das soll es geben. Da hat man eine schöne Idee à la Roadmovie und dann kommen die Nervnasen der deutschen “Schauspielgarde” Uwe Ochsenknecht und sein immer miesgelaunt aussehender Sohn Wilson Gonzales und machen alles kaputt. Wenigstens wird das viel zu selten genannte Ostvorpommern mal erwähnt.

DIE TOP 5 MUSIKVIDEOS DES JAHRES

Platz 5: Bon Iver – “Holocene

Bon Ivers “Holocene” ist so ein Beispiel, wo Bildgewalt in Kombination mit grandioser Musik fast schon ausreicht. Weil Landschaft und Musik so wunderbar harmonieren, schließt sich der Zuschauer gern dem jungen Wandersmann an.

Platz 4: Major Lazer – “Original Don

Hier mag auf den ersten Blick gar nichts stimmen. Schwert-Choreographien in Omas Haus und Garten? Die Hausherrin hilft sogar mit zusätzlicher Klinge aus — und Produzent Diplo reicht Snacks. Gepaart mit der druckvollen Musik ergibt das einen herlich surrealen Spaß.

Platz 3: Battles – “My Machines

Wenn der Einkauf zum Horror-Erlebnis wird: Die US-amerkianischen Math-Rocker Battles werden zusammen mit Wave-Altmeister Gary Numan Zeugen der Rolltreppe des Grauens. Wenn aus anfänglicher Slapstik eine kunstvolle Choreographie entsteht.

Platz 2: Manchester Orchestra – “Virgin


Politische und gesellschaftskritische Botschaften sind ja stets gern gesehene Gäste in Musikvideos, doch man benötigt schon ein Händchen, um es nicht allzu platt erscheinen zu lassen. “Virgin” von Manchester Orchestra macht alles richtig — gleichermaßen schöngeistig wie aufwühlend.

Platz 1: Woodkid – “Iron”


Eindrucksvolle Bilder im stilvollen Schwarz/Weiß. Dazu ausdrucksstarke Gestalten, aufbrausende Musik und eine epische Spannung, die nur auf eine Entladung hinabzielt. Woodkid haben mit wenigen Mitteln ein großes Meisterwerk geschaffen, das uns staunend zurücklässt.

Außerhalb der Wertung:

Fleet Foxes – “The Sign/An Argument

Ein epischer, über achtminütiger Animations-Kurzfilm über die Reise eines stolzen Stieres durch ein bizarres Land — fast zu viel für ein normales Musikvideo. Regisseur Sean Pecknold hat zur hymnenhaften Musik der Fleet Foxes eine ebenbürtige visuelle Begleitung geschaffen.