Das der Black Metal sein Untergrund-Dasein ad acta gelegt hat, ist vor allem einer Band zu verdanken: Dimmu Borgir! Gut, in massentauglichen Radioshows wird man diese Form der Musik auch in 20 Jahren nicht hören, aber es hat sich doch weiter in die Musiklandschaft vorgekämpft, als es die meisten Experten für möglich gehalten haben. Dimmu Borgir sind keine Vorreiter, sie haben dem Genre nicht zur Geburt verholfen, ihm jedoch ihren Stempel wie keine zweite Band aufgedrückt. Der Untergrund wütet, die Kirche gleich mit und die Kinder- und Jugendzimmer der Nation haben neue Helden an den Wänden.

Alles begann in den frühen 90ern, genauer, im Jahre 1993, als sich die Schulfreunde Stian Tomt Thoresen, Kenneth Akesson und Sven Atle Kopperud zusammenschließen und die Band Dimmu Borgir gründen. Der Name stammt aus Island und ist die Bezeichnung einer Lava- und Felsformation. Die isländische Mythologie sieht in „Dimmuborgir“ einen Unterkunftsort für Trolle und Elfen. Nachdem der Bandname gefunden ist, brauchen alle noch standesgemäße Pseudonyme. Kenneth wird zu „Tjodalv“, Sven zu „Silenoz“ und Stian nennt sich von nun an, nach einem Ork aus Tolkiens „Der Heer der Ringe“, „Shagrath“.

Ende des Jahres stößt mit Stian Aarstad ein Keyboarder zur Formation. Im folgenden Jahr komplettiert Bassist Brynjard Tristan die illustre Runde. Das erste Demo „Inn I Evighetens Mørke“ findet ersten Anklang im Untergrund, obwohl der Einsatz des Keyboards in den Black Metal Kreisen für zwiespältige Meinungen sorgt. Das umstrittene Deutsche Plattenlabel No Colours nimmt die Jungs unter Vertrag und veröffentlicht im Jahr 1994 das Debütalbum „ For All Tid“. Erste Bühnenerfahrung holen sich die damals gerade mal 18 und 19 jährigen Musiker im Sommer 1995 in Deutschland, als sie zusammen mit Dark Funeral in Brohm spielen.

Die Norweger wechseln das Label und heuern bei Cacophonous Record an, um ihr zweites Album „Stormblast“ einzuhämmern. Es sollte das letzte Album auf Norwegisch werden. Das 1996 veröffentlichte Album findet starken Anklang in der Szene und wird noch heute im Underground als das letzte „echte“ Black Metal Album von Dimmu Borgir bezeichnet. Doch erste Hinweise auf den weiteren Verlauf sind bereits zu finden. Neben den aggressiven Sounds finden sich melodische Arrangments und jede Menge athmosphärische Parts, die von Black Metal Puristen noch akzeptiert werden.

Erste Risse mit den alten Fans tun sich auf, als man kurz nach dem Wechsel zu Nuclear Blast die Mini-CD „Devil’s Path“ (1996) durch die Boxen jagt. Mit einem neuen Basser an Bord, Stian „Nagash“ Thoresen ersetzt Brynjard Tristan, präsentiert sich der Sound deutlich symphonischer und weitaus massentauglicher. Die Einzug haltende englische Sprache führt jedoch zu einem Wachsen der Fangemeinde in ganz Europa.

1997 hält den Durchbruch für die Band bereit. Die dritte Platte „Enthrone Darkness Triumphant“ wird zum Schlüsselalbum. Viele der alten Anhänger kehren der Band nun endgültig den Rücken zu. Die Presse feiert das von Peter Tägtgren (Hypocrisy) produzierte Werk als Meilenstein und die neu gewonnenen Fans treiben die Scheibe bis auf Platz 75 der Deutschen Albumcharts. Somit haben Dimmu Borgir es als erste Band geschafft, den Black Metal aus seinem Schattendasein herauszuholen.

Es folgen Tourneen durch Europa, etliche Festivals (darunter Dynamo und Wacken), bei denen sie nicht nur Fans sondern auch Musikerkollegen für sich begeistern können. Prominentester Vertreter ist sicherlich Manowar-Oberhaupt Joey DeMaio, der sich als ein großer Fan seit dieser Zeit bekennt. Während einer Tour mit Cradle Of Filth verlässt Keyboarder Stian die Band und wird für einige Zeit von Kimberly Goss ersetzt.

Die Fans sind völlig aus dem Häuschen und verlangen nach neuem Material. Um die Wartezeit ein wenig zu verkürzen, erscheint 1998 mit „Godless Savage Garden“ einer weitere EP. Darauf zu hören ist mit Jamie „Astennu“ Stinson ein zweiter Gitarrist, der vor allem Shagrat live die Gitarrenarbeit abnehmen soll. Auch diese EP wird ein Erfolg und erreicht eine Nominierung für den Norwegischen Spellemannsprisen (mit dem Emmy vergleichbar), in der Kategorie beste Metal-Album National. Einen kleinen Skandal gibt es auch, als sich das unterstützende Orchester weigert, „Tormentor Of Christian Souls“ wegen dessen angeblicher Blasphemie zu spielen. Dimmu Borgir präsentieren stattdessen einen neuen Song und alle sind happy. Doch die Norweger gehen bei der Show, die auch ein Feature bei VIVA erhält, leer aus und müssen sich Kovenants „Nexus Polaris“ geschlagen geben. Gefeiert wird dennoch, immerhin spielen mit Nagash und Astennu zwei Dimmu-Mitglieder bei Kovenant. Mit Øyvind „Mustis“ Mustafarta wird ein neuer Keyboarder integriert, der trotz seines jungen Alters den Sound der Band entscheidend prägen wird.

Nun ist die Zeit reif, für den lang erwarteten Nachfolger. „Spiritual Black Dimension” erscheint 1999 und bekommt von den Kritikern nur durchwachsene Bewertungen. Die Fans aber rennen den Shops die Bude ein und kaufen die Scheibe bis auf Platz 18 der Norwegischen und bis auf Platz 25 der Deutschen Albumcharts. Erfolg ist manchmal nicht alles und so dreht sich das Bandkarussell in den folgenden Monaten sehr stark: Nagash und Tjodalv verlassen die Band um sich eigenen Projekten zu kümmern.

Dimmu Borgir haben sich einen derartigen Status erspielt, dass es ihnen leicht fällt, geeigneten Ersatz zu bekommen. Man kann fast aus dem Vollen schöpfen und nimmt schließlich Bassist Simon Hestnæs aka „ICS Vortex“ (Ex-Borknagar) auf, der in Zukunft mit seiner klaren Stimme für weitere Facetten im Sound der Norweger sorgen wird. Für den Platz an der Schießbude wird das musikalische Schwergewicht Nick Barker (heute Atrocity) verpflichtet. Während einer Tour mit Samael wird Astennu wegen mangelndem Einsatz gefeuert und wenig später von niemand geringerem als Thomas Rune Anderson aka „Galder“ (Old Man’s Child) ersetzt. Das All-Star-Team ist nun komplett.

Mit jeder Menge Support ihrer Plattenfirma Nuclear Blast mieten sie sich das Göteborger Symphonie Orchester mit dem sie „Puritanical Euphoric Misanthropia“ (2001) aufnehmen. Ein schwerer Brocken, den die Fans verdauen müssen. Die geliebten Keyboardparts haben sich in den Hintergrund verkrochen und überlassen mehr und mehr den orchestralen Parts den Platz. Doch auch dieses Album wird ein Kassenschlager, was Platz 16 sowohl in Norwegen als auch in Deutschland belegt. Im dritten Anlauf heimsen sie endlich den Norwegischen Spellemannsprisen ein.

Die Welt wird in Angriff genommen, Tourneen mit Lacuna Coil, Nevermore oder auch Cannibal Corpse folgen. Dokumentiert wird diese Reise, welche die Jungs auch nach Südamerika bringt, auf der im Jahr 2002 erscheinenden Doppel-DVD „Live Misanthropy“. Höhepunkt wird der eindrucksvolle und auf der DVD enthaltene Auftritt vor zehntausend begeisterten Fans auf dem 2001er Wacken Open Air.

Mit jeder Menge Energie in den Knochen und Geld in den Händen zieht man sich für die Aufnahmen zur neuen Platte das 46-köpfigen Prager Philharmonischen Orchester an Land. Auf Grund der derzeitigen Stabilität des Line-Ups kann man sich voll auf die Studioarbeit konzentrieren. Dies tut dem Sound hörbar gut, denn “Death Cult Armageddon” (2003) bekommt auch wieder von der Presse Lobpreisungen. Platz 2 in Norwegen und Platz 12 in Norwegen lassen die Korken knallen. Dimmu Borgir schaffen es, einen Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Moderne zu schlagen. Während das Orchester sich dem Teufel verschreibt, kann auch Mustis die Keyboard-Parts wieder verstärkt in den Vordergrund stellen. Die beim Vorgänger noch bemängelte Dominanz der Drums wird angenommen und Nick Barkers Prügelkunst etwas dezenter ins Konzept eingefügt. Ob es schließlich daran lag oder nicht – wer weiß es? Im Januar 2004 trennen sich Dimmu Borgir von Nick Barker und spielen die Ozzfest-Tour mit Tony Laureano am Schlagzeug.

Eine Zeit des Experimentieren, der Ruhe, der Entspannung schließt sich an. Shagrath und Silenoz, die einzigen verbliebenen Gründungsmitglieder, juckt es aber weiter in den Fingern. Zusammen mit Schlagzeug-Legende Hellhammer spielen beide ihren Zweitling „Stormblast“ 2005 erneut ein und lassen ihn in einem frischen und modernen Gewand auf die Meute los. Logisch, dass die Black Metal Puristen auch dem nichts abgewinnen können. Jedoch ist es den Norweger untersagt, „Sorgens Kammer“ erneut aufzunehmen, da der damalige Keyboarder Stian Aarstad die Anfangsmelodie aus einem Computerspiel geklaut hatte, ohne es der Band und den Spieleentwicklern mitgeteilt zu haben. Dafür gibt es mit „Sorgens Kammer – Del II“ einen neuen Song, zu dem auch ein Video abgedreht wird.

Die angesprochene Verehrung von Joey DiMaio für die Norweger zahlt sich aus, denn Dimmu Borgir kommen beim 2005er Earthshaker-Festival direkt vor Manowar an den Start. Im Anschluss kümmert sich Shagrath seinem Nebenprojekt Chrome Division. Galder arbeitet an neuen Old Man’s Child- und Vortex an frischem Arcturus-Material, bevor es Ende 2006 wieder gemeinsam ins Studio geht.

Das erste Konzeptalbum der Band-Historie steht auf dem Plan und Hellhammer erneut hinter den Drums. „In Sorte Diaboli“ („Im Bunde mit dem Teufel“) spielt im Mittelalter und erzählt die Geschichte eines Priester-Assistenten, der vom christlichen Glauben abkommt und zum Antichristen wird. Neben dem Inhalt sorgte auch das Cover für Trubel, zumindest in den USA. Dort ist man von den entblößten Brüsten Baphomets derart pikiert, dass man es verbieten lässt und die Band eine alternatives Cover entwerfen muss.

Der Erfolg klopft einmal mehr an die Tür. Zum ersten Mal erreichen die Norweger in ihrem Heimatland die Spitzenposition der heimischen Albumcharts. Black Metal – Platz 1 in den Charts? Wer hätte das nur wenige Jahre zuvor für möglich gehalten. Aber auch Platz 7 in Deutschland und ein nie für möglich gehaltener 43. Platz in den amerikanischen Billboard-Charts sind Meilensteine dieses Genres.

Nachdem zunächst das ausverkaufte Wacken Open Air bespielt wird und auf gemeinsame Tour mit Amon Amarth gegangen wird, machen Dimmu Borgir Ende 2007 sogar in den Deutschen Boulevard-Medien von sich reden. Die Norweger beschuldigen den Deutschen Rapper Bushido für den Song „Mittelfingah“ die Melodie ihres größten Hits „Mourning Palace“ geklaut zu haben. Sogar in der Harald Schmidt Show wird die Anschuldigung thematisiert.

Im Jahr 2008 wird erneut Nordamerika unter Beschuss genommen, bevor es pünktlich zu den legendären Rock am Ring/Rock im Park-Festivals zurück nach Europa geht.

Dimmu Borgir sind:
Shagrath – Gesang
Silenoz – Gitarre
Galder – Gitarre
ICS Vortex – Bass, Gesang
Mustis – Keyboard
Hellhammer – Schlagzeug

Enrico Ahlig