‘Are You Falling In Love Every Second Song?’, fragt Guy Garvey uns in seiner neuesten Singleveröffentlichung ‘Forget Myself’. Was für eine Frage, mit der Elbow sich da zurückmelden. Verneinen möchte man sie. Elbow fragen, was nicht richtig läuft in ihren Köpfen. Die Antwort fällt wie erwartet aus. Wir lieben jedes Lied der neuen Platte. Bitte!

‘Leaders Of The Free World’ ist massenkompatible. Punkt. Aber so wollen wir die Aussage nicht stehen lassen. Drücken wir es lieber mit den Worten der Plattenfirma aus: “First single ‘Forget Myself’ is the band’s most radio-friendly crossover single to date – already playlisted at Radio 1 in the UK.” Und das nach all den Jahren. Herzlichen Glückwunsch!

Ohne unnötigen Ballast und Schnörkel meldet sich die Band aus Manchester um Sänger Guy Garvey zurück und schafft es wieder einmal, eine volle Stunde lang Melancholie, Hoffnung und Frustration gekonnt auf den musikalischen Punkt zu bringen. Wer sich mit einfacher Kost zufrieden gibt, dem sei diese Band nicht ans Herz gelegt. Hier durchläuft man ein Wechselbad der Gefühle. Von himmelhoch jauchzend bis hin zur puren Verzweiflung gibt es die volle emotionale Breitseite. Mal zaubern sie uns ein entgleistes Lächeln ins Gesicht, wenn sie mit minimal arrangiertem Glockenspiel Texte wie ‘Keep Standing Like You Never Seen The Stars’ auf einen loslassen. Ein anderes Mal boxen sie dir in die Magengegend und lassen dich derart angeschlagen reichlich verwirrt zurück.

Die beiden angereisten Herren Peter Turner (Gitarrist) und Guy Garvey (Sänger) haben einen Kater. Die letzte Nacht war lange und die Augenringe hängen tief. Womit wir beim Stichwort wären: Man würde ihnen auf den ersten Blick gar nicht diese Tiefe zutrauen, die ihre Musik innehat. Und wenn Peter Turner anfängt, über die Produktion des neuen Albums zu sprechen, dann klingt das eher nach einer quietschfidelen Klassenfahrt: “Wir haben diesmal in diesem unheimlich großen Haus aufgenommen. Und da wir uns dort schnell einsam gefühlt haben, haben wir uns Freunde eingeladen, Lichtinstallationen einrichten lassen und nebenbei sind wir richtig gut geworden beim Tischtennis.” Gut lachen hat er. Kann er auch. Die Mercury-Prize-nominiert Band hat endlich die Chance, kommerziellen Erfolg zu verzeichnen.

Manch andere haben das Talent der aus Manchester stammenden Band unlängst erkannt. So gesehen bei Chris Martin. Da steht das neue Coldplay-Album gerade einmal paar Tage in den Läden und schon lässt Chris Martin die Bombe platzen. Ja, auch er kupfert bei anderen Bands ab. Und genau deshalb hört sich ‘Fix You’ auch wie ‘Grace Under Pressure’ von Elbow an. TsTs. Elbow nehmen es mit Humor. Und erzählen lieber von ihren neuen Schandtaten. Und man mag gar nicht mehr glauben, wie steinig der Weg für das Quintett aus Manchester einst war. Das Debüt ‘Asleep In The Back’ kam mit zwölf Jahren Verspätung auf den Markt und brach der Band aus Manchester beinahe das Genick. Der Plattenvertrag wurde gekündigt und Elbow standen mit leeren Händen da. Es sollte Jahre dauern, bis das Werk schließlich doch noch veröffentlicht wurde und unter Beweis stellte, welches Potenzial in dieser Band steckt. Das Nachfolgealbum ‘Cast Of Thousands’ unterstrich dies und Elbow wurden experimentierfreudiger. Viel Platz sollte das Material haben, und wenn man sich Songs wie ‘Grace Under Pressure’ anhört, dann weiß man, was Platz bei Elbow heißt. Ein Chor bestehend aus den Mitgliedern von The Doves wie Alfie und der versammelten Audienz des Glastonbury Festivals mimt den Chor und Elbow dirigieren diesen Bombast mit federleichter Hand.

Heute lacht Peter über diese Aktion. “Toll war es und sehr spontan. Aber solch ein Song hätte auf unserem neuen Album ‘Leaders Of The Free World’ keinen Platz. Es war uns wichtig, uns dieses Mal ein bisschen zurückzunehmen. Wir wollten keine Chöre mehr auffahren und die Soundspielerei haben wir auch etwas zurückgeschraubt. Diesmal war die Devise eher eine andere. Mit einfachen Worten kann man sie mit ‘weniger ist mehr’ zusammenfassen. Und das macht das Album authentisch.” So authentisch wie der Film, der zum Album entstanden ist. Über die gesamte Produktionsdauer stand Elbow ein Kamerateam beiseite, das jeden Schritt der Produktion auf Celluloid bannte. All das kann man nun auf DVD sehen und ein hoher Unterhaltungswert sei Euch versprochen. 

Text: Tanja Hellmig