Prießeck im Wendland – Die Heimat von Madsen. Wenn die Republik so etwas wie ein hippes Zentrum besitzt, dann ist dieser Ort wohl am weitesten davon entfernt. Es ist eine dieser Siedlungen, in denen dir das Leben abseits von Bankerlehre und Tischtennisverein nur wenige Perspektiven bietet. Und wenn man das nicht will? “Autos knacken oder Punk-Musik machen”, meint Keyboarder Foffi trocken.
Ein Glück, dass er sich wie seine Bandkollegen Niko und die Madsen-Brüder Sebastian, Johannes, Sascha für Letzteres entschieden hat.

Eine gute Wahl. Das selbstbetitelte Debütalbum schlug 2005 mächtige Wellen und ließ die Garagenband aus der niedersächsischen Provinz zur neuen Hoffnung der deutschen Rock-Musik avancieren. Kritiker und Fans bejubelten den Druck, die Leidenschaft und die herzzerreißende Wut, mit der die Fünf hinlangten. Livegigs wurden frenetisch abgefeiert und die Rezensenten der meinungsführenden Musikjournale schütteten Eimerweise Wohlwollen über den Newcomern aus. Endlich eine Junge deutsche Band, die das Zeug zu haben schien, in die Fußstapfen von Tocotronic zu treten. Endlich wieder deutsche Texte hören und dabei wirklich etwas spüren. Endlich wieder Jugendbewegung!

Bei der ganzen Euphorie wurden jene, die den Jungs “dilettantisches Epigonentum”, “Monotonie” und ganz allgemein “pubertäre Texte” vorwarfen, etwas an die Wand gedrückt. Dass die Platte tatsächlich wenig Tiefgang besaß und sich schon nach wenigen Durchgängen abnutzte, war aber auch der Band nicht entgangen. Sänger Sebastian sieht darin den größten Unterschied zum aktuellen Album ‘Goodbye Logik’: “Während du bei der ersten Platte das Gefühl hast, dass das alles im Grunde nur ein Song ist, hast du jetzt auf einmal das Gefühl, dass es elf verschiedene Songs sind, von denen jeder eine eigene Geschichte erzählt, eine eigene Stimmung hat und einen eigenen Sound. Und genau diesen Schritt wollten wir auch gehen. Während wir bei der letzten Platte alles ruckzuck mit einer Soundeinstellung einspielten, haben wir jetzt bei jedem Stück im Grunde wieder von vorne begonnen.”

Recht hat der Mann. Variabler kommt die Scheibe daher. Kompakter und irgendwie sicherer. Auf jeden Fall aber um Längen abwechslungsreicher als der Vorgänger.
Was geblieben ist, ist der Zorn. Diese plötzlichen Ausbrüche Sebastians, in denen er seine unbestimmte Wut über irgendetwas hinauspresst. Fast, als wolle er eigentlich um sich schlagen, hätte sich dann aber im letzten Moment noch fürs Brüllen entschieden. Ist es nach unzähligen Liveauftritten überhaupt noch möglich, diese Wut authentisch zu reproduzieren? Oder verkommt sie nicht irgendwann zum bloßen Stilmittel? Zur Pose?
Gittarist Johannes sieht da keine Gefahr: “Es ist doch immer eine sehr emotionale Sache, seine eigenen Lieder zu spielen. Man muss sich da gar nicht reinfühlen, wenn man wirklich dahinter steht. Man muss halt nur zusehen, dass man genügend Energie hat, bevor man auf die Bühne geht. Dann kommt so ein Schrei von ganz alleine.”
Sebastian: “Bei mir ist es auf jeden Fall so, dass ein Kippschalter umgelegt wird. Sobald der erste Song gespielt wird, bin ich weg. Natürlich gab es auf der langen Tour Momente, wo ich das nicht so ganz fühlen konnte, wo einfach die Energie gefehlt hat. Da muss man dann kämpfen. Da wird einem dann bewusst, dass das auch eine Arbeit ist, ein Job. Aber es ist ja das Schöne an diesem kreativen Beruf, dass man sowas nur sehr selten zu spüren bekommt.”

Thees Uhlmann – Kopf der Hamburger Deutschrock-Institution Tomte – schrieb im Pressetext zu Madsens Debütalbum, im Wendland wäre “Musik kein Hobby, sondern ein Ausweg”. Wie sehen die Jungs das heute. Ein knappes Jahr später – War es ein Ausweg? Sollte es überhaupt einer sein? “Es ist natürlich toll, wenn man durch die Musik so ein Ticket nach draußen erhält”, gibt Sebastian zu. “Wir sind ja eher so ländliche Typen, die Angst vor der Großstadt haben. Und für Jungs wie uns ist es halt spannend, durch die Musik auch mal Großstadterfahrungen sammeln zu können und mehr zu sehen. Es war aber mehr so eine Art, über den Tellerrand schauen, als dass wir nach irgendeinem ‘Ausweg’ gesucht hätten.”

Denn das Leben diesseits des Tellerrands bietet nämlich auch eine ganze Reihe von Vorteilen. So erdet die Provinz ungemein. Sie erlaubt dir eine andere Perspektive. Sie lässt dich das ganze Gewedel und Gekreische, das in den selbsternannten Metropolen um dich veranstaltet wird, wesentlich entspannter und nüchterner betrachten. “Eigentlich hat sich bei uns im letzten Jahr nicht wirklich viel verändert”, glaubt Sebastian. “Klar, wird man hin und wieder daran erinnert, dass man jetzt in der Öffentlichkeit steht. Hier ist das aber sehr angenehm, weil wir uns ja auch eingestehen, dass wir mehr auf C-Promi-Level unterwegs sind.” Drummer Sascha unterstreicht, “Hier gibt’s halt nix, und da es kriegt auch keiner so richtig mit, wenn wir auf MTV laufen.”


Rausgehen, Eindrücke sammeln, touren. Und sich dann den Rummel aus der zweiten Reihe anschauen. Eigentlich ganz schön clever. Vielleicht ist das der beste Weg, auch längerfristig frisch und spannend zu bleiben. Sollen doch andere die deutsche Rock-Musik retten. Madsen werden in Ruhe weiterspielen und sich das Ganze vom Wendland aus ansehen. Mit gebührendem Sicherheitsabstand, natürlich…


Text: Matthias Pflügner