Es sind die kleinen Pfade Abseits den Mainstreams, auf denen die wirklich großen Dinge entstehen. Da wo Visionäre ihr Ding durchziehen, sich nicht reinreden lassen und von Dingen inspiriert werden, die die A&Rs der großen Plattenfirmen in der Schlaflosigkeit halten und ihnen Magengeschwüre und Bypässe verpassen. Wenn sich jeder von uns seine private Top Ten vor Augen hält wird er feststellen: Die meisten derer, die auf unseren Podesten stehen, sind Querfeldein gegangen. Die Dresden Dolls sind aus Boston, zu zweit und Querfeldein ist ihre Heimat!

Amanda Palmer spielt ein elektrisches Klavier, singt und schreibt alle Songs bei den Dolls. Sie ist der uneheliche Bastard von Jerry Lee Lewis, Tori Amos und Tom Waits, das Ergebnis eines nie stattgefundenen Sex & Tabletten-Kombi-Events der drei Tasten-Virtuosen. Brian Viglione spielt Schlagzeug. Seine Jugend war schwer, aus Metall und trug Achtzigerjahre-Spandexhosen und Kopftücher. In dieser ungewöhnlichen Mini-Besetzung entsteht eine Musik, die so exzentrisch und energiegeladen ist, dass einem die Rockposen der Nu-Metal Klonfabrik ebenso lächerlich, und – weil geübt und gespielt – genauso blutleer vorkommen wie die letzten hundert Versuche von Bands, ihren Songs mit 500-Köpfiger Orchesterbegleitung den Gehalt zu verpassen, den die Stücke schon vorher nicht hatten.

Die Dresden Dolls orientieren sich an klassisch-amerikanischen Songwriting und Underground-Rock. Trotzdem stehen sie mit allen vier Beinen mitten in einem Brechtschen Szenario, wie eine Indie-Rockband in der Kostümprobe der Dreigroschenoper.
Amanda hat das Markenlogo ihres E-Pianos überklebt. Da wo früher „Kurzweil“ stand steht jetzt Kurt Weil. Und tatsächlich genau da, bei dieser Reminiszenz an einen der größten deutschen Komponisten der Weimarer Republik, beginnt das musikalische Universum der Dresden Dolls. Und während die meisten Amerikaner denken, in Europa reise man noch mit Kutschen und Adolf Hitler wäre immer noch Kanzler von Deutschland (einem Land von dem sie keine Ahnung haben wo es liegt!) scheinen die Dresden Dolls eine Eins in Erdkunde gehabt zu haben.

Es ist zu früh für ein ordentliches Interview und Amanda und Brian angeblich geschwächt von einer Fahrradtour nach Potsdam. Die Schwächephase dauert genau 41 Sekunden, dann setzt die schöne Amanda ihre erste Energie frei. Sie erklärt die ungewöhnliche und intensive Verbindung zwischen ihr, Deutschland und der hiesigen Kultur.

Amanda: „Ich spreche sogar ganz ordentlich deutsch. Der Grund dafür ist fast peinlich. Mit 15 war ich in einen Jungen aus Berlin verliebt. Sein Vater war GI, seine Mutter Deutsche und hieß Edeltraut. Er kam mich besuchen. Durch ihn habe ich mir meine ganzen deutschen Rituale – beispielsweise meine Art, Kaffee zu kochen – angewöhnt. Er war ein typisches, zerrissenes GI-Kind, halb Amerikaner halb Deutscher. ER hat mich an all die Musik rangeführt, die ich heute höre. Er hat mir Kraftwerk und Grauzone, aber auch so schlimmes Zeug wie Andreas Dorau vorgespielt. Er hat mich zu Neubauten und Klaus Nomi gebracht. Alles Sachen, die mir niemals im Leben begegnet wären! Er hat mich mit seiner Liebe zu deutscher Musik infiziert. Als wir später Schluss machten und ich zur Uni ging, habe ich aus Selbstzerstörungsgründen und um mein Leben auf etwas zu fokussieren, deutsch studiert. Später sogar in hier, in Bayern.

Wo in Bayern?
Amanda: In Regensburg.
Brian: Du scheinst ja an allen, hippen Orten Deutschlands schon gewesen zu sein!
Amanda: Aber Hallo! Nach Regensburg habe ich noch in Bonn studiert, aber in Köln gewohnt. In Sülz!

Wie reist ihr? Ein Doppel- oder zwei Einzelzimmer?
Amanda: Mal so – mal so. Aber ich weiß, was du wissen willst! Wir haben nicht zwangsläufig Sex miteinander, wenn wir in einem Bett miteinander liegen!
Brian: Wir sind mehr als nur ein Liebespaar, beste Freunde oder eine Band. Wir sind mehr als Brüderchen und Schwesterchen und mehr als uns nur emotional nahe. Wir sind Seelenverwandte.
Amanda: Wenn du einen Vergleich brauchst, der Sex mit einbezieht, würde ich sagen, wir sind ein altes Pärchen, so um die 70. Wir ziehen uns körperlich an, haben aber nicht notwendigerweise Sex. Die Liebe sitzt tiefer!

Brian, es gibt ein Foto von dir, da sitzt du als Teenie an deinen Drums, hinter dir zwei Poster, eins von Megadeth und eins von Guns ’n Roses. Woher kommt da deine Seelenverwandtschaft zu Amanda?
Brian: Was man nicht sieht, sind die beiden Poster daneben. Eins von meinem großen Idol, dem Jazz-Drummer Elvin Jones und ein Konzertplakat von einem The Cure-Coverabend meiner damaligen Band. Also, was haben wir da? The Cure, zwei Rockbands und einen Jazz-Drummer. Theatralische, jazzophonische Rockenenergie. Das bin ich! Das ist das, was ich mache!
Amanda: Brian repräsentiert die maskuline, aggressive Seite der Musik, ich eher die feminine. Brian war ein Landei, er hat Rock und Grunge erlebt. Das ist völlig an mir vorbeigegangen. Ich habe das Beatles „Stg. Pepper’s“-Album parallel mit Duran Duran gehört. Ich mag Songs.

Hast du wirklich Kurt Weil gehört? Alle in Rente gehenden Rocksänger müssen irgendwann Kurt Weil covern, aber mir kann doch niemand erzählen, dass irgendwer mehr als fünf Stücke von ihm kennt!
Amanda: Ich schon! Mein Musiklehrer an der Highschool sagte, der Stil, in dem ich meine Lieder schreibe, erinnere ihn an einen deutschen Typen namens Kurt Weil. Damals war ich 16, besorgte mir eine CD und fand er hatte recht. Weil hat meine Art Songs zu schreiben nicht beeinflusst, aber da sind zwei Sachen zusammengelaufen. Ich mag die frühe Musik ,die er zusammen mit Brecht gemacht hat. Den späteren Brodway-Kram brauch ich nicht. Das war dann der übliche Schmalz.

Manchmal klingt eure Musik deutscher, als es deutschen Musikern erlaubt ist deutsch zu klingen.
Amanda: Ich bin tatsächlich schon gefragt worden, ob ich Nazi sei. Zwei Journalisten wollten das wissen. Das ist doch absurd! Ich habe vor Jahren eine Zeitlang in Deutschland studiert. Damals sagten alle in den Staaten: Warum Deutschland? Warum nicht Italien oder Frankreich? Irgendwo wo es schön ist? Die haben ja auch völlig eigenartige Vorstellungen davon, wie es hier aussieht. Das Ganze ist total Bizarr!
Brian: Die Zeit der Weimarer Republik war, auch in Amerika, ebenso wie die Sixties, der Höhepunkt kultureller Freiheit und künstlerischer Ausdruckskraft dieses Jahrhunderts. Das ist exakt das Gegenteil von Nazi! Wir wollen nicht durch die Zeit reisen. Es geht um das Fieber und die Kreativität von damals. Es geht um das „sich Ausdrücken müssen“ und darum, die eigene Spiritualität und Einzigartigkeit nach Außen zu kehren. Es geht um Jazz. Die Zwanziger und Dreißiger waren sexy, voller Klasse und kultureller Aufbruchstimmung. Die Musik hatte so eine tiefromantische Schlichtheit. Darüber hinaus es war auch eine Zeit des Aufbruchs der Malerei und großer, politischer und philosophischer Ideen. Dieser Geist sollte weitergetragen werden.

Du spielst Schlagzeug, Gitarre und damit auch Bass. Solche Leute sind normalerweise auch in der Lage, Songs zu schreiben, was du aber nicht tust. Wirst du von Amanda unterdrückt?
Brian: Um Gottes Willen, nein! Das ist etwas, was ich an der Arbeit mit Amanda am meisten schätze: dass sie mich permanent ermuntert, mich zu weiterzuentwickeln und auszubreiten. Aufgabe eines Drummers ist es, den Eindruck und die Kraft der Musik zu verstärken und ihr eine feste Grundlage zu schaffen. Ich sehe mich mehr in der Rolle des Unterstützers als in der der Frontsau. Ich habe beim Stückeschreiben außerdem immer das Gefühl, die Lieder klingen wie welche, die es schon mal gab. Das werde ich leider nicht los!

Du bescheißt dich doch selbst. Du BIST doch eine Frontsau! Ihr seid nur zu zweit auf der Bühne, und zwar nebeneinander, nicht hintereinander!
Brian: Du hast ja Recht! Weniger Aufmerksamkeit als ich jetzt bekomme will ich natürlich auch nicht. Aber ich muss nicht schreiben und Texten. Das ist nicht meine Art, mich mitzuteilen, schon gar nicht neben jemandem, der das so ungewöhnlich großartig beherrscht! Meine Worte sind die Drums.

Ist es das Ziel mit der Platte soviel Geld zu machen, dass du dir auf Tour einen richtigen Flügel leisten kannst?
Amanda: Das geht leider nicht! Es ist für uns physikalisch einfach nicht möglich, mit einem akustischen Klavier oder einem Flügel zu arbeiten. Brian muss während des ganzen Konzerts mich und meine Hände sehen können, und ich wiederum das Publikum. Egal, wie man das auf der Bühne dreht und wendet, das geht nur mit einem E-Piano.
Brian: Das Ziel ist es also, soviel Geld zu machen, dass wir einen Techniker dafür bezahlen können, den besten E-Pianosound der Welt zu entwickeln.
Amanda: Oder ein akustisches Klavier ohne diesen Vorbau mit dem Deckel! (Lautes Lachen.)
Mit Musik Sinn zu spenden, Energie zu transportieren und die E-Piano Technik voran zu bringen, das sind Botschaften, für die es sich lohnt, früh aufgestanden zu sein. Sich von Amerikanern deutsche Geschichte krampffrei interpretieren zu lassen – eine Wohltat. Nur ein- zweimal im Jahr kommt Musik daher, die einen nicht begeistert, sondern regelrechten Glauben spendet. Ich trinke unter Protest der Kellnerin meinen Kaffee kalt aus und schenke Amanda und Brian die CD der letzten Band, die solch großes in mir Bewegt hat. Ich gebe die Platte weiter wie einen Virus der sich hoffentlich festbeißt. Ich gebe ihnen die Platte vor allem weiter, weil ich sie gerade nicht brauche. Ich bin gerade von etwas anderem infiziert.

Christian „Yessica“ Rulfs