Enik ist ein stimmliches Ungeheuer, eine singende Hydra mit neun Kehlköpfen, von denen wenigstens einer die Unsterblichkeit anpeilt!

Seine prägnante Stimme vom letzten Funkstörung-Album “Disconnected” dürfte noch in hörbarer Erinnerung hallen. Der damals 23jährige Münchner Enik sang das bekannte Rosenheimer Dekonstruktions-Duo aus dem Elektronika-Keller hinauf ins Popgeschoss. Das war Anfang 2004. Fast zeitgleich gibt er mit der 6-Track-EP “Without A Bark” auf Wonder Records sein gefälligkeitsfreies Solo-Debüt, dessen wildstilistische Eigenheiten Fans und Feinde in vermutlich gleich großer Anzahl gefunden hat.

Jetzt legt Enik mit “The Seasons In Between” sein erstes, groß aufgemachtes Album vor, das randvoll ausgestattet mit 14 Songs seinen möglichst komfortfreien Krebs- und Künstlergang durchs Leben dokumentiert. Seine Songs schreibt Enik am liebsten alleine und spielt auch die größtenteils autodidaktisch erlernten Instrumente wie Bass, Gitarre und Percussions höchstpersönlich ein. Neben diversen Gastmusikern an Schlagzeug, Saxophon und Trompete ist es einzig Hans Tauscheck, der nicht nur Cello und Klavier beisteuert, sondern auch das Privileg unter Freunden genießt, an drei Stücken mitschreiben zu dürfen.

Eniks Musik ist starker Tobak. Nichts, womit sich Form- und Regelästheten ihr gediegenes Pfeifchen stopfen wollten. Eher liefert “The Seasons In Between” so ziemlich alles, was kunstbesudelte Kettenraucher gerne hören mögen. Art-Pop, Distortion-Blues, Jazz-Romantik, Prog- und Rock-Ekzentrik, Melodien-Dramatik und Theater-Elektronik, vereint in antiautoritären Arrangements, die mit den losen Enden zahlreicher roter Fäden geknüpft zu sein scheinen. So findet sich auf dem Album kratzbürstiges Songwriter-Sperrgut wie “Rebro” oder “Friendly Drifter”, deren brachiale Grundhaltung mit süßen melodiösen Momenten korrumpiert wird. Der Dark-Elektro-Hit “Why Do You Love Me”, oder Rabauken-R&B-Stücke wie “No Fire”, “Warm Space” und “Kids” stehen mit zumindest einem Tanzbein im toleranten Club. Klassisch geführte, groß gefühlte Pop-Balladen wie der Albumtitel “The Seasons In Between” oder auch “Unhealthy Smoke” treten mit feinfühligen Streicherpassagen und verführerischen Harmonien in den Zeugenstand ganz gehöriger Musikalität.

“Uncomfortably”, ein Chanson mit Bigband, aber auch der Slow-Motion-Thriller “Smashing The Glasses” geben Auskunft über Eniks Jazz-Vergangenheit. In die gleiche Kerbe schlägt “The Stolen Eyelight”, ein Stück, in das sich Eniks Haltung zur Kunst prächtig hineininterpretieren lässt, wollte man darin versteckte Hinweise auf Inspirationsquellen (Björk? Burroughs?) finden. Mit “Small Finger”, “No Love” und “Safety” erklimmt Enik schließlich noch die ersten Berg-Etappen auf seinem Weg in den Pop-Olymp. Wer hier ein selbstbewusstes Echo auf Titanen wie David Bowie heraushören möchte, kann das gerne tun.

Weniger die Opulenz des Kinos, besser die karge Überspieltheit des Theaters ist Eniks Ausdrucksmittel, wenn er Musik wie ein Bühnenbild für seine protagonistische Stimme baut. Nur logisch, denn Enik ist ein stimmliches Ungeheuer, eine singende Hydra mit neun Kehlköpfen, von denen wenigstens einer die Unsterblichkeit anpeilt. Seine Texte bleiben poetisch unkonkret und umreißen einen emotionalen Horizont, den sich die Hörer selbst ausmalen dürfen. Enik pflegt einen intuitiven Umgang mit der Kunst. Er hält nicht viel von wohlfeilen Konzepten im Kopf, im Gegenteil versucht er Gelerntes loszuwerden, um an die Essenz seiner Persönlichkeit zu kommen. Diese Rebellion gegen sich selbst mag egozentrisch wirken, zerstörerisch zumal, doch genauso gut entspricht sie einer grundehrlichen, fast kindlich unprätentiösen Haltung, die der Kunst noch nie geschadet hat. Enik bleibt unbestechlich. Und Opportunismus wäre wohl das Letzte, was man seiner Musik vorwerfen könnte.

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