Jetzt mal ganz im Ernst. Ohne Flachs. Wir sind ja hier unter uns. Braucht irgendjemand noch eine neue heiße Band from the UK? Gibt es irgendwo ein Loch, wo die alle rauskommen? Bin ich der einzige, der bei dieser inflationären Rohkrepiererschwemme das Würgen kriegt? Es gibt mittlerweile Biographien über die Arctic Monkeys. Kann mich mal jemand kneifen? Biographien über gestandene Persönlichkeiten, denen das Leben Kerben ins Gesicht gemeißelt hat, das macht Sinn. Aber über vier kleine Scheißer, deren Debüt auf das noch laufende Geschäftsjahr datiert ist? Ist das nicht Papierverschendung? Die armen Bäume!

Aber was soll es. Zu Protokoll: Boy Kill Boy kommen aus dem Londoner Osten. Hartes Brot. Laut Statistik ist die englische Hauptstadt mittlerweile gefährlicher als New York (eine Meldung, die ich übrigens gerne gehört hätte, bevor ich bei meinem letzten Londonaufenthalt abends durch Finsbury Park stapfte. Ist meines Wissens nach nicht die übelste Hood der Stadt. Hätte aber doch sein können, dass ich mit dem Bus durch Mile End oder Whitechapel hätte durchmüssen – das hätte ja ins Auge gehen können). Das Debüt ‘Civilian’ ist okay, der Opener ‘Back Again’ wirklich guter, Beine machender Hellraiser-Rock, der Rest ist so eine Art ´Post-Punk-Pop’. Und Bassist Kev Chase und Keyboader Pete Carr sind grundgute, sympathische Kerle, mit denen man viel lieber in der Kneipe sitzen würde als im Universal-Glaspalast. Sind vom Interviewmarathon total übermüdet und wirken trotzdem noch wie kleine Jungs auf der Kirmes, die von dem Rummel nicht genug bekommen können. Alles anstrengend und aufregend zugleich. Kev: “Wir sind ungleich beschäftigter als früher. Jetzt springen ganz viele Leute ums uns herum und sorgen dafür, dass jede Minute in jedem unserer Tage voll gestopft ist mit Promoterminen und Interviews.”

Ob sich Pete vorstellen könnte, dass das noch Jahre so weiter gehen könnte? “Meinetwegen könnte das die nächsten 20 Jahre so weitergehen. Es ist doch, trotz des Stresses ´ne tolle Sache. Immer noch besser als bei McDonald’s hinter der Kasse zu stehen. Da habe ich mich übrigens mal vorgestellt. Aber sie haben mich nicht genommen. Da habe ich realisiert, dass das mit der Musik besser mal was werden sollte”.

Wurde es auch – wenigstens erst mal im Mutterland. ‘Suzie’ schaffte es im Frühsommer in die britische Top 20, die Bühnen wurden größer. Und die Stippvisite bei “Top Of The Pops” markiert, wie für manch andere junge Band, den Weg in eine – vielleicht – große Zukunft. Petes Augen werden glasig: “Das war wirklich ein großes Ding. Wir alle schauen die Show seit wir klein waren, und jeder kennt sie. Wenn uns unsere Verwandten, Großeltern, Cousinen fragen was wir so machen, hat das Musik machen für sie keine große Bedeutung. Aber als wir sagten, wir spielen ‘Top Of The Pops’ heißt es: ‘Wow, okay, es ist also wirklich was Ernstes mit der Band.’ Und dann sagen wir: ‘Klar, das versuchen wir euch schon seit zwei Jahren zu sagen, dass es uns ernst ist.'”


Auch für dumme, abgehangene Journalistenfragen Marke ‘Was hat sich seit dem Erfolg für euch geändert’, haben die beiden viel Humor übrig. Kev beißt in eins der Cateringbrötchen auf dem Tisch und schmatz: “Wir kriegen mehr zu Essen als früher.”

Auf der Hand liegt natürlich auch die Frage danach, ob die beiden glauben, am Ende der Brit-Rock-Welle nicht zurück ins Meer der Vergessenheit zurückgeschwemmt zu werden. “Stimmt, es geht immer um das ‘next big thing’, aber das ist tatsächlich irgendwie normal. Wir versuchen dabei irgendwie den Kopf über Wasser zu halten und ´ne gute Band zu sein. Wirklich gute Bands überleben jeden Hype. Ich meine, schau dir an, wer die letzte große Brit-Pop-Welle überlebt hat. Da gab es tonnenweise neue Bands, und zum Schluss blieben Oasis und Blur übrig. Der Rest verschwindet so schnell wie er gekommen ist. So wird’s wohl auch dieses Mal sein”, glaubt Pete.

Eine tröstliche Vorstellung. Aber zum Schluss noch mal zu etwas völlig anderem: Was ist eigentlich in Tony Blair gefahren? Auf einem Parteitag der Labourpartei marschierte er zu den Klängen von Sham 69s ‘If The Kids Are United’ in die Halle. Abgesehen davon, dass die Tage der männlichen Margret Thatcher nun gezählt sind, ist das nicht ein kleines bisschen… Gaga? Pete stutzt: “Hat er das? Überrascht mich aber nicht. Dieses ganze poppige ‘Cool Britania’-Ding… Also ich habe ihn nicht gewählt.”


Text: Gordon Gernand