Die 58. Berlinale steuert bereits ihrem Ende entgegen, und man staunt zwischen dutzenden Screenings und ein wenig Schaulust am roten Teppich wieder einmal sehr, wie unterschiedlich sich das internationale Kino doch teilweise präsentiert. Mit den Rolling Stones in Scorseses „Shine a Light“ war es ja losgegangen, und man hatte sich schon auf ein paar Tage voller Musikfilme eingestellt, weil ja auch Patti Smith und Neil Young bei den Festspielen zu Gast waren, ganz zu schweigen von Madonna.

Doch längst nicht alle wollten sich an diesen thematischen roten Faden halten, so dass es dann auch Filme über bayerische Senioren in Japan („Kirschblüten“ von Doris Dörrie), Penelope Cruz in den Händen eines alten Lustmolchs („Elegy“ von Isabel Coixet), brasilianische Brutalo-Polizisten („Tropa de Elite“ von José Padilha), folternde US-Soldaten (Errol Morris’ Dokumentation „Standard Operating Procedure“) und Insektensex (Isabella Rosselini als Pappmaché-Fliege in ihren „Green Pornos“) zu sehen gab.

Längst nicht alle Beiträge (die wenigsten, wenn wir mal ehrlich sind) kamen dabei an die Brillanz von Paul Thomas Andersons „There Will Be Blood“ heran. Aber niemand wird bestreiten wollen, dass die Themenvielfalt derart ungewöhnlich und überwältigend war und ist, dass tatsächlich für jeden Geschmack etwas dabei sein dürfte. Was übrigens auch für die abwechslungsreichen Wassersorten des Berlinale-Getränkesponsors gilt, der Extravagantes wie Ananas-Zitronengras ebenso im Angebot hat wie schnöden Sprudel.

Mannigfaltig gibt sich aber auch das reguläre Kinoprogramm. Das zeigt sich schon daran, dass in dieser Woche niemand geringeres als „John Rambo“ sein Comeback feiert. Nachdem Sylvester Stallone im vergangenen Jahr recht gut damit fuhr, Rocky Balboa für die Leinwand wiederzubeleben, verlängert er seine Karriere nun mit einem weiteren Aufguss des blutrünstigen Vietnamkriegsrecken. Der Held ist zwar mittlerweile im Rentenalter, aber davon abgesehen wird genau das fragwürdige Spektakel abgeliefert, das man erwartet. Und mehr muss dazu wohl auch nicht gesagt werden.

Viel passender zum Valentinstag ist natürlich „27 Dresses“, denn dabei handelt es sich um eine gänzlich unblutige romantische Komödie. Katherine Heigl, dank „Grey’s Anatomy“ und „Beim ersten Mal“ gerade Hollywoods neustes Sweetheart, möchte darin von der Brautjungfer endlich zur Braut werden. Wie es dann tatsächlich soweit kommt, ist leider allerdings derart vorhersehbar, dass echte Freude oder gar Romantik nicht unbedingt aufkommen will.

Wer sich nicht wegen Heigls aalglattem Spiel, sondern stattdessen ganz absichtlich gruseln will, ist mit „Das Waisenhaus“ sehr gut beraten. Der Name Guillermo del Toro (hier als Produzent am Start) lenkt zwar in eine falsche Richtung, denn ein neues Meisterwerk im Sinne von „Pans Labyrinth“ ist der Film nicht. Aber verglichen mit anderen Gruselfilmen über spuckende Villen, unheimliche Kinder und hysterische Mütter ist der spanische Publikumsliebling der spannendste Genrebeitrag seit langem.

Für die Freunde des anspruchsvollen Kinos wird selbstverständlich auch etwas geboten, wobei „There Will Be Blood“ die Brücke schlägt zwischen der Berlinale, wo Paul Thomas Andersons Drama ins Rennen um den Goldenen Bären ging, und den Oscars, wo es am 24. Februar mit acht Nominierungen zu den Favoriten gehört. Hier wie dort haben der Film über einen fanatisch aufstrebenden Öl-Tycoon am Beginn des 20. Jahrhunderts und sein Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis tatsächlich jeden Preis verdient, den sie bekommen können.

Ebenfalls cineastisch wertvoll, wenn auch ungleich nostalgischer, kommt „Gegenschuss – Aufbruch der Filmemacher“ daher. Der Dokumentarfilm blickt zurück auf die revolutionären Anfänge des deutschen Autorenkinos und den Beginn der Karrieren von Fassbinder, Wenders, Herzog, Kluge und Co. Das waren damals die Glanztage des deutschen Kinos, an die man heute angesichts von Schweiger und dem Rest gerne mal zurückdenkt, und es ist nur logisch, dass auch dieser Film, kurz vor seinem regulären Filmstart, im Rahmen der Berlinale gefeiert wurde.