Mit Eigeninitiative und Eigenständigkeit sind Everlaunch seit gut neun Jahren auf Erfolgskurs. Mit ihrer jüngsten EP-Veröffentlichung schenken uns die vier Freunde aus dem norddeutschen Rotenburg erneut viel Freude und fünf vorzüglichen Indie-Rock-Pop-Perlen.

Manchmal muss man sein Schicksal einfach an die Hand nehmen. Das gilt nicht nur bezüglich selbstverfasster personalisierter täglicher Horoskope, sondern im zunehmenden Maße auch für den Mikrokosmos Musikindustrie. Ohne sich auf zweifelhafte Starthilfe von Pay-To-Play-Talentwettbewerben oder ‚studiVZ sucht den Superstar’ zu verlassen, haben die Jungs seit jeher lieber selber flächendeckend Konzerte an Land gezogen, nebenher mit diesem Know-How in Sachen Konzertreisen ihre eigene Booking-Agentur gegründet, das Vorprogramm von Blackmail, Slut oder Eskobar bestritten und sich somit einen Namen erspielt, den man vor ein paar Jahren dann auch gar auf dem Billing des Hurricane-Festivals lesen konnte. Nicht schlecht für eine selbst gemachte und geschriebene Erfolgsgeschichte. Dabei ist das Geheimnis hinter diesem lawinenartigen Achtungs-Erdrutsch, den der Bandname mit seiner phonetischen Anlehnung an das englische Avalanche wortspielerisch bereits prophezeit, nicht nur harte organisatorische Arbeit. Vielmehr ist es die Fähigkeit dieser Band leichtfüßig extrem charmante ingeniöse Indie-Hymnen in Szene zu setzen, die sie locker auch auf den internationalen Index hieven kann.

Die klanglichen Vorbilder sind mit Bands wie Coldplay, My Vitriol oder auch Placebo clever gewählt und auch beim Hören schweift der imaginäre Blick gerne mal in Richtung Insel, was nicht nur den UK-Konnotationen in der Stimme von Sänger und Gitarrist Thorsten Finner zuzuschreiben ist, die in ihrer distinguierten feinen englischen Art hierzulande nicht unbedingt eine gegebene Vokal-Voraussetzung darstellen. Ein Song wie ‚Gravity’, der Eröffnungstitel des aktuellen Mini-Albums, ist ein schwebendes Melancholie-Manifest, welches Beispielsweise auch Phantom Planet in Sachen lupenreiner und glasklarer Pop-Schwerelosigkeit gut zu Gesicht stehen würde. Mit ‚The Seesaw’ folgt nach solch gelungenem Einstand auch schon die erste Überraschung. Ein anfänglich leicht irritierender Gesangseffekt aus der Vocoder-Kiste wird von minimalistischen Rhythmusteppich konterkariert, bevor die Strophe dann in einen flächigen Breitwand-Coldplay-Chorus kippt.

Dabei wirken Everlaunch selbst wenn sie zitieren beziehungsweise ihre Einflüsse ungeniert nach außen tragen, niemals aufgesetzt, ist die Emotionalität authentisch genauso wie die Melodiensüße nie ins klebrige abdriftet. Sie ist es dann auch, die sich durch die stilistisch niemals eindimensionale Einheit dieser EP durchzieht wie ein roter Faden: Everlaunch profitieren von ihrem ureigenem Pop-Verständnis. Jedoch ohne lästige marktschreierische Ausverkaufs-Taktitken. Und mit dem abschließenden, grandiosem ‚Picturefreak’ liefern die Jungs aus Norddeutschland den Teenage Angst-Song für das urbane Unsicherheitsgefühl ab, den Placebo seit langer Zeit schon schreiben wollten. Mehr als nur ein guter Ersatz. Everlaunch gehen ihren selbst gewählten Weg weiter. Ein Ende ist glücklicherweise nicht in Sicht. Dass die Vorschusslorbeeren, die sie bereits für ihr Album-Debüt ‚Plastic Affairs’ einheimsen konnten keine Kritikerentscheidungen waren, die sonst niemand kapiert, unterstreicht die Band mit vorliegender EP noch einmal eindringlich. Noch mehr Unabhängigkeitserklärungen bedarf es nicht.

Frank Thießies