Dem Punk in der DDR verdanke ich meine eigene Stasi Akte. Viele andere aus dem real existierenden Sozialismus sicher auch, aber Stopp mal, ich komme aus dem Westen, bin da geboren worden, dort aufgewachsen, habe nicht im Gitarrenkoffer von Yello Biafra oder so rüber gemacht und hätte deshalb eigentlich nicht von der Staatssicherheit belästigt und dokumentiert werden dürfen.

Wenn da nicht Rio (bürgerlich Frank Baur und nicht mit Herrn Reiser zu verwechseln) gewesen wäre. Der hatte mir Musik von seiner Band Müllstation geschickt. Es war ein Tape, versteckt in einem Stück Kernseife. Es roch harzig, aber klang gut. Ich hab es in meiner Radiosendung gespielt und ihn danach angerufen. Die Staatsgewalt hörte mit und als die danach bei Rio zu Hause in Eisenhüttenstadt an die Tür klopfte, verpfiff er mich.

Eigentlich glaubte sie ihm kein Wort. Offensichtlich war 1982 Punk noch nicht bei der Staatssicherheit angekommen. Rio und seine Kollegen von der Müllstation waren für sie lediglich lästige, laute Subjekte. Zur Berichterstattung für den Westen waren sie aus ihrer Sicht eigentlich nicht wirklich interessant, und die Story die er erzählte umso unglaubwürdiger, wenn man bedenkt, dass der „Journalist“, der sich da angeblich per Telefon angekündigt hatte, selbst noch keine achtzehn Jahre alt war.

Die Staatssicherheit hatte noch nie was von den Ramones, The Clash oder Buzzcocks gehört, aber sehr wohl schon von Heroin, Kokain und Marihuana. In das Land kam das Zeug in der Regel über Russische Soldaten oder westdeutsche Touristen rein. Rio und seine Freunde, die zum Treffen mit meinem Kollegen Thomas Meins und mir in die Hauptstadt der DDR fahren wollten, gingen als potentielle Abnehmer in den Augen der Stasi glatt durch. Thomas und ich als Drogenkuriere in spe scheinbar auch. Mit Plastiktüten – vollgepackt mit deutschen Independent Platten (eine Aufbau-Ost Spende der Plattenfirma Zick Zack) – marschierten wir unbehelligt durch den Zoll und über die Straße Unter den Linden bis zum Palast der Republik. Dort in der eigentlich hübschen Milchbar erfolgte dann Übergabe und das Interview. Ein paar Meter weiter, beim Alex an der Weltzeituhr, dann die erste Verhaftung.

Bei späteren Versuchen in die DDR einzureisen wurden die dann zur Routine. Von dort durfte nur berichten, wer eine spezielle Akkreditierung als Auslandsjournalist in der Deutschen Demokratischen Republik besaß. Deshalb bestritt ich jedes Mal auch wacker überhaupt journalistisch tätig zu sein. Das machte die Sache nicht gerade leichter und irgendwo in Hohenschönhausen sitzt wahrscheinlich heute noch ein Stasi-Offizier in seiner Datsche und ist der Überzeugung Motor sei eine Organisation von Drogenkurieren getarnt mit Radio, Fernsehen, Tourneen und Plattenveröffentlichungen.

Mit „Grün & Blau“ von Feeling B könnte ihm ein Licht aufgehen. Die CD und das dazugehörige Buch – ab 9.11. im Handel lieber Stasioffizier a.D. – klären darüber auf, wie lebhaft die Punk Szene in der DDR bereits war, bevor der Westen sich den Osten kaufte. Weder Wende noch der Tod des Sängers ließen sie aufgeben. Der Nukleus der Gruppe nämlich Flake, Paul und zu manchen Zeiten auch Schneider machten als Rammstein danach bei und mit Motor weiter. Das hätte der Arbeiter- und Bauernstaat verhindern können, aber auch Flake stellt in seinem Buch in Hinsicht auf seine Stasiakte fest: „ Alles was hier drin steht ist Unfug. Alle Sachen, bei denen ich wirklich an staatsfeindlichen Aktionen beteiligt war, sind unerwähnt. Nachdem ich diese und einige andere Akten gelesen haben, verlor ich völlig die Ehrfurcht vor der Stasi.“

In diesem Sinne sozialistischen Gruß
Tim Renner