“Für mich ist es immer noch wie ein Wunder, dass wir das Album fertig bekommen haben,“ erklärt Sängerin Shirley Manson und bringt damit alles auf den Punkt, was man in den letzten Monaten über GARBAGE und die Entstehung von Bleed Like Me gehört hatte. Da war von kreativen Löchern die Rede, von LKWs, die in die Studiowand krachten und schließlich sogar von Spannungen, Streit und Auflösung. Und jetzt, nach dem x-ten Mal Fan-Vertröstung, steht es da, in all seiner Schönheit, kraftvoller und gitarrengetriebener als je zuvor: Bleed Like Me, das vierte Album einer der umschwärmtesten, bewundertsten, auch umstrittensten Bands der letzten Dekade. Und es wirkt erstaunlich frisch, originär, lebhaft und ursprünglich.

Vielleicht ist es genau das: Dass GARBAGE Krankheiten, kreative Unstimmigkeiten, Operationen, größere Lebensumbrüche und eine längere Pause, bzw. zwischenzeitliche Auflösung (je nachdem, wen man fragt) bekämpft und gesund überstanden haben. Vom überladen-lustgetriebenen Rock-Masochismus im Opener Bad Boyfriend, über das komplexe, elektrogeborene Metal Heart bis hin zum unwiderstehlichen Popdrive von Run Baby Run oder der ersten Single Why Do You Love Me, bietet Bleed Like Me alles, was man von GARBAGE erwartet hat. Nämlich ein Album so sexy, soundmäßig ambitioniert, laut, gefühlsgeladen und catchy wie nur irgendwas. Die Funkiness von Boys Wanna Fight, das rotzig moralisierende Sex Is Not The Enemy und die Ballade It’s All Over But The Crying zeigen GARBAGE wütend und verletzlich wie eh und je.
Gitarren, Gitarren, Gitarren. Mehr jedenfalls als je zuvor: „Worauf wir sehr stolz sind, ist die Tatsache, dass wir vor allem erstmal eine laute Rockband sind, eine Gitarrenband, die hinter Shirleys Stimme steht“ erläutert Marker.
„Wenn wir auf die Bühne gingen, waren die Leute immer erstaunt, dass wir so laut waren,“ ergänzt Shiley. „Das ging dann immer: Oh Gott, eine ROCKBAND! Ich glaube, wir haben das nie wirklich auf einem Album einfangen können, aber diesmal sind wir wirklich nah dran.“
Diesen Drive zum Leben erweckt zu haben, das darf Shirley sich getrost auf die Fahnen schreiben. Denn nachdem sie sich längere Zeit angeschaut hatte, wie ihre drei Produzenten-Kumpel rumsaßen, die Gitarren auf dem Schoß hielten, mit der Technik herumspielten, war sie es, die mit dem Fuß aufstampfte. „Ich dachte, he, wo ist die Energie geblieben? Und zum ersten Mal nach langer, langer Zeit gingen die Jungs in den Aufnahmeraum, bauten die Amps auf, drehten sie laut und spielten einfach drauf los. Das fühlt man. Deshalb klingen die Gitarren so großartig.“
Doch bis zu diesem Punkt war es ein weiter Weg. Und was war nun eigentlich los bei GARBAGE?

Als GARBAGE sich irgendwann 1993 in Madison, Wiscounsin, zusammenfanden, da waren sie wenig mehr als drei Produzenten und ein Mädchen. Vig und Erikson hatten in einer Band namens Spooner gespielt, die Mitte der Achtziger einen College-Radiohit hatten, den Vigs Kumpel Marker auf einem Vierspurgerät in seinem Keller aufgenommen hatte. Später gründeten Vig und Marker die Smart Studios und produzierten Post-Hardcore-Bands wie Killdozer und Die Kreuzen. Dann setzte Vig zwei Meilensteine in die Landschaft: „Gish“ von den Smashing Pumpkins und „Nevermind“ von Nirvana, später folgten Sonic Youth, L7, House of Pain und Freedy Johnston.

GARBAGE – das sollte damals ein Freizeitprojekt sein, mit dem drei Freunde ein bißchen Spaß jenseits des Control Rooms haben wollten. Aber irgend jemand musste ja singen – „das sollte eigentlich nur ein Fünkchen in der persönlichen Bio werden,“ so Manson heute, die ihre Karriere als Keyboarderin in einer schottischen Combo namens Goodbye Mr. MacKenzie begann und danach ihre eigene Band Angelfish gründete.
Drei Alben später – Garbage (1995), Version 2.0 (1998) und Beautiful Garbage (2001) – waren GARBAGE in allen Charts der Welt zuhause und hatten eine ganze Stange an Singlehits (Queer, Only Happy When It Rains, Stupid Girl, Special, Cherry Lips) im Rücken, tauchten in fast jeder Beste-was-auch-immer-des-Jahres-Liste auf, wurden ein paar Mal für einen Grammy nominiert (z.B. 1997 Best New Artist, 2001 Album of the Year) und hatten den begehrten Job, einen James Bond-Titel zu schreiben: The World Is Not Enough. Sie haben an die 1000 Shows gespielt und tourten mit den Smashing Pumpkins, Alanis Morissette, U2 und No Doubt.
Alle vier sind letztlich hochkreative Köpfe, die immer zwischen Experiment und Bubblegum, zwischen Lärm und Schönheit, Licht und Dunkel schweben. In der Tat – eine Familie, und wie in jeder Familie gibt es immer irgendwo einen Konflikt oder Ärger oder Reibereien.

Die Spannungen brodelten schon, als Beautiful Garbage am 4. September 2001 erschien. Dann kam der 11.9., und auf einmal schienen Interviews und Promotouren unpassend und gar nicht spaßig. Auch ein US-Support-Slot bei U2 wurde zu einer Prüfung, und mitten in dieser Situation wurde eine ernste Hepatitis-A-Infektion bei Vig diagnostiziert. GARBAGE machten (mit Vigs Einverständnins) erstmal mit den Ersatzdrummern Matt Chamberlain und Matt Walker weiter, was für ungewohnte Vibes sorgte (Erikson: „Das erste Mal nach 20 Jahren, dass ich mit einem anderen Drummer als Vig auf die Bühne ging“). Vig heiratete seine langjährige Freundin, Marker und seine Frau bekamen ihr erstes Kind und Shirley verlor ihre Stimme – eine heftige Nervenprobe, die in einer Operation endete, in der ihr eine Zyste von den Stimmbändern entfernt wurde.

So begaben sich GARBAGE eher pflichtbewusst ins Studio, als es Zeit für ein neues Album wurde. Aber es passierte nichts. Nach einer frustrierenden Woche ging Vig nach LA zurück. „Mein Herz war nicht dabei,“ erklärt er. „Ich hatte das Gefühl:: Ich muss hier weg. Wenn wir diese Platte je fertig kriegen wollen, dann brauche ich eine lange Pause, um die kreativen Kräfte wieder aufzubauen.“
Marker pragmatisch: „Wir lösten uns auf.,“ So sieht es auch Shirley.

„Auf jeden Fall wurde es ziemlich dunkel, das ist wahr,“ so Erikson, immer schon die Stimme der Vernunft in der Band. „Alle vier wären wohl bereit gewesen, es damit sein zu lassen. Und der Grund war nicht mal, dass man sich nicht auf die Musik hätte einigen können. Zu ganz verschiedenen Zeiten kamen die einzelnen Bandmitglieder mit guten Ideen, aber die anderen stiegen nicht drauf ein. Wenn du dieses gemeinsame Band verloren hast, dann hast du gar nichts mehr.“

Fünf Monate ließ man die Band Band und Gott einen guten Mann sein. Dann wurde allen klar: „Wir sind in den letzten Jahren durch wirklich viel Scheiße gegangen. Aber wir wollten immer noch weitermachen,“ so Manson. „Alle anderen Bands, die mit uns angefangen hatten, sind weg. Aber wir sind noch da, wir wollen immer noch Alben machen, egal, mit welchen Erwartungen wir konfrontiert werden. Und das gibt dir wirklich Kraft. Das hat uns geholfen, schließlich das Album zu machen, das wir haben wollten.“

Weitere Entscheidungshilfe kam von einem missglückten Experiment. Zum ersten Mal gingen GARBAGE mit einem außenstehenden Produzenten ins Studio: Dust Brother John King. Dabei kam Bad Boyfriend heraus, sonst aber nichts. „Aller Respekt für John,“ erklärt Erikson. „Es war wirklich eine interessante Erfahrung. Mal zu gucken, wie ein anderer damit umgeht. Aber wir sind doch sehr auf unsere eigenen Wege eingefahren. Und was wir fest stellten war: die sind verdammt gut.“
„Es hat uns einfach gezeigt, dass wir die einzigen sind, die ein GARBAGE-Album produzieren können,“ ergänzt Vig.
Dann begann ein reger E-Mail und FedEx-Austausch von Homestudio zu Homestudio, ein Hin und Her an Gedanken und Ideen, die dann gemeinsam im Smart durchsortiert wurden. Und die Tendenz wurde schnell klar: Weniger Spuren, weniger Loops, weniger Samples, weniger Keyboard. „Die Arbeitsparole hieß: Einfachheit!“, so Erikson. „Ich glaube, dies ist unser stärkstes Material. Wir haben uns mehr auf die Songs konzentriert als auf auf die Produktion.“

Als Gäste waren Matt Walker (Filter, Smashing Pumpkins), Bassmann Justin Meldel Johnson (ImaRobot, Beck) und ein Drummer dabei, der zugleich ein alter Kumpel von Vig ist. „Er war großartig,“ so Butch Vig über Nirvana-Drummer und Foo Fighter-Frontmann Dave Grohl, der die Drums auf Bad Boyfriend bedient. „Er spielte es ein paar Mal und fragte dann: Wie soll ichs machen? Soll ich ein bißchen durchdrehen? Und wir sagten: dreh mal ein bißchen durch. Und Dave drehte völlig und komplett ab. Dieser Drum-Fill über den Gitarrenbreak, das ist das totale Chaos. Und er hatte die ganze Zeit dieses Grinsen im Gesicht, das war so großartig.“
Und es bescherte Vig diesen Moment, in dem an ihm vorüberzog, was all die Jahre gewesen war. „Da fiel mir auf, dass wir mehr erreicht haben, als die meisten Bands je erreichen würden.“

„Überhaupt – das vierte Album machen zu können, ist wirklich ein Glücksfall,“ ergänzt Manson. „Wir haben mittlerweile diese unglaubliche lange Gschichte. Ich glaube, das haut uns alle um und macht uns stolz.“

„Es ist so verdammt schwer, eine Band zusammen zu halten,“ setzt sie nach. „Aber ich glaube immer noch an die Magie einer Band. Dass Leute zusammen kommen und gemeinsam an etwas arbeiten. Ich bin immer noch verliebt in die Romanze mit dem Rock’n’Roll.“

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