2002 veröffentlichte Chima sein deutschsprachiges Solo-Debüt ‘Reine Glaubenssache’ bei der ‘EMI’. Drei Jahre später legt der Frankfurter Rapper nun den Nachfolger ‘Im Rahmen Der Möglichkeiten’ nach. In der Zeit zwischen den beiden Alben hat sich Einiges getan: Bei den Brothers Keepers hat er sich ein zweites Mal beteiligt. Auf ‘Geteiltes Leid II’ von Moses Pelham war er beim mp3-Track ‘Non Stop’ neben 31 (!) weiteren Gästen zu hören. Inzwischen ist er auch zum Label ‘3P’ gewechselt. Und er singt diesmal mehr, als dass er rappt. Wo sich andere darauf berufen, dass “im Rahmen der Möglichkeiten” einfach nicht mehr machbar war, legt Chima eben erst richtig los.

“Ich verstehe den ‘Rahmen’ als Definition und nicht als Limitation”, erklärt der 32-Jährige seine Interpretation des Albumtitels. “Er ist sinnbildlich als Raum beziehungsweise Arena zu verstehen, in der ich mich bewege. Mein Album wird demnach zu einer Arena der Möglichkeiten, so wie das für Kunst im Allgemeinen gelten dürfte. In meinem ‘Im Rahmen der Möglichkeiten’ ist die Beschneidung nicht erwünscht.”

Auch auf ‘Reine Glaubenssache’ überraschte Chima ja schon mit einer großen Veränderung: Er rappte auf deutsch. Denn eigentlich hatte er wie viele seiner damaligen Kollegen erst mit der englischen Sprache begonnen. Nachzuhören ist das auf dem Album ‘Pens, Mics, Public Transportation, A Dictaphone… And It Don’t Stop’, das er mit seiner früheren Gruppe Otropic T(h)ree bereits 1996 aufnahm. Fast ein Jahrzehnt später scheint die Verbindung zu seinen Anfängen nur noch gering zu sein, aber Chima schätzt das Werk als einen wichtigen Schritt hin zu dem, wo er heute steht. “Das Album ist ein Produkt eines früheren Lebensabschnittes. Es ist aus einer Zeit in meinem Leben, die für mich als Künstler und für meine Entwicklung sehr wichtig war. Dennoch ist es Vergangenheit und ich habe mich emanzipiert.”

Teil dieser Emanzipation ist, dass er auf ‘Im Rahmen Der Möglichkeiten’ sehr viel (mehr als früher) singt und sich auch thematisch weit von den zurzeit üblichen HipHop-Texten distanziert. Dabei erinnert er bei den Alltagsgeschichten und vom Stil her ein wenig an experimentierfreudigere Hiphopper wie Clueso oder die Hamburger Newcomer Jansen & Kowalski in ihren ruhigeren Momenten. Was ja auch nicht schlecht ist. Schließlich forderte Chima schon am Ende seiner Strophe bei ‘Non Stop’ mehr Kreativität mit den Zeilen “Ich bin die Zukunft, weil im Business Ideen fehlen./ Und Zug um Zug noch Beschiss die Kanäle lähmt./ Wollt ihr Skills? Wollt ihr echte Gefühle?/ Ich mach Beides klar. Alles sonst wär’ für die Spülung!” Trotzdem sieht er sich nicht als Gegenentwurf zum HipHop der vielen Möchtegern-Gangster. “Mein Beitrag zu diesem Spiel ist als Erweiterung, nicht als Distanzierung zu verstehen. Es gibt wirklich Einzigartiges im deutschen Rap, auch im internationalen Vergleich. Ich gebe dem Ganzen einfach neben einem neuen Gesicht auch alternative Perspektiven.”

So rappt er in ‘Druck’ über Alltagsprobleme, wie sie viele junge Menschen kennen: “Sechste Woche. Sie will es behalten, Mann./ ‘ne unterbrochene Pille halt./ Ich bin im vierten Semester – kein Ende in Sicht./ Gestern beim Job mein letztes Mal Schicht./ Gott, wie halt ich diesen Druck stand?/ Hilf mir raus, ich werd’ verrückt, Mann”. Wobei natürlich nicht alles, was er schreibt, autobiographisch zu verstehen ist. “Ich führe in diesem Song Dinge auf, die um mich herum geschehen und die den alltäglichen Klein-Terror und die sich daraus ergebenden Krisen beschreiben. Also Dinge, die einem das Leben im ersten Moment oft düster erscheinen lassen.”

Doch die Hoffnung darf einfach niemals aufgegeben werden. Für Chima sind seine Lieder ‘Haus Und Heimat’, die ihm und anderen immer wieder die schönen Dinge des Lebens aufzeigen. “Mal ist es ein Lied, das ich hör’./ Oder es ist eine Berührung, die ich spür’./ Es gibt so viele schöne Dinge die ich fühl’./ Lass es nicht aufhören”, heißt es im Refrain zu ‘Lass Es Nicht Aufhören’, das er mit Xavier Naidoo aufgenommen hat. Der gesellschaftskritischste Text ist ‘Mein Nächster’. Dafür schlüpft er in eine sehr egoistische Rolle und rappt: “Ich seh’ in allem zuerst den Nutzen./ Was kostet, was bringt’s und wie viel Geld?/ Ich will alles möglichst im Dutzend./ Irgendjemand anderes kümmert sich derweil um die Welt”! Dass er das Ganze aus der Ich-Perspektive vorträgt, senkt auf jeden Fall die Abwehrhaltung beim Hörer. “Ich hielt es für sinnvoll, meine Kritik in Selbstkritik zu betten. Ansonsten hätte ich Reflexe provoziert, die die eigentliche Message des Liedes nicht mehr wirklich im Blick gehabt hätten. Der Song soll zur Selbstreflexion anregen. Die Zuhörer sollen sich fragen, wie es bei ihnen selber mit dem Mitgefühl aussieht.”

Erste Single ist aber jetzt erstmal das schöne, von Bläsern unterstützte Liebeslied ‘Wundervoll’, das von seinem langjährigen Freund Greg de Neufville produziert wurde. “Wir kennen uns schon ewig. Er hat mir irgendwann Mitte letzten Jahres die Rohversion des Songs vorgespielt und ich habe es sofort gefühlt. Die Lyrics sprachen mir aus der Seele. Ich habe dann später den Beat beigesteuert und fertig war die Nummer. Zur Live-Umsetzung gibt es da einige Ideen. Das Publikum soll sich überraschen lassen, aber es wird definitiv dick.”

Text: Holger Köhler