Gudrun Gut legt ihr Solodebüt vor und feiert mit Monika Enterprise zehnjähriges Jubiläum.

Auf MotorFM: “Vorspiel” mit Gudrun Gut  am 8.4. um 19.00 Uhr.

I Put a Record On“, das gerade erschienene Album von Gudrun Gut, ist das Solodebüt der Berlinerin. Doch wer vermutet, hinter den minimalistisch angehauchten Technoklängen, die sich zusehends zu herrlich komplexen Popstrukturen verdichten, würde eine blutjunge Anfängerin stecken, hat die deutsche Musikszene der vergangenen dreißig Jahre vermutlich nur aus dem eintönigen Blickwinkel des Mainstreams verfolgt.

An den experimentierfreudigen Rändern des deutschen Pops hat Gut schon seit 1980 mehr Spuren hinterlassen als die meisten ihrer Zeitgenossen zusammen. Sie gehörte neben Blixa Bargeld zu den Gründungsmitgliedern der Einstürzenden Neubauten und stellte experimentelle New Wave-Bands wie Mania D., Matador und Malaria! auf die Beine. Vor allem letztgenannte feministische Frauencombo, die sich musikalisch sowohl vor hitzigem Punk und kühler Elektronik verbeugte, entwickelte sich zu einem im weltweiten Underground gefeierten Phänomen, dessen Hit „Kaltes Klares Wasser“ sich 20 Jahre später im Remix der Chicks On Speed sogar zum veritablen Charterfolg entwickelte.

Doch mit dem Ende der Bands hörte Guts Einfluss längst nicht auf: einmal in der Woche moderiert sie auf dem Berliner Sender Radio Eins die Sendung „Ocean Club Radio“, als DJ reist sie durch einige der angesagtesten Clubs der Welt und mit Pipilotti Rist tut sie sich hin und wieder für Kunstprojekte zusammen. Und dann ist da natürlich noch Monika Enterprise, die eigene kleine Plattenfirma, die in diesem Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum feiert und nun auch „I Put a Record On“ veröffentlicht.

In Berlin-Schöneberg sitzt Gudrun Gut in der Küche einer kleinen Altbauwohnung, die nicht nur als Tonstudio und Labelsitz mit Arbeitsplätzen für die drei Mitarbeiter dient, sondern – zumindest unter der Woche – auch als ihr Zuhause. „Wenn ich nach Amerika einreise, bin ich Manager, denn das ist einfacher, als wenn Du sagst, du bist Künstler“, beantwortet sie die Frage nach ihrer genauen Berufsbezeichnung. „Ich suche mir aber je nach dem aus, was gerade passt. Am arbeitsintensivsten ist aber auf jeden Fall die Labelsache.

Man glaubt ihr den Arbeitsaufwand sofort, nicht nur, weil ein gutes Drittel der Küche von Kisten voller CDs okkupiert wird. Unter Liebhabern hat sich Monika Enterprise mit fantastischen Elektro- und Indie-Pop-Platten von Künstlern wie Barbara Morgenstern, Quarks oder Contriva längst einen festen Namen gemacht. Nur in den Charts der breiten Masse hat man von diesen Bands selten etwas gehört, weswegen zumindest finanziell durchaus Zähigkeit gefragt ist: „Wir überlegen eigentlich jedes Jahr, ob es im folgenden noch weiter gehen kann. Ich als alter Stier bin da aber sehr penetrant, auch wenn das vielleicht gar nicht immer gesund ist.

Kein Zweifel: Gudrun Gut lebt und liebt Musik mit Leib und Seele, die eigene genauso wie die ihrer Künstler. Der Titel ihres Albums, dass sie in den letzten Jahren fast komplett in Eigenregie aufgenommen hat und vergangenes Jahr endlich fertig stellen konnte („Im Sommer während der WM konnte ich bei allen anderen Aufgaben endlich mal eine Auszeit nehmen!“) soll denn auch ganz bewusst den Akt des Plattenauflegens zelebrieren. „Musik wird im Augenblick total unterschätzt und sollte mal wieder den Stellenwert erlangen, der ihr gebührt,“ bedauert sie. „Meistens wird Musik heute als Beigabe gegeben zu irgendwelchen Nike-Schuhen oder so. Es gibt sie immer noch umsonst dazu. Das finde ich langsam wirklich richtig nervig. Kein Wunder, dass die Leute kein Geld mehr für Musik ausgeben, wenn sie sie immer umsonst dazu kriegen.

Dass das Geschäft mit der Musik momentan ein extrem hartes ist, spürt man bei einer kleinen Firma wie Monika aktuell natürlich besonders stark. „Für einen Künstler und ein Label ist das mit den illegalen Downloads und Kopien natürlich der Horror“, erklärt Gut. „Onlineverkäufe machen bei uns mittlerweile fast ein Drittel aus. Die richtige Herstellung eines Produkts ist aber natürlich eine richtig zeit- und geldintensive Angelegenheit. Ich kann mir also vorstellen, dass wir in Zukunft irgendwann auch umstellen auf reine Online-Musik.“ Das würde die Sache mit dem Plattenauflegen dann natürlich schwieriger machen, doch wer so lange im Popgeschäft durchgehalten hat wie Gudrun Gut, lässt sich davon auch weiterhin nicht im Optimismus erschüttern: „Auch wenn es zum reinen Monika-Online- Label kommen würde, wäre ich froh. Denn dann habe ich endlich mal die Küche leer.

Text: Patrick Heidmann