Die Zeichen verdichten sich, die Stimmen werden lauter – seit einiger Zeit hadert der Pop offen mit einem seiner einst wichtigsten Sujets: Dem Wochenende als erlösender Hort des einzigen, des richtigen Lebens nach der schweren Fron der Arbeitswoche. Bloc Party widmeten der Thematik vor einiger Zeit gleich den Titel ihres aktuellen Albums „A Weekend In The City“. Maximo Parks Paul Smith lässt sich in dem Song „Your Urge“ in bitteren Zynismen über „Empty words/ So free of connotations” zur blauen Stunde aus.
Eine radikale Umkehr, nachdem es 1966 bei den Easybeats noch geheißen hatte: „Monday I have Friday on my mind“ – und somit einer der zentralen Werte im Rock und Pop der nächsten vierzig Jahre endgültig manifestiert wurde. Von Freitag bis Sonntag durfte der junge Mensch Mensch sein, vermeintlich selbstbestimmt an der Freiheit riechen und natürlich: das andere Geschlecht erforschen. Entsprechende Textpassagen als Metaphern für die Flucht aus der beengenden Kleinstadthölle waren lange Zeit ebenso wichtig wie Autofahrten auf staubigen Landstraßen, Drogen und natürlich die „sweet little 16“. Eine radikale Wendung also.
Zum einen erklärt sie sich aus einem anderen, freilich bereits länger zurückliegenden Traditionsbruch: Bis Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre hatten Pop und Rock vor allem aus einer teilweise romantisch verklärten Working-Class-Perspektive stattzufinden. Auch wenn die Bands der so genannten British Invasion in den Sixties nur noch teilweise tatsächlich der Arbeiterschicht entstammten, wurde die initiierende Underdog-Perspektive der schwarzen Blueser und frühen Rock’n’Roller beibehalten. Spätestens ab Punk jedoch drängten verstärkt Angehörige der Mittel- und Oberschicht ins Geschäft mit der Subversion, die zaghaft begannen, ihrer Herkunft auch inhaltlich Rechnung zu tragen. Wie zum Beispiel der Diplomatensohn John Graham Mellor aka Joe Strummer. Nicht zuletzt natürlich, weil sie dem zunehmend in reinen Hedonismus ausartenden Gestus der Altvorderen auch inhaltlich etwas entgegensetzen wollten. Ein weiteres Mittel der Abgrenzung vom verhassten Mainstream-Rock. Wir erinnern uns: “No Beatles, Elvis or the Rolling Stones in 1977”.

Die Ventilfunktion des Wochenendes blieb dennoch zunächst unberührt und gewann insbesondere in den vergnügungssüchtigen Achtzigerjahren, die man nach Falco ja angeblich nicht erlebt hat, sofern man sich ihrer erinnert, geradezu mythologische Bedeutung. Zunehmend setzte sich unter den wie gesagt größtenteils nicht mehr dem Arbeitermilieu entstammenden Protagonisten der verschiedenen Szenen die Erkenntnis durch, dass man durchaus auch an allen anderen Tagen der Woche Drogen nehmen und Spaß haben könne. Und genau diese Haltung ist der springende Punkt: Es ging eben ursprünglich nicht nur ums „Spaßhaben“. Drogennehmen und Saufen galten lange – so seltsam das aus heutiger Perspektive vielleicht klingen mag – als gelebte Subversion. Durch sie verweigerte man sich, insbesondere in den Yuppie-seligen Achtzigern, der verhassten Leistungsgesellschaft; soff quasi politisch konnotiert und führte mit Vorliebe entsprechend umwälzerische Tresengespräche.
Die institutionalisierte, Event-gesteuerte und gänzlich entpolitisierte Massen-Vergnügungs-„Kultur“ heutiger Tage steht dazu in einem krassen Gegensatz. Die Scheinheiligkeit, mit der sich Politiker aller Couleur über Flatratesaufen und exzessiven Drogengebrauch der Partyszene ereifern, hat denn auch etwas deutlich Heuchlerisches. Tatsächlich ist der herrschenden Klasse die gewandelte soziale Struktur derartigen Treibens durchaus bewusst: Der junge Mensch von heute hat die Werte einer neoliberalen, turbokapitalistischen Leistungsgesellschaft überwiegend verinnerlicht und müht sich nach Kräften, ihnen zu entsprechen, „mitzumachen“. Da ihn das bisweilen überfordert und seine Perspektiven leider häufig nicht so rosarot sind, wie von Politik und Werbung versprochen, nutzt er exzessives Feiern als Ventil. So weit, so bekannt. Da er dies jedoch nicht zuerst tut, um Widerstand zu demonstrieren oder seine Abneigung, sondern um in der Woche drauf wieder maschinengleich und weitgehend kritiklos im Büro zu „funktionieren“, sind die Wochenendrituale der Mainstream-Partykultur unbedingt systemkonform. Dagegen zu rebellieren ist also nicht nur richtig, es verschafft dem so oft als inhaltsleer verschrienen Pop unserer Tage auch endlich wieder so etwas wie eine subversive Note. Danke dafür Maximo Park und Bloc Party.