Du meine Güte! Nur schnell noch was essen, dann kommt Juliette gleich in den Interview-Raum, sorry, der Flug hatte 25 Minuten Verspätung… Kein Problem! Gemessen an dem Stress, dem sich Juliette Lewis der Interviews wegen aussetzt, sind einige Minuten Verzögerung nun wirklich kein Ding: Direkt aus London kommt sie eingeflogen, an ihrem einzigen spielfreien Tag – denn in der englischen Hauptstadt unternimmt die Kalifornierin derzeit einen Selbstversuch – ihre erste Theaterrolle, mit freundlichen acht (!) Vorstellungen pro Woche.

Dazu kommen noch rund 120 Konzerte, die sie mit ihrer Band The Licks seit Veröffentlichung des Debütalbums ‘You’re Speaking My Language’ gespielt hat. Das ist gerade mal 16 Monate her, und da seinerzeit schon sämtliche Klatsch- und Tratschthemen durchgehechelt worden sein dürften, lassen wir einfach mal Scientology Scientology (und obendrein Lewis’ Privatangelegenheit) sein, ebenso begnügen wir uns mit dem Hinweis, dass wer sich über ihre Filmkarriere informieren möchte, gerne jederzeit die Internet Movie Database oder eine ähnliche Institution aufsuchen kann.

Schnell also noch ein asiatischer Tee mit Sojamilch (für die Dame) bestellt und los kann’s gehen – das Gespräch anlässlich des zweiten Albums von Juliette & The Licks namens ‘Four On The Floor’.

Ich habe gerade von deinem wahnsinnigen Terminplan gehört…
Mein wahnsinniger Terminplan ist… wahnsinnig! Ich bin aber vor allem aufgeregt, hier zu sein und über diese Platte zu reden – denn ich sitze auf dem Album schon eine sehr lange Zeit herum. Die Songs und die Wurzeln der Platte begleiten mich seit letztem Jahr! Und ich habe mir gerade das Artwork angeschaut… Was denkst du darüber? Sei ehrlich!

Oh, ich war etwas überrascht – wie kommt der Indianer-Kopfschmuck ins Spiel?
Das ist alles der einsame Rock’n’Roll-Krieger, der ich bin – ich lebe den Rock’n’Roll-Traum und das ist alles! (lacht) Es gibt kein großes Thema dahinter, ich finde nur, dass es ein starkes Bild ist! Es geht darum, den guten Kampf zu kämpfen… Rock’n’Roll!

Dein erstes Album begann ja mit einer kleinen Botschaft an die gesamte Welt: “I know you think you know me better than that” – wie, um den Menschen zu zeigen, dass du vielseitiger bist und nicht nur die “singende Schauspielerin”. Gibt es auf dieser Platte ebenfalls eine Message? Sie fängt ja mit den Worten an: “I know! Fuuuuuck!”…
Ja, und dann sage ich “Hit it, Killer!” – und damit meine ich Dave (Grohl), der das Schlagzeug spielt! Ich sage das, und er spielt dieses John Bonham/Led Zeppelin-Fill. Bei dieser Platte geht es ganz darum, die Live-Energie einzufangen – und endlich hatten wir auch einen guten Produzenten. Im Gegensatz zur letzten Platte, denn da hatten wir… überhaupt keinen Produzenten! Zu der Zeit hatten wir nur ein paar gute Songs, aber unseren eigenen Sound noch nicht gefunden. Diesmal stand uns Dylan McLaren zur Seite, der auch unseren Live-Sound macht, und deswegen weiß, wie wir klingen sollten. Das holte er dann auch aus uns heraus.

Das ist ja quasi deine zweite Runde, was die Interviews zum Thema Musik betrifft – stellst du schon Veränderung zu den Gesprächen über dein Debüt-Album fest, zum Beispiel in der Art, wie die Leute diesmal auf dich zugehen?
Na, das werden wir wohl noch sehen! (lacht) Ich fange ja gerade erst an! Ich denke aber schon, dass die Leute uns anders begegnen werden – es ist unser zweites Album, wir haben viel Arbeit hineingesteckt und sind als Band gewachsen. Wir haben unseren Sound gefunden, und die Band ist jetzt genau so, wie ich sie mir zu Beginn vor drei Jahren vorgestellt habe! Wir hatten viele Line-Up-Veränderungen, und der Bassist, den wir jetzt haben – Jason Womack – er ist der X-Faktor, die magische Zutat. Um noch mal auf die Frage nach der Message zurückzukommen: Als wir mit dem neuen Album fertig waren, stellte ich fest, dass ein Thema alle Songs verbindet: Sehnsucht oder Verlangen! Nicht nur körperliches oder sexuelles Verlangen, sondern der Wunsch, der Traum eines Lebens, dem man hinterher jagt. “Get Up” ist über die Verfolgung dieses Traums, “Smash And Grab” ist darüber, auf der Flucht oder Jagd zu sein – alle Songs sind durch die Konsequenzen oder den Verrat der eigenen Wünsche verbunden. ‘Bullshit King’ und ‘Killer’ sind Songs über Verrat… ‘Killer’ handelt übrigens von einem Freund von mir und seinem “Alter Ego” als ‘Ladykiller’.


Nebenbei bemerkt: Als ich zum ersten Mal den Song ‘Smash And Grab’ hörte, habe ich anstelle von “I’m in a Hot Pursuit” verstanden: “I’m in a Hot Bear Suit”…
(lacht) Das gefällt mir besser! Aber natürlich geht es um jemanden, der auf einer wilden Jagd (“Hot pursuit”) ist – in einem schnellen Auto stiehlt er Herzen, “fucking and fighting” – ein sehr maskuliner Song… (lacht, singt ‘Hot Bear Suit’)

Was die Schlagzeuger betrifft, habt ihr definitiv ein Spinal-Tap-Ding am laufen…
(Lacht) Ja, ist es nicht das, was sie alle sagen: Das schwierigste am Rock’n’Roll ist, einen guten Drummer zu finden! Und ich hatte einen, aber das Ding ist: Die Leute springen wieder ab! Sie wollen nicht touren, und wir arbeiten verdammt hart! Unser letzter Schlagzeuger wollte lieber im Studio arbeiten. Ebenso unser letzter Bassist, der als Sessionmusiker gut leben kann und sich den Stress des Tourens deshalb spart. Der Drummer, der mit uns auf Tour gehen wird, ist ein Freund von Kemble Walters, meinem Gitarristen.

Und auf dem Album habt ihr ja Dave Grohl…
Ja! Aber was das Touren betrifft, habe ich keinen festen Drummer – und wer auch immer es sein wird, hat große Fußstapfen, in die er tritt. Immerhin muss er Dave Grohls Parts spielen…


…und einen wahnsinnigen Terminplan durchhalten.
Genau! Vielleicht suche ich mir sogar ZWEI Schlagzeuger für die Touren, die sich dann abwechseln können! Es ist wichtig, immer in der Lage zu sein, zu touren – man muss es lieben, was wir tun! Unser erster Tour-Drummer ist jedenfalls ziemlich cool – mal sehen, wie er nach zwei Monaten aussieht…

Wenn das stimmt, was auf eurer Website steht, dann habt ihr 2005 etwa 120 Shows gespielt – das bedeutet ja, an jedem dritten Tag ein Konzert!
Ja, unglaublich, oder?

Und jetzt kommst du gerade aus London, wo du Theater gespielt hast?
Yeah. Was ich tue, ist dies: Weil ich weder verheiratet bin, noch Kinder habe, gebe ich alles, was ich habe, meiner Kreativität. Für mich speisen sich Schauspielerei und Musik gegenseitig, das haben sie schon immer getan. Wenn ich früher Filme drehte, habe ich immer Musik benutzt, um mich in einen Charakter hineinzuversetzen. Und Theater spielen ist etwas, das ich vorher noch nie getan hatte. Jetzt spiele ich acht Mal in der Woche! Das hilft mir, mich aufs Wesentliche zu konzentrieren, und an meiner Darbietung zu arbeiten – es ist verdammt hart, Abend für Abend etwas leidenschaftliches auf die Bühne zu bringen. Und wenn ich damit fertig bin, geht es auf Tour…

… mit einem freien Tag dazwischen, wie ich vorhin hörte.
Ja! (lacht) Die gute Nachricht ist: Ich bin gesund (lacht noch lauter).

In was für einem Stück bist (warst) du eigentlich zu sehen?
‘Fool For Love’, von Sam Sheppard. Es geht um zwei Liebende, die eigentlich nicht zusammensein sollten, es aber schon sehr lange sind. Der Kerl verlässt sie immer wieder… Das Stück fängt an, ich stehe auf der Bühne stehe, und sage zuerst nichts – um dann richtig auf den Typen loszugehen, ihn anzuschreien. Es ist sehr stark und sehr harte Arbeit! Bei der Musik ist wahrscheinlich der Spaßanteil größer.

Es fällt dir also schwerer, Abend für Abend auf einer Theater-Bühne zu stehen, als in einem Konzertsaal?
Schwer zu sagen – Touren ist auf seine Art auch hart, aber die Freude am Musikmachen ist intensiver und macht mehr Spaß als das, was man “Emoting” nennt; wenn man Schreien, Weinen oder Lachen muss (weil es im Drehbuch steht). Das fand ich immer schon sehr merkwürdig, auch wenn es rückblickend betrachtet doch wie Spaß schein. Ich kann es recht gut, und versuche, es so ehrlich wie möglich zu machen. Aber Gefühle sind etwas schwierig – sie machen mich schnell verrückt… Tatsächlich geht es darum in dem Song ‘Sticky Honey’ – all diese Emotionen zwischen Männern und Frauen…

Ein anderer Song sticht aber hervor aus dieser ganzen Sehnsuchts-Thematik, und zwar auf eine düstere Art und Weise: ‘Death Of A Whore’…
Ja… das war natürlich etwas vereinfacht dargestellt vorhin, obwohl – dies ist vermutlich die düsterste, ursprünglichste Form der Begierde. Da gibt es die Zeile “You’ll find your mark/ in the shadow of a man.” Es dreht sich um das Verhältnis zwischen Huren und den Männern, die sie aufsuchen. Der Song handelt im Wesentlichen vom Bereuen; eine andere Zeile, die ich sehr mag, geht so: “Yesterday is always too far away/ and all my tomorrows won’t save me today.” Ich saß einfach so da, nachdem alle anderen Songs schon aufgenommen waren, und bastelte an diesem Stück herum. Ich wusste, es würde ein Spoken-Word-Ding werden, mit Reimen und bestimmten rhythmischen Phrasen – in der Art wie Lou Reed oder meinetwegen auch Bob Dylan schreiben (lacht). Es geht um diese Prostituierte, die stirbt – und im Refrain hört man sie dann von der “anderen Seite” singen; ihr Geist voller Qual, Melancholie und Reue. Das erste, was ich für den Song hatte, war das, was ich die “Fuck You”-Bridge nenne. Der Teil, wo es so geht: “Fuck you and fuck you and fuck you some more…” Ich liebe den Fakt, dass ich über acht Takte lang “Fuck You” sage… Ich denke, der Song gibt auch einige Hinweise auf Richtungen, die wir in Zukunft einschlagen könnten – uns ein bisschen mehr mit der dramatischen Seite beschäftigen, denn in dem Song geht es ausschließlich um Emotionen. Und die Leute kommen immer zu mir und sagen: “Aber du bist eine Schauspielerin, wie kommt’s, dass du jetzt eine Band hast?” Und ich sage dann immer, dass sich Musik doch auch total ums Erzählen von Geschichten und um Gefühle dreht! Wenn man das in Songs umsetzen kann, dann wird das sehr kraftvoll – und manchmal geht es auch einfach um eine gute Zeit und ums Entertainment.

Spielt ihr eigentlich in jeder Stadt so oft wie in Berlin? Immerhin waren das drei Konzerte in etwa anderthalb Jahren!
Wirklich? Daran kann man sehen, dass wir es wirklich ernst meinen! Wir haben eine Menge Liebe in Berlin… und für Berlin! Wir hatten einige unserer besten Shows dort. Und in einem weiteren halben Jahr werden wir dort bestimmt fünf Mal gespielt haben. (lacht) Dies ist doch nur die erste Runde mit der neuen Platte und ich bin schon dabei neue Songs zu schreiben und über die nächste Platte nachzudenken! Ich will einfach so weitermachen, weiter schreiben. Ich bin manchmal schon etwas einsam, und dafür ist Songs schreiben gut! (lacht) Jetzt schaust du mich mit ganz großen Augen an und denkst “Oh, wie traurig…”

Ist das also tatsächlich auch eine Motivation für dich, die Einsamkeit als Antrieb?
Ja, ich denke schon! Auch hier geht es wieder um Verlangen, Leidenschaft und das Bedürfnis nach Verbindung! Es ist aber schon eine vertrackte Sache, diese ganze Liebes-Chose… Ich weiß nicht, ob ihr diese Redewendung auch habt: “The Grass is always greener…”

…on the other side?”

Genau! Ich habe Freunde, die verheiratet sind. Und sie träumen sich zurück in die Zeit, in der sie noch niemand gegenüber Verpflichtungen hatten. Und ich versuche einfach, zu genießen, was ich gerade habe: Freiheit, Hunger – und eine Band, die ich wirklich liebe! Wir sind vermutlich die glücklichste Band, die du je gesehen hast (lacht). Es gibt keine internen Kämpfe, und ich zähle die Tage, bis sie zu mir nach London kommen und wir mit den Proben anfangen können! Sie sind meine große Liebe!

Mir war aufgefallen, dass du für deinen Tee Soja-Milch bestellt hast – bist du Vegetarierin? Du hast ja auch bei einem PETA-Spot gegen die Brutalität bei Kentucky Fried Chicken mitgemacht, oder?
Oh, Gott… Was da passiert war, ist dies: Ich war bei der Warped-Tour, und dieses Mädchen kam zu mir und fragte mich, ob ich ein paar Worte über die Massenhaltung und -Tötung von Hühnern sagen wollte. Und, klar: Ich bin total für artgerechte und bessere Haltung, aber ich esse Tiere! Ich bin keine Vegetarierin – ich mag nur keine Milch!

Du lebst in Silver Lake (Los Angeles), oder?
Nein, ich habe in der Nähe von Silver Lake gewohnt – aber jetzt bin ich obdachlos! Ich habe mein Haus verkauft! (lacht) Es ist ein unglaublich verrücktes Jahr für mich: Ich bin 33, bin mittendrin, eine komplett neue Karriere auf die Beine zu stellen, habe mein Haus verkauft, um nach England zu ziehen und an einem Theater zu spielen. Im Anschluss daran werde ich auf Tour gehen und meine zweite Platte veröffentlichen. Also werde ich für das nächste Jahr auf Tour sein und mir hoffentlich danach eine nette Wohnung leisten können. Vermutlich werde ich erst mal bei meiner Schwester im Valley einziehen, wenn wir fertig sind. Ich habe vorher in einem Vorort gelebt. Dort war es sehr ruhig, familienfreundlich – eben exakt so, wie man sich nicht vorstellt, wie ich lebe! Ich hatte einen kleinen Swimming Pool… Ich mag es, wenn mein Privatleben schön ruhig und weit weg von allem ist…

Wie haben deine Nachbarn dort auf dich reagiert? Waren sie neugierig?
Nein, sie waren eigentlich sehr nett. Viele Familien, nebenan eine mit zwei Kindern im Teenager-Alter. Mein Ex-Mann hat dort mit mir gelebt, und er ist ein Profi-Skateboarder. Also haben manchmal Kids bei uns geklopft: “Ist Steve Berra zuhause?” Denn sie wollten, dass er ihre Skateboards signiert. Probleme hatte ich dort überhaupt nicht…

Und dieses ruhige Leben hast du jetzt komplett aufgegeben – zugunsten des Daseins als Full-Time-Rock’n’Roll-Kriegerin…
(lacht) Genau: Für ein komplett entwurzeltes Leben – kein Zuhause, außer der Straße, meiner Band und meinen Songs…